Der Schatten der Zukunft

Phasen des Übergangs und der Stress im mentalen Wartezimmer

Übergangszeiten sind belastend: Die menschliche Begabung zum «Vorausfürchten» macht sie zum Dauerstress. Der beste Weg, diesen Stress zu reduzieren, ist, schnellstmöglich für klare Verhältnisse zu sorgen. Das ist leichter gefordert als umgesetzt, aber es gibt ein paar Tricks.

Ab dem Moment, wo erste Gerüchte über eine bevorstehende Fusion, Übernahme oder Umstrukturierung durchs Haus wehen, ist nichts mehr wie es war. Über allen Projekten, Investitionen und Vorhaben schwebt plötzlich ein unsichtbares Verfallsdatum. Gleich ob der Tag, an dem die Neuerungen in Kraft treten, bereits fest terminiert ist oder unbestimmt in der Zukunft liegt: Der Status quo, den alle wie selbstverständlich ins Unendliche extrapoliert hatten, ist unwiderruflich dahin; ab sofort lebt man in einer Übergangszeit.
Das stellt sämtliche Zukunftsinvestitionen in Frage – nicht nur finanzielle, auch emotionale. Lohnt es sich überhaupt noch, so fragen sich die Mitwirkenden, Zeit und Kraft in ein laufendes Projekt zu stecken oder ist ungewiss, was daraus unter den veränderten Umständen werden wird? Die Frage zu stellen, heißt, sie zu beantworten. Also erlahmt die Energie, und Projekte schlafen entweder ein oder schleppen sich untot dahin.
Dieses «Abschlaffen» ist keineswegs voreilig und irrational, wie manche im Management schimpfen. Es ist völlig rational. Um sich für ein Vorhaben zu engagieren, muss man daran glauben, dass etwas daraus werden wird: Dass es etwas bringt, dass es die Welt, wenigstens die eigene kleine Welt oder Abteilung, ein Stückchen besser machen wird. Wenn man daran nicht mehr glauben kann, wäre es irrational, sich weiter zu engagieren. Also hören die Leute auf damit.

Durchhalteparolen
Oft gibt das Top-Management in dieser Situation die Parole aus: «Wir machen erst einmal weiter wie bisher, so als ob es keine Fusion, Übernahme oder Umstrukturierung gäbe. Mit guten Ergebnissen kann sich schließlich jede*r am besten für die bevorstehenden Entscheidungen positionieren.» Das klingt auf den ersten Blick einleuchtend und vernünftig – und ist auf den zweiten blanker Unsinn. Denn «wie bisher» gibt es nicht mehr: Der Schatten der Zukunft, wie es der Kooperationsforscher Robert Axelrod genannt hat, hat auf einen Schlag seine Gestalt verändert und ist zu einer dunklen, bedrohlichen Wolke geworden.
Trotzdem hat die Ansage Wirkung. Die Adressaten verstehen sie – richtigerweise – so, dass das Management von ihnen erwartet, so zu tun als ob nichts wäre. Und zumindest bei offiziellen Anlässen keine insistierenden Fragen zu stellen. Was ihre Sorgen und Ängste natürlich nicht beseitigt, sondern nur in den Untergrund drängt. Aber immerhin: Vordergründig herrscht Ruhe.
«Man hört überhaupt nichts», wunderte sich eine Personalchefin. «Ich frage mich, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist.» Naja, es ist das eigene Echo: Man sagt ja auch nichts.

Jede*r kämpft für sich alleine
Die Beschäftigten entnehmen der Weiter-so-Ansage vor allem eines: Von ihren Vorgesetzten ist in dieser Angelegenheit keine Hilfe zu erwarten. Jede*r kämpft für sich alleine. Also tun alle wie geheißen und simulieren Normalität. Die eine recherchiert schon mal in Job-Portalen, der andere reaktiviert sein Netzwerk von der Uni. Der dritte gründet mit Mitbetroffenen eine Yammer-Gruppe. Die vierte überlegt, ob jetzt nicht der ideale Zeitpunkt wäre, noch ein zweites Kind zu bekommen. Der fünfte brütet, wie es seine Art ist, dumpf vor sich hin. Und natürlich stellt der Betriebsrat markante Forderungen, schon um die eigene Ratlosigkeit zu verdecken.
Nur für eines interessiert sich in dieser Situation kaum noch jemand, nämlich für die Kundschaft. Was deshalb gefährlich ist, weil das die Richtung ist, aus der das Geld kommt – allerdings nur, wenn zuvor eine halbwegs akzeptable Leistung erbracht wurde.
Halt, falsch, wir wollen nicht ungerecht sein: Für die Lieferanten interessiert sich auch keiner mehr. Auch für andere externe Stakeholder nicht. Nur der Webshop reagiert weiter mit stoischem Gleichmut auf eingehende Bestellungen. Allenfalls bei den Auslieferungen und bei Reklamationen kann es zu Ausfällen kommen, weil hier – Pech gehabt – wieder Menschen im Spiel sind.
Im Gegensatz zu anderen Arten besitzt der Mensch die Fähigkeit, sich über die Zukunft Gedanken – sprich, Sorgen – zu machen. Und er macht reichlich Gebrauch davon. Was kommen wird oder kommen könnte, quält die meisten Menschen mehr als die Widrigkeiten der Gegenwart. Befürchtetes Unheil kann eine im Grunde erträgliche Realität zur Hölle machen, bezeugte schon Michel de Montaigne: «Mein ganzes Leben war geprägt von Katastrophen, von denen die allermeisten nie eingetreten sind.»
Wegen dieser «Ausnahmebegabung zum Vorausfürchten» tun sich Menschen sehr schwer damit, mit Übergangssituationen zu leben. Sobald klar ist, dass sich die Lage ab einem bestimmten (oder unbestimmten) Termin grundlegend ändern wird, ist die Gegenwart im Grunde vorbei – man befindet sich mental im Wartezimmer. Und je bedrohlicher die Schatten der Zukunft erscheinen, desto mehr verklären viele die Gegenwart, an der sie noch bis vor kurzem ziemlich viel auszusetzen hatten.
Zwar hat Morgan Housel wahrscheinlich recht, wenn er sagt: «A big takeaway from economic history is that the past wasn’t as good as you remember, the present isn’t as bad as you think, and the future will be better than you anticipate.» Aber es ist schwer, sich an solchen Weisheiten aufzurichten, wenn der Schatten der Zukunft so dunkel und bedrohlich wirkt.

Lahme Enten
Was können Führungskräfte, was kann das Top-Management in solch einer Situation tun, um Stress zu reduzieren und Ruhe und Zuversicht zu schaffen? Die schlechte Nachricht lautet: Nicht allzu viel. Ihre Einflussmöglichkeiten hängen zum Großteil von einem Faktor ab, der nicht in ihren Händen liegt: Ob sie nämlich selbst bereits einen festen Platz in der zukünftigen Struktur haben oder nicht. Auch hier ist der «Schatten der Zukunft» bestimmend: Jemand, der selbst (noch) keinen festen Platz in der künftigen Organisation hat, kann allenfalls Trost spenden, aber keine belastbaren Zusagen machen. Sie können die Ungewissheit nicht reduzieren, denn man kann mit ihnen keine verbindlichen Vereinbarungen treffen.
Für die Zusicherung «Falls ich Chefin dieses Bereichs werde/bleibe, werde ich Sie …» kann man sich nichts kaufen. Denn die unausgesprochene zweite Satzhälfte lautet: «Wenn nicht, dann nicht.» Eine solche Zusage beruhigt niemanden: Darauf kann man keine Lebens- oder Karriereplanung aufbauen. Auf ernüchternde Weise zeigt dies, wie dominierend in solchen Situationen die formale Autorität gegenüber der personalen
ist. Einfühlungsvermögen, «Leadership» und «Persönlichkeit» nützen nur sehr begrenzt, wenn man nicht die Macht hat, verbindliche Zusagen zu machen. Wer am Ertrinken ist (oder sich so fühlt), braucht nicht Empathie und Zuwendung, und er braucht erst recht keine «Leadership» – er braucht einen festen Halt.

Entlastung und Ermutigung
Daraus folgt nicht, dass Empathie, Persönlichkeit und innere Haltung in solchen Situationen überhaupt keine Rolle spielten. Natürlich ist es ein Unterschied, ob die ausgesprochene oder unausgesprochene Ansage lautet: «Wir simulieren jetzt Normalität!» oder ob sie heißt: «Ich weiß, wie belastend diese Situation für euch ist.» (Den unvermeidlichen Nachsatz, dass die Situation auch für einen selbst belastend ist, sollte man sich schenken: Er lenkt nur von den Betroffenen weg auf die eigene Person.)
Doch der Nutzen einfühlsamer Kommunikation ist begrenzt: Eine Sorge geht nicht davon weg, dass man sie würdigt. Da Führungskräfte Situationen der Ungewissheit nicht auflösen können, bleibt ihnen nur Schadensbegrenzung: Für etwas Entlastung zu sorgen, die Sache aber zumindest nicht mit dummen Sprüchen, die der Vereinzelung Vorschub leisten, noch schlimmer zu machen.
Für die meisten Beschäftigten können die Vorgesetzten, solange die Verhältnisse unklar sind, kaum mehr tun als ihnen zu signalisieren, dass sie um ihre Sorgen wissen. Es bringt nichts, Gesprächskreise zu gründen, in denen man sich über seine Gefühle austauscht. Wer solch einen Gesprächskreis sucht, findet ihn im Zweifel selbstorganisiert an der Kaffeemaschine.
Selbstorganisiert «emergiert» auch, dass viele ihren persönlichen «Plan B» machen: Sie denken darüber nach, was sie denn täten, falls die Firma ihnen entweder kündigte oder eine wenig attraktive Position anböte. Davon erfahren die Vorgesetzten in der Regel wenig; es findet entweder ganz im Stillen oder mit engsten Vertrauten statt: Man will ja nicht als unsicherer Kantonist erscheinen. Doch über Alternativen nachzudenken, ist vernünftig und gesund: Ein guter Plan B ist das beste Mittel gegen Ohnmachtsgefühle und Zukunftsängste.
Eine Nebenwirkung solcher Überlegungen kann allerdings sein, dass manche dabei zu dem Ergebnis kommen, dass ihr Plan B eigentlich gar nicht so schlecht ist – dass er im Gegenteil sogar viel zu gut ist, um seine Realisierung davon abhängig zu machen, ob man ihnen kündigt. Und die deshalb selbst zur Tat schreiten. Oder nur noch abwarten, ob sie vielleicht noch eine Abfindung mitnehmen können.
Pech für die betroffenen Unternehmen: Sie verlieren auf diese Weise nicht diejenigen, die sie gerne los wären, sondern diejenigen, die den meisten Mut, die besten Alternativen und den höchsten Marktwert besitzen. Gerade in Zeiten knapper werdenden Personals ist das ein Faktor, den Firmen bei ihrem Vorgehen nicht ungestraft ignorieren.

Mit Katastrophenfantasien umgehen
Es gibt jedoch auch Menschen, die zum «Katastrophisieren» neigen, wie es Albert Ellis, der Begründer der rational-emotiven Therapie, nennt. Sie malen sich ihr Schicksal in schwärzesten Farben aus und steigern sich immer tiefer in die Katastrophe hinein, bis sie schließlich voller Panik sind, ihre Kinder nicht mehr ernähren zu können und schließlich unter der Brücke zu enden. Ihnen können beherzte Vorgesetzte mit einem guten Gespräch sehr wohl Druck nehmen. Allerdings nur, wenn sie die Sorgen auch in ihrer Tiefendimension ernst nehmen und sie nicht mit vermeintlich beruhigendem Geschwätz wegzureden versuchen.
Beschwichtigungen à la «Machen Sie sich mal keine unnötigen Sorgen» oder «Ich weiß, du schaffst das» vermitteln den Adressaten nur das Gefühl, die Vorgesetzte sei entweder nicht gewillt oder nicht in der Lage, ihre Sorgen zu verstehen.
Wer Katastrophenfantasien ausräumen will, muss das Gegenteil des Üblichen tun und die Gefahr nicht verleugnen, sondern bestätigen: «Gleich wie unwahrscheinlich es ist: Ja, es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass Sie Ihren Job verlieren.» Keine Sorge: Das führt nicht dazu, dass die Adressaten nun endgültig durchdrehen – im Gegenteil: Sie fühlen sich zum ersten Mal verstanden und in ihren Ängsten ernstgenommen.
Das ist der Schlüssel: Nur wenn man den schlimmsten denkbaren Fall als reale Möglichkeit akzeptiert, kann man sich damit auch auseinandersetzen. Für diejenigen, die diese Gefahr, so gering sie auch sein mag, nicht verdrängen können oder wollen, ist die einzige sinnvolle Alternative, sich ihr zu stellen: «Ja, es könnte sein.» Dieses simple Statement ist – vermutlich mehr, als man beim Lesen merken kann – ein emotionaler Befreiungsschlag: Es ist das Ende des Verleugnens, Verdrängens, der sich selbst aufgezwungenen Blindheit.
Der zweite Schritt ist dann, diesen schlimmsten Fall in aller Konsequenz zu Ende zu denken. Einmal angenommen, den Betreffenden würde tatsächlich gekündigt (gleich wie unwahrscheinlich das ist), dann stünden sie ja nicht sofort auf der Straße: Sie bekämen eine Abfindung (mindestens ein halbes Monatsgehalt pro Beschäftigungsjahr, praktisch nicht selten ein ganzes), eventuell auch ein Outplacement, oder sie würden für
etliche Monate in einer Transfergesellschaft weiterbeschäftigt und bei der Suche nach einem neuen Job unterstützt.

«Was kommen wird oder könnte, quält die meisten Menschen mehr als die Widrigkeiten der Gegenwart.»

Am Ende eines ausführlichen, sorgfältig zu durchlaufenden Denkprozesses steht in aller Regel die Erkenntnis: Was im schlimmsten Fall wirklich droht, sind nicht hungernde Kinder und ein Nachtquartier unter der Brücke, aber im allerungünstigsten Fall, falls sie über etliche Jahre hinweg keine neue Stelle fänden, drohte sehr wohl ein empfindlicher Wohlstandsverlust. Der Absturz ins Bodenlose jedoch würde – wenigstens in
unserem vielgescholtenen Sozialstaat – durch Wohngeld, Bürgergeld, Kindergeld etc. verhindert.
Damit ist «der Boden gefunden»: Das ist tatsächlich der Worst Case: nicht irgendein mehr oder weniger willkürlich gewählter ungünstiger Verlauf, sondern der allerschlimmste denkbare Fall. Ihm gilt es ins Auge zu sehen, auch wenn er nur für den äußerst unwahrscheinlichen Fall droht, dass wirklich alles schiefläuft. Ist man gemeinsam bei dem konkreten Worst Case angekommen, kippt in aller Regel die Stimmung – und zwar nicht in Depression und Verzweiflung, sondern im Gegenteil in eine spürbare Entlastung und Entspannung. Warum? Eben weil aus den endlos kreisenden Katastrophenfantasien mit dem Absturz ins Bodenlose ein reales, greifbares Szenario geworden ist. Und in aller Regel ist das zwar alles andere als attraktiv und anstrebenswert, aber trotz allem kein Weltuntergang und auch keine Vernichtung der persönlichen Existenz.
In diesem deutlich gelasseneren Zustand kann dann der dritte Schritt angegangen werden, nämlich die Frage, was die Betreffenden selbst tun können, um der Sache einen positiven Verlauf zu geben: Was wären geeignete Strategien für den Umgang mit den gegenwärtigen Veränderungen, was weniger? Was wäre zweckmäßig zu tun oder zu unterlassen? Und auch hier: Was ist der Plan B für den Fall des Falles?

Schnellstmöglich für klare Verhältnisse sorgen
Aber was man auch tut: Ein Übergangszustand bleibt ein Übergangszustand – eine Zeit, in der alle teils bang, teils hoffnungsvoll darauf warten, dass er endlich vorbeigeht und wieder klare Verhältnisse einkehren.
Das Beste, was das Top-Management tun kann, um Stress von der Belegschaft zu nehmen und sie wieder zur Ruhe kommen zu lassen, ist dementsprechend, schnellstmöglich für klare Verhältnisse zu sorgen. Auch wenn den neuen Zustand, wie immer er aussieht, nicht alle mögen werden, sorgt er doch für ein Ende der Ungewissheit und die ersehnten klaren Verhältnisse.
Schnellstmöglich für Klarheit zu sorgen, liegt auch im wohlverstandenen eigenen Interesse des Top-Managements. Denn je länger der Schatten einer ungewissen Zukunft über dem Unternehmen liegt, desto mehr leidet unvermeidlich das Geschäft. Je länger diese Phase instabiler Leistungen andauert, desto größer das Risiko, dass es manchen Kunden und Kundinnen zu bunt wird und sie sich nach Alternativen umsehen. Wer aber erst einmal abgewandert ist, kommt nicht so leicht wieder zurück.
Ähnliches gilt für die Beschäftigten: Je länger man sie im Ungewissen lässt, desto mehr von ihnen beenden von sich aus das quälende Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins, indem sie erst ihr Herz und dann ihr berufliches Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Auch bei den Verbleibenden können bleibende Schaden entstehen, vor allem wenn sich das Gefühl breit macht, dass man sie unnötig lange schmoren ließ, um
sich irgendwelche zweifelhaften Vorteile damit zu verschaffen: «Die wussten doch schon lange …»

«Der Nutzen einfühlsamer Kommunikation ist begrenzt.»

Auf einen großen Vertrauensvorschuss sollte man dabei nicht bauen: Menschen, die Angst um ihre Zukunft haben, sind tendenziell misstrauisch gegenüber denjenigen, die die Entscheidungen treffen. Und sie sind anfällig für Gerüchte und Spekulationen – man hat manchmal den Eindruck: Je bizarrer, desto besser. Wer denkt, «Meine Leute kennen mich doch und wissen, dass sie mir vertrauen können», wird unter Umständen eine Enttäuschung erleben: Ein vertrauensvolles Verhältnis aus ruhigen Zeiten überträgt sich nicht ohne weiteres auf (subjektiv empfundene) Krisen. In Gefahr heißt es, sich in Acht zu nehmen.

Schwierige Entscheidungen beschleunigen
Das Problem beim schnellen Schaffen klarer Verhältnisse ist, dass «die da oben» oft sehr viel weniger Klarheit haben als die Ebenen unter ihnen unterstellen. Klar, man kennt die grobe Richtung – man weiß etwa, dass man von einer funktionalen Organisation auf eine Geschäftsfeldorganisation wechseln möchte oder dass man die übernommene Firma – vollständig? teilweise? – in die eigenen Strukturen integrieren will. Doch unterhalb dieser Grundsatzentscheidung sind jede Menge Einzelfragen offen und müssen mühsam Stück für Stück erarbeitet, diskutiert und entschieden werden.
Dafür sind drei Grundsätze hilfreich:
1. Wann man fertig wird, ist maßgeblich davon bestimmt, wann man anfängt. Wer zu spät kommt, weil «so viel Verkehr war», macht sich und anderen etwas vor. Es gibt eine hohe Korrelation zwischen dem Zeitpunkt, zu dem man aufbricht, und dem, zu dem man ankommt.
2. Wann man fertig wird, ist maßgeblich davon bestimmt, dass man in der heißen Phase zügig vorankommt – was wiederum an die banale technische Voraussetzung gekoppelt ist, dass genügend Zeit für Diskussionen im Vorstand oder der Geschäftsführung zu Verfügung steht.
3. Wann man fertig wird, ist maßgeblich davon bestimmt, dass man sich auf klare strategische Ziele und aus ihnen abgeleitete Entscheidungskriterien verständigt hat.

Voraus-Denken statt Hinterher-Denken
Ein klassischer Fehler bei Fusionen und Übernahmen ist, dass man viel zu spät damit beginnt, ernsthaft über die künftigen Strukturen und Abläufe sowie über den Integrationsprozess nachzudenken. Im schlimmsten Fall wird damit erst nach dem Closing begonnen, also nach dem rechtlichen Inkrafttreten der Verschmelzung. Das ist fatal, denn, wie Bahnreisende wissen, man kann noch so schnell fahren, eine stark verspätete Abfahrt macht man damit nicht wett.
Im Idealfall ist die Blaupause für die Integration am Tag des Closing fertig, und man kann am ersten Tag die künftige Organisationsstruktur samt der wichtigsten Stellenbesetzungen verkünden und sich sodann an die Detailarbeit machen.
Möglicherweise braucht man für einige Personalentscheidungen ein paar Wochen länger, weil man die mittleren Führungskräfte des übernommenen Unternehmens natürlich nicht alle kennt und etwas Zeit braucht, um sich ein Bild von ihnen zu machen. Allerdings dürfen sich diese verspäteten Besetzungen nicht zu lange verzögern, denn sonst hängen nicht nur die Betroffenen, sondern mit ihnen die gesamte Organisation unnötig um Wochen länger in der Luft als erforderlich.
Die Paradoxie dabei ist, dass es in der Regel wenig Grund zur Hektik gibt, sofern man nur rechtzeitig anfängt. Dann muss man gar nicht «so schnell wie möglich» fahren – es genügt, nicht zu trödeln und sich nicht zu verzetteln.

Genügend Top-Management-Zeit reservieren
Banale Planungsfehler bringen gerade Organisationsprojekte häufig in Nöte: Meist unterschätzt man dramatisch die Zeit, die das Top-Management braucht, um sich auf die vielen Einzelentscheidungen zu einigen. Oder man ahnt es zwar, wagt aber aus falschem Respekt nicht, darauf zu bestehen, dass entsprechend viel Zeit der hohen Herrschaften reserviert wird.
Und dann kommt es, wie es kommen muss: Plötzlich und überraschend braucht der Vorstand doch mehr Zeit, um alle nötigen Entscheidungen zu treffen. Doch am Tag darauf bricht der Vertriebsvorstand zu einer lange geplanten zweiwöchigen Chinareise auf, die er auf keinen Fall absagen kann. Nach seiner Rückkehr kriegt man mit Mühe und Not einen dreistündigen Termin in die Kalender gezwängt, an dem tatsächlich alle Vorstandsmitglieder gleichzeitig im gleichen Raum sein können, für den aber bereits diverse Stabsabteilungen andere Themen angemeldet haben. Die will man gleich am Anfang der Sitzung schnell abhaken – und am Ende bleibt von den drei Stunden noch eine knappe halbe für die Organisation, auch weil einige der Stabsleute es clever geschafft haben, dem Vorstand noch einige weder wichtige noch dringliche «Ach-übrigens-Themen» unterzujubeln. Dann müssen drei der Vorstände dringend los, um mit ihren Teams eine in der Folgewoche stattfindende Industriemesse in Barcelona vorzubereiten. Für die Vorstandsvorsitzende und den Finanzvorstand bindet derweil der bevorstehende Quartals-Analystinnen-Livestream den Großteil der Aufmerksamkeit. Das Resultat ist maximaler Stress bei weitgehendem Stillstand in der Sache. Denn natürlich wissen oder ahnen die Häuptlinge, dass ihre Indianer*innen ungeduldig auf Entscheidungen warten. Die Personalchefin hat schon mehrfach angemahnt, sie könne den Betriebsrat nicht mehr länger hinhalten; die Stimmung sei inzwischen sehr gereizt. Im mittleren Management, so berichtet sie, kursierten inzwischen Gerüchte, der Vorstand sei heillos zerstritten und nicht mehr einigungsfähig. Peinlicherweise ist der folgenschwere Patzer im Nachhinein so offenkundig und vorhersehbar: Dass der Vorstand mit den unzähligen Einzelentscheidungen in, sagen wir, sechs dreistündigen Sitzungen nicht fertigwerden würde, kann ex post jede Praktikantin «vorher»sagen.
Für Projektverantwortliche empfiehlt es sich daher, unerbittlich Zeit zu blockieren, einschließlich einiger Wochenenden, auch wenn das bei manchen Vorständen zu Missmut, hochgezogenen Augenbrauen oder offenem Protest führt. Doch sollte die reservierte Zeit wider Erwarten nicht benötigt werden, habe ich noch keinen Vorstand erlebt, der sich beschwert, er hätte nun plötzlich so viel Luft im Kalender und wisse nicht, was er in dieser Zeit machen solle.

Klare strategische Ziele
Zum Zeitfresser bei Vorstandsdiskussionen wird häufig, dass man sich in vielen Einzelfragen deshalb nicht einigen kann, weil man sich, ohne es bemerkt zu haben, in den Zielen uneins ist. Wenn die eine auf größtmögliche Autonomie der Sparten setzt und der andere auf die bestmögliche Nutzung der Synergien zwischen den Sparten, dann ist es unwahrscheinlich, dass sie etwa bei der Diskussion über die Organisation des Controllings oder des Personalbereichs leicht einen Konsens finden.
Deshalb empfiehlt es sich, ganz zu Beginn, solange man noch nicht über die Bockbeinigkeit der Kolleg*innen verärgert ist, so viel Zeit wie erforderlich in die Klärung von Zielen und Kriterien zu investieren: An welchen nachprüfbaren Kriterien wollen wir denn festmachen, ob die Struktur eines Bereichs oder einer Abteilung optimal ist? Welche Ziele und Anforderungen sollten dann besser erfüllt sein als in alternativen Strukturen oder Modellen, welche Abläufe sollten dann besonders leichtgängig sein?

«Vor allem kommt es darauf an, Übergangsperioden möglichst kurz zu halten.»

Da wir Menschen aber nicht perfekt sind, wird es trotzdem passieren, dass man wichtige Aspekte übersieht. Deshalb ein weiterer «banaler» Tipp: Wenn Sie merken, dass Sie nun schon länger über einen Punkt debattieren, den Sie eigentlich rasch abzuhaken hofften, aber keinen Schritt vorankommen und langsam ärgerlich werden, dann treten Sie einen Schritt zurück und schlagen vor, die unausgesprochenen Ziele und Kriterien hinter den verschiedenen Vorschlägen ins Blickfeld zu nehmen: Welche stillschweigenden Anforderungen und Maßstäbe stehen hinter unseren unterschiedlichen Präferenzen? Worauf zahlt der eine Vorschlag ein, worauf der andere – und was sind wirklich die gemeinsamen Ziele und Prioritäten des Gremiums?
Wenn dabei unterschiedliche Anforderungen oder Prioritäten zutage treten, dann ist das ein großer Erfolg. Denn solange sie unerkannt sind, machen sie es schwer, voranzukommen und belasten das Klima. Aber es macht es notwendig, erst einmal auf der Zielebene für eine Klärung zu sorgen. Es gibt da keinen leichten Ausweg – oder genauer: Die Zielklärung ist der Ausweg. Solange man sich auf der Zielebene nicht einig ist, ist
eine Einigung in der Einzelfrage nur durch Machtausübung oder Erschöpfung möglich.
Resümee: Übergangszeiten sind belastend, weil Menschen von ihrer Fähigkeit, sich Sorgen um die Zukunft zu machen, meist überreichlich Gebrauch machen. Durch gute Kommunikation kann man sie etwas weniger belastend machen – oder zumindest nicht noch schlimmer. Vor allem aber kommt es darauf an, Übergangsperioden möglichst kurz zu halten. Das wiederum hängt nicht zuletzt an scheinbar banalen technischen Voraussetzungen wie dem frühzeitigen Vorausdenken und dem Einplanen von genügend Top-Management-Zeit.

 

Winfried Berner
(70) befindet sich derzeit selbst in einer Übergangssituation: Nach mehr als 25 Jahren Selbständigkeit übergibt er seine Firma und Website www.umsetzungsberatung.de an seinen langjährigen Kooperationspartner
initio Organisationsberatung und steht künftig nur noch in begrenztem Umfang als Speaker und (Very) Senior Change Coach zu Verfügung.

 

Literatur:

• Berner, W. (2022). Reorganisation und Restrukturierung – Strukturen verändern, ohne die Kultur zu ruinieren, Schäffer-Poeschel.
• Berner, W. (2017). Systemische Post-Merger-Integration, Schäffer-Poeschel.
• Doppler, K. & Voigt, B. (2012). Feel the Change! Wie erfolgreiche Change Manager Emotionen steuern, Campus.

 


Editorial Ausgabe 4/24

Zu neuen Ufern

«Wie kann ich meinem Team in dieser Phase Orientierung geben, wenn ich selbst nicht weiß, was mit mir passiert?» fragt mich im Coaching eine Kundin, deren Firma restrukturiert. Darauf gibt es keine einfache Antwort. Vielmehr half es, gemeinsam zu analysieren: Welche Einflussnahme ist in dieser Übergangssituation möglich? Wie kann den Bedürfnissen des Teams begegnet werden? Was steht zur Verfügung, um die Ungewissheit mental auszuhalten, zu überbrücken oder gar produktiv zu nutzen?

Jeder Mensch erlebt eine Vielzahl biografischer Übergänge wie das Erwachsenwerden, den Beginn oder das Ende der beruflichen Tätigkeit, Berufswechsel, Elternschaft oder weitere gravierende Lebenseinschnitte. Ähnlich durchlaufen auch Organisationen Entwicklungen, die einen neuen Abschnitt in ihrer Biografie einläuten.

Übergänge sind mit einem Abschied von Vertrautem verbunden und erfordern Offenheit für Neues. Häufig entsteht in diesen Phasen organisationaler Stillstand. Es lohnt sich nicht mehr, in Bisheriges zu investieren, doch das Neue ist in seiner Konturierung noch nicht erkennbar. Je länger das dauert und je diffuser das Veränderungsziel scheint, desto ausgeprägter die Unsicherheit und Unzufriedenheit bei denen, die in diesem Zwischenzustand gefangen sind. In dieser Ausgabe der ZOE erkunden wir, auf welche Erkenntnisse und Vorgehensweisen wir zurückgreifen können, um organisationale Übergangssituationen wirksam zu gestalten.

Beispielsweise erläutert gleich der erste Beitrag, wie Führungskräfte das «Vorausfürchten» und den Belastungsgrad bei Restrukturierungen reduzieren können. Damit Übergangsperioden kognitiv bewältigbar werden, benötigen wir eine konzeptionelle Vorstellung des Weges von A nach B, wofür verschiedene orientierungsstiftende Visualisierungsmöglichkeiten hilfreich sind. Weitere Artikel illustrieren wirksame Interventionen wie Rituale, transformative Workshopformate oder das theoretische Framework der Engpasstheorie, um Übergangsperioden gut zu navigieren. Auch neurobiologische Effekte lohnt es sich bei der Gestaltung derartiger Veränderungen zu berücksichtigen. Bei der Nutzung von Theorien zur Inspiration und Unterstützung empfiehlt sich jedoch eine genaue Prüfung, da auch populäre Ansätze wie die Theorie der Entwicklungsstufen nach Graves möglicherweise aus wissenschaftlicher Sicht keine legitime Grundlage für das Handeln in der Praxis geben, wie ein Beitrag eindrucksvoll vermittelt.

Übergangssituationen gehören zum Leben. Mit geeigneten Strategien finden wir die transformative Kraft, um neue Wege zu beschreiten.

Einen schwungvollen Übergang in den Herbst und eine interessante Lektüre wünscht Ihnen

Brigitte Winkler


Entscheidungen neu denken

Niels Van Quaquebeke über KI-basierte Entscheidungsfindung und deren Einfluss auf die Führungsrolle

Beim Thema Künstliche Intelligenz geht es oft um den Mehrwert, den KI-Instrumente für Organisationen schaffen können – und dabei insbesondere um die Frage, ob sich dadurch eine neue Qualität in Entscheidungsfindungsprozessen eröffnet. Unser Redakteur Oliver Haas hat mit Niels Van Quaquebeke, Psychologe und Professor für Führung und Organisationspsychologie, darüber gesprochen, was Entscheidungen überhaupt ausmacht bzw. was sie von Lösungen unterscheidet und wie der Vormarsch von KI künftig Einfluss auf die damit verbundenen Prozesse in Organisationen nehmen wird.

ZOE: Steigen wir ganz grundlegend ein: Denke ich an Entscheidungen, denke ich an …

Quaquebeke: Als guter Wissenschaftler denke ich erst einmal an Definitionen. Und da ist es bei dem Wort Entscheidungen nicht einfach, denn Leute verstehen häufig zwei sehr unterschiedliche Dinge darunter: Auf der einen Seite gibt es Gleichungen, die optimal aufgelöst werden. Das heißt, auf der Basis von Diskussionen und Abwägungen von Daten weisen Risiko- und Chancenberechnungen auf eine bestimmte «Lösung» hin. Und das wäre dann auch das bessere Wort. Wir haben etwas gelöst und nicht entschieden.
Auf der anderen Seite stehen wirkliche Entscheidungen. Diese entstehen dann, wenn ich im Prinzip zwei oder mehr weitestgehend gleichwertige Optionen vor mir habe und diese nicht lösen kann, also kein probabilistisches oder wertegetriebenes Modell mir vorgibt, welche die bessere ist.

ZOE: Was ändert sich daran in Organisationen, wenn wir nun KI einsetzen?

Quaquebeke: KI kann uns bei ersterem helfen. Also beim Lösen. Denn letztendlich ist das die Stärke von KI: ein probabilistisches Abwägen aufgrund von Daten. Je nach programmiertem Alignment ist auch das Wertefundament klar. Die Schwierigkeit ist, dass KIs – derzeit zumindest noch – mit einem Selbstbewusstsein reden, dass wir meinen, dass sie etwas gelöst haben, obwohl es mit so viel Unschärfen versehen ist, dass es eigentlich eher eine Entscheidung war. Beispielsweise Lösung A wäre 49 Prozent und Lösung B 51 Prozent, aber bei kaum belastbarer Datenlage. Und trotzdem wird die KI es so vertreten, dass Lösung B eindeutig die bessere ist. Hier müssen wir in der Entwicklung nachsteuern, so dass beim Einsatz von KI auch erkenntlich wird, wie gut die dahinter liegende Datenlage und Wahrscheinlichkeitsabschätzung ist. Ansonsten nehmen wir das alles für bare Münze, obwohl es für viele Bereiche wahrscheinlich einstweilen noch klare menschliche «Entscheidungen» im Graubereich braucht.

 

ZOE: Entscheidungen haben eine sachliche, zeitliche und soziale Dimension. Sachlich und zeitlich ist die KI dem Menschen womöglich woraus, aber wie wird die soziale Dimension von Entscheidungen
bedient?

Quaquebeke: Bisher ist eine KI wohl nicht besonders gut darin geschult, wie man eine Entscheidung auch in die Organisation trägt und dass man dafür unter Umständen einen partizipativen Prozess anstoßen muss. Aber das kann sie sicher lernen. Die Prinzipien sind ja nicht besonders komplex. Gegebenenfalls kann sie sogar anhand von Auswertungen von Kommunikationsnetzwerken identifizieren, wen man wann wie ins Boot holen soll. Allerdings, wer sagt denn, dass die Organisationen der Zukunft so wie die bisherigen operieren müssen? Vielleicht werden Entscheidungen gar nicht mehr groß diskutiert werden. Vielleicht bekommen Mitarbeitende durch Dashboards ihre Ziele vorgegeben und ansonsten lernen sie, dass diese jederzeit von der organisationseigenen KI verargumentiert werden können, auch wenn es eigentlich nicht – wie eben angesprochen – eine Lösung sondern «nur» eine Entscheidung ist, die auch anders hätte ausfallen können. Und damit verlernen wir, wenn wir nicht aufpassen, das Abwägen und Diskutieren im sozialen Gefüge. Das Rüstzeug zum Navigieren von Entscheidungen.

ZOE: Organisationen sind dazu da, im Prozess des Entscheidens Ungewissheit in Gewissheit zu verwandeln. Wenn nun eine KI «Entscheidungen auf Knopfdruck» fällt, wie verhält sich das im Kontext Organisation? Was wird sich hier verändern?

Quaquebeke: Wir werden bei Entscheidungen ehrlicher werden müssen. Es geht nicht um Gewissheit, denn die ist auch nach einer Entscheidung nicht da, sondern um geschlossenes Commitment oder mindestens Compliance, einen bestimmten Weg trotz Unsicherheit zu gehen.

ZOE: Peter Drucker sagte, die «ureigenste Aufgabe» von Führung liege darin, für Entscheidungen zu sorgen. Wenn KI das auch kann, macht das Führungskräfte nicht überflüssig?

Quaquebeke: Nein, Peter Drucker hat weiterhin recht. Denn KI löst zwar, entscheidet aber nicht. Dennoch entscheiden heute viele Führungskräfte Dinge, die eigentlich gelöst werden sollten. Ihnen fehlen zuweilen nur die Zeit, die Daten und die analytischen Kapazitäten. In diesem Bereich wird die KI menschlichen Führungskräften bald überlegen sein. Aber absehbar wird es genug Bereiche geben, wo man die Dinge halt noch nicht lösen kann, und hier als Mensch eine Entscheidung treffen muss. Wichtig ist allerdings, dass diese Bereiche die Domäne der Menschen bleiben und nicht einfach blind ebenfalls den Maschinen überlassen werden. Beim Ausspucken bestimmter Analysen müsste etwa ein Confidence-Level mit angegeben werden, so dass Führungskräfte auch stärker ihre Verantwortungsbereiche zum Entscheiden erkennen.

ZOE: Beispiel Feedback geben: Das zählt zum Tagesgeschäft jeder Führungskraft, ist aber mitunter stark durch subjektive Sichtweisen geprägt. Hier wäre doch KI viel neutraler, unvoreingenommener und vor allem schneller, oder?

Quaquebeke: Feedback ist Handwerk. Und das kann und sollte man lernen. Nicht jede Führungskraft macht das oder ist gewillt, diesem Prozess viel Zeit zu schenken. Hier ist eine KI natürlich unglaublich viel  geduldiger und kann hoch frequentes, niederschwelliges Verhaltensfeedback geben. Sie dürfte bald auch eine viel längere Erinnerung haben und kann sich in der Sprache dem Adressaten anpassen. Zudem steht die KI eigentlich nie im Verdacht, Dinge nur um des eigenen Egos willen zu sagen. Jeder, der mit einer Smartwatch trainiert, weiß, dass diese einem auch Feedback gibt. Man mag zwar schimpfen und manchmal vielleicht die Berechnungsgrundlage in Frage stellen, aber man hält dem Gerät nicht vor, dass es etwas persönlich gegen einen hätte. Es hat hier zuweilen etwas sehr beruhigendes, dass man sich nicht einem anderen Menschen ausgesetzt fühlt.

ZOE: Ein weiteres Beispiel: In einem Team soll zu Beginn des Jahres festlegt werden, wer wann Urlaub nehmen darf. Eigentlich nicht dramatisch, aber immer hochsensibel, weil es u. a. um Fairness und Transparenz im Prozess geht. Wie würde eine KI diese Situation lösen?

Quaquebeke: Hier treffen ja unterschiedliche ethische Perspektiven aufeinander: A) Die beste Lösung für die Meisten. B) Oder gibt es besonders zu berücksichtigende Gründe, wie etwa Familie oder Seniorität. C) Oder jedem das gleiche Recht und daher ein Rotationsverfahren. Es gibt hier kein Richtig oder Falsch. Es braucht eine Entscheidung. Und das können KIs nicht. Es sei denn, es wird ihnen einprogrammiert (Stichtwort «Alignment»), welchem Wertekanon sie folgen sollen. Allerdings könnten Sie die Frage anders stellen. Beispielsweise: Welche Urlaubsregelung führt zu den wenigsten Produktionseinbußen bei gleichzeitig hoher Zufriedenheit der zentralen Leistungsträger*innen. Das wäre eine Gleichung. Die könnte eine KI lösen.

ZOE: Welche Rolle(n) ergeben sich für Führungskräfte in Zeiten von KI bei Entscheidungsfindungsprozessen?

Quaquebeke: Sie werden sukzessive alle Rollen aufgeben, wo Dinge zu lösen sind. Stattdessen werden sie sich darauf konzentrieren, diese Dinge noch besser lösbar zu machen. Also beispielsweise für bessere Daten sorgen. Ansonsten werden Top Führungskräfte maßgeblich für Alignment zuständig sein. Zu schauen, dass die KI-Systeme entsprechend vorgegebener Ziel- und Wertemodelle operieren. Dafür müssen sie erstens immer wieder kontrollieren, dass die Datengrundlage dafür passt und beispielsweise sich keine Vorurteile einschleichen. Denn auch hier gilt «garbage in, garbage out». Und zweitens, sie werden kontrollieren müssen, dass der Lösungsweg der KI nicht irgendwann aus dem Ruder läuft. Beispielsweise, wenn die KI eine Situation so auflöst, dass es am besten wäre, Mitarbeitende richtig auszuquetschen, weil es finanziell  instrumenteller ist, Mitarbeitende auszutauschen statt auf etwaige minimale Produktionsgewinne durch Ausquetschen zu verzichten. Führungskräfte werden also eher zu «Wächtern» der Prozesse als dass sie diese selbst steuern.

ZOE: Soziale Situationen führen immer auch zu Spannungen. Entsteht durch KI nicht auch ein gänzlich neuer Mechanismus in der Bearbeitung von Konflikten?

Quaquebeke: Da bin ich persönlich sehr ambivalent. KIs werden uns in der Interaktion und im Vergleich mit anderen Kollegen*innen und Führungskräften erst einmal deutlich angenehmer erscheinen. Die Gründe habe ich beim Thema Feedback genannt. Wir werden also weniger Konflikte mit KI als mit Menschen erleben. Aber der Mensch wächst an Konflikten. Wie sollen wir wachsen, wenn wir uns nicht mit der KI reiben können? Etwa weil wir denken, dass die eh schlauer ist oder mehr Informationen zur Verfügung hat. Oder aber weil die so aalglatt im Umgang mit uns ist, dass wir gar nicht in den Antagonismus kommen. Woran wachsen wir dann? Wie wachsen wir über uns hinaus? Dazu braucht es Hürden und Konflikte. Hier sehe ich noch nicht, wie diese mit KI natürlich gestaltet werden können. Denn wenn die KI unser Instrument ist, dem wir alles sagen bzw. einprogrammieren können, dann fühlt sich der Konflikt nicht echt oder essentiell an. Wenn stattdessen die KI wirklich so angelegt ist, mit uns in den Konflikt zu gehen, dann stehen wir wahrscheinlich häufig ziemlich dumm da. Und die KI hat hier kein Gespür, das Soziale zusammenhalten zu wollen. Sie ist nicht darauf angewiesen. Wir Menschen würden also häufig «verlieren». Das macht persönliches Wachstum nicht leichter.

ZOE: Was möchten Sie Entscheidungsträger*innen in Organisationen heute empfehlen zu tun, um zukünftig die Potenziale, aber auch Limitationen von KI für sich zu nutzen?

Quaquebeke: Das, was alle sagen, die sich auskennen: Los, raus und selbst damit herumspielen. Lest euch schlau, holt euch Expert*innen, die euch schnell in die wichtigen Diskurse einführen. Dass KI kommt, ist klar. Dass sie Führung und damit viele derzeitige Prozesse in Unternehmen übernehmen wird, ist auch klar. Die Frage wird immer weniger, welche Rolle die KI übernehmen wird, sondern welche Rolle der Mensch noch spielen wird. Das müssen wir herausfinden. Aber das werden wir erst, wenn wir ein Gespür dafür bekommen. Derzeit laufen wir Gefahr, dass Führungskräfte über KI reden wie die Blinden von der Farbe.

 

Niels Van Quaquebeke
Professor für Führung und Organisationspsychologie, KLU

Oliver Haas
ZOE-Redakteur, Seniorberater der osb international

 


Editorial Ausgabe 3/24

Nur Mut

«Das sind sie!» Der Schulleiter strahlt. Etwas ungläubig blicke ich auf zwei humanoide Roboter, die sich grinsend vor mir aufbauen. «Wir führen ein Experiment durch, wie sich KI in direkter Interaktion mit Schülerinnen und Schülern auswirkt. Das größte Problem war, dass die beiden keine Treppen laufen konnten, aber das haben wir jetzt gelöst.» Aha, es menschelt also auch bei der Umsetzung von KI.

KI erfährt derzeit wie kaum ein anderes Thema Aufmerksamkeit in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Dabei kann die Befassung hiermit bestenfalls als kollektive und disperse Suchbewegung be­zeichnet werden: So denken einige, dass Chatbots erste Zeichen von Intelligenz aufweisen und antizipieren, dass Technologie bald men­schenähnliches Denken replizieren kann. Andere glauben genau das nicht und wünschen sich eine stärkere Regulierung der mit KI ver­bundenen Auswirkungen auf Menschen. Und für Viele, die Mehr­heit, ist das Ganze noch eine große Unbekannte. Die Folge ist eine Mischung aus Begeisterung, Verunsicherung und Verteufelung.

Was bedeutet das für Organisationen? Sie stehen vor der Heraus­forderung, dass sich datenbasierte, vernetzte Technologien wie KI nicht nur immer rasanter ausbreiten, sondern sich zudem kontinu­ierlich weiterentwickeln, während der Diskurs über die Konsequen­zen in der Anwendung bestenfalls erahnt werden kann. Bei KI han­delt es sich um emergente technologische Phänomene: Sie entwi­ckeln sich selber aufgrund ihres Anwendungs-­ und Nutzungsgrads stetig fort. Die Folge ist eine spürbare Zunahme an Gleichzeitigkeit und Spannung, mit der es sich auseinanderzusetzen lohnt. So gilt es KI kompetent einzusetzen und gleichzeitig kontinuierlich dazu zu lernen. Wie das aussehen kann, erläutern u. a. Cornelia Reindl, Mar­tin Eppler, Andreas Seitz und Julia Klatte. KI kann Entscheidungs­findungen spürbar beschleunigen. Was aber bedeutet das für die Gestaltung von Zusammenarbeit und Entscheidungsprozessen? Hierzu teilen Doris Weßels, Stephan Barth und Niels Van Quaque­beke ihre Gedanken mit uns. Reicht eine Optimierung von Personal und Organisation oder muss sich beides unter KI­-basierten Vorzei­chen gänzlich anders entwickeln? Melanie Hasenbein sowie Torsten Schmid und Joachim Stonig haben hierzu Antworten. Wie gelingt es im Kontext von KI rechtssicher zu handeln, wenn regulatorische Rahmenbedingungen teilweise noch gar nicht geklärt sind? Rechts­expertin Susanne Grimm liefert hierzu wichtige Orientierung. All das kann nur eine Momentaufnahme sein, aber auch ohne Glasku­gel sollte deutlich geworden sein: Auf Sicht fahren war gestern, ins Risiko gehen ist heute. Hierzu möchten wir ermutigen.

Stichwort Mut: «Ha, das ist ja ein mutiges Experiment», bricht es aus mir heraus. Verwundert schaut mich der Schulleiter an: «Na ja, ohne Mut kein Wandel, oder?» Ich nicke ihm stumm zu.

 

Herzlich, Ihr

Oliver Haas


Fail Fast?

Ein unzeitgemäßes Plädoyer für bessere Projektplanung

«Ich habe in den letzten zwei Jahren drei Geschäftsführungswechsel und drei Umstrukturierungen mitgemacht. Hier weiß niemand mehr genau, wer für was zuständig ist. Ehrlich gesagt, versuchen wir auch nicht mehr durchzusteigen, weil sich bald wieder alles ändern könnte. Es geht hier schon lange nicht mehr um unsere Kunden, sondern nur noch darum, nicht aufzufallen und seinen Platz zu sichern » (Bereichsleiter in einer Versicherung).

Dieses Zitat steht stellvertretend für die Vielzahl an misslungenen Veränderungsprojekten in Organisationen. In dynamischen Märkten müssen Unternehmen ständig neue Projekte verfolgen, um sich anzupassen. Scheitern diese Projekte jedoch immer wieder, verliert die Organisation die Fähigkeit, sich aus eigener Kraft anzupassen, und Veränderungsmüdigkeit macht sich in der Belegschaft breit. Die Ursache für das Scheitern solcher Vorhaben liegt häufig in der mangelnden Tiefe und Qualität der Projektplanung. Der Druck ist hoch, schnell zu handeln und ins Tun zu kommen, doch der Schlüssel zum Erfolg ist kontraintuitiv. Projekte in Organisationen sollten weniger das Instrument für überstürzten Aktionismus sein, sondern vielmehr das Endprodukt eines sorgfältigen Verstehensprozesses.

Die Tücken der Agilität

In der heutigen Geschäftswelt, in der Agilität und Flexibilität als Schlüssel zum Erfolg angesehen werden, scheint ein Plädoyer für verbesserte Projektplanung fast aus der Zeit gefallen. Alles ist radikal und schnell. «Fail fast, act quick». Die Methoden der Agilität, die häufig darauf abzielen, Dinge schnell zu machen, stärken oft ungewollt die Vorherrschaft der getriebenen Neurotiker*innen in Organisationen, die im ruhelosen Verändern-wollen den Fokus für das Wesentliche aus den Augen verloren haben (vgl. Hasebrook & Rodde, 2021). So spiegeln Organisationen wider, was auch in der Gesellschaft geschieht: Eine unaufhaltsame Beschleunigung, die unsere Fähigkeit untergräbt, mit angemessener Distanz Prozesse kritisch zu würdigen und zu hinterfragen. Dies führt zu einem Dispositiv des Aktiven: In einem Chaos der ständigen Veränderungen wird der Fokus auf kurzfristige Ergebnis se gelegt und es werden immer häufiger forschende, strategische und radikal adaptive Planungsvorgänge vernachlässigt. Viele Organisationen haben ihre Selbstwirksamkeitserwartung in Bezug auf Veränderungsprojekte verloren und befinden sich in einem Zustand agitierter Depression, wie das Einführungszitat verdeutlicht. Bent Flyvbjerg und Dan Gardner geben einen verstörenden Einblick in die hohe Wahrscheinlichkeit für Projektdesaster und bringen die Kernherausforderung auf den Punkt: «Zu Beginn eines Projekts müssen wir die psychologisch bedingte Eile zu unreifen Ergebnissen unterbrechen, indem wir Mittel und Zweck voneinander trennen und sorgfältig darüber nachdenken, was genau wir erreichen wollen (2023: 50)». Diese Sorgfalt wird in der Projektplanung regelmäßig missachtet, da sie die Umsetzungsenergie zunächst bremst. Doch sie stellt sicher, dass Veränderungsprojekte die richtigen Koordinaten und Lösungsansätze beinhalten.

Die Schlüsselthemen sorgfältiger Projektplanung

Es gibt drei Themenfelder, denen sich Projektverantwortliche während der Planungsphase eines Projektes widmen sollten, um die Realisierungswahrscheinlichkeit zu erhöhen: dem Problemverständnis, der Strategie und den stillen Risikodynamiken.

Problemverständnis
Ein Projekt ist die Antwort auf eine spezifische Problemstellung und sollte den vielversprechendsten Lösungsweg aufzeichnen. Im Kern geht es um die Überwindung dieser Herausforderung, die ohne bewusst koordinierte Veränderungsmaßnahmen – sprich Projekte – ungelöst bleibt. Ein grundlegendes Verständnis der zentralen Ursachen des Problems ist entscheidend. Ohne dieses Verständnis kann ein Projekt nicht effektiv sein und verschlimmert unter Umständen sogar das eigentliche Problem.
Tiefgreifende Organisationsentwicklungsprojekte wie Restrukturierungen, Prozessoptimierungen, Softwareumstellungen oder Kulturentwicklungen haben nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie die organisationalen Probleme, die sie zu lösen versuchen, in ihren Wechselwirkungen bestmöglich verstehen. Organisationen sind komplexe soziale Interaktionssysteme, in denen Probleme immer auch machtdynamische Auslöser haben. Diese Ursachen sind selten explizit im Bewusstsein der Akteure verankert und häufig mit Emotionen wie Neid, Scham und Status verbunden. Jedes Veränderungsprojekt in Organisationen ist daher immer auch machtpolitisch zu begründen und zu planen. «Der Change wird auf der Hinterbühne der Organisation entschieden, was vor dem Vorhang gespielt wird, ist oft nebensächlich. Guter Wandel bezieht die implizite Seite der Organisation ein» (Roehl, 2017: 259). Projektverantwortliche sollten bei der Problemanalyse daher möglichst heterogene Perspektiven auf die tieferliegenden Problemstellungen einbeziehen und die Erkenntnisse möglichst explizit machen (siehe Leitfragen im Kasten).

Strategie
Die Schrittfolge von Rumelt (2022), um zu einer guten Unternehmensstrategie zu kommen, ist auch für konkrete Veränderungsprojekte in Organisationen anwendbar. Erstens muss beurteilt werden, welche Probleme wirklich vorrangig und welche zweitrangig sind. Zweitens braucht es eine angemessene Zielbeschreibung, die die Beseitigung der Problemursachen klar benennt, ohne aber die Organisation und die Akteure abzuwerten, die zu dem Problem bisher beigetragen haben. Drittens braucht es eine angemessene Ressourceneinschätzung, die nicht zu dünn aber auch nicht zu ambitioniert ist. «Durchbrüche können nur erreicht werden, wenn die Energie auf das richtige Ziel konzentriert wird» (ebd.). Um zu einer sinnvollen Projektbegründung in Form eines Zielbildes zu kommen, dienen die Leitfragen im Kasten.

Stille Risikodynamiken
Neben den sachlichen und technischen Projektrisiken existieren stets für Projekte selbst auch soziale und psychologische Verzerrungsmechanismen, die sich auf der impliziten Ebene, also auf der Hinterbühne der  Projektakteure abspielen, daher nur schwer zu erfassen und beeinflussen sind. Sie drängen sich den Akteuren nicht auf und sind nur aus Distanz erfassbar. Projektakteure haben immer nur den eigenen subjektiven Referenzrahmen verfügbar, der sich auf individuelle Präferenzen, Erfahrungen und Anreize stützt, wodurch wichtige Lösungswege aus der Planung ausgeschlossen werden können. Erfolgreiche Projektmanager*innen wissen um die subjektiven Referenzrahmen und psychologischen Planungsirrtümer (vgl. Kahneman, 2015), denen Menschen unterliegen. Sie wissen um machtpolitische Spannungsfelder, verborgene Mandate und konvergierende Interessenslagen. Und sie wissen um die systemischen Sogwirkungen von Organisationen, die implizite Spielregeln der Zusammenarbeit etablieren, um Handlungsoptionen der Akteure auszuschließen. Diese impliziten Mandats- und Interessensdynamiken frühestmöglich im Projektverlauf zu klären, ist für Veränderungsprojekte in Organisationen von existenzieller
Bedeutung (zur Unterstützung dienen die Leitfragen im Kasten links).

«Die Notwendigkeit einer soliden Planung ist paradoxerweise zeitgemäßer denn je.»

Fazit
In einer Zeit, in der die Welt sich in einem ständigen Zustand des Wandels befindet, ist die Notwendigkeit einer soliden Planung paradoxerweise zeitgemäßer denn je. Gegen den Strom zu schwimmen und die Kunst der sorgfältigen, wohlüberlegten Planung wiederzubeleben, kann durchaus ein agiles Vorgehen einschließen. Letztendlich ist es aber gerade die umsichtige Planung, die den Grundstein für den Erfolg und eine höhere Umsetzungsgeschwindigkeit von Projekten legt.

 

Matthias Drevs
Gesellschafter, Kessel & Kessel GmbH

 

Literatur:

• Flyvbjerg, B. & Gardner, D. (2023). How big things get done: The surprising factors that determine the fate of every project, from home renovations to space exploration and everything in between. New York.
• Hasebrook, J. & Rodde, S. (2021). Die dunkle Seite der Agilität. Belastende Beweglichkeit. ManagerSeminare, 285, 22-29.
• Janis, I. L. (1972). Victims of groupthink: A psychological study of foreign-policy decisions and fiascoes. Houghton Mifflin.
• Kahneman, D. (2015). Schnelles Denken, langsames Denken [Thinking, fast and slow] (T. Schmidt, Trans., 19th ed.). Pantheon.
• Lovallo, D., Cristofaro, M. & Flyvbjerg, B. (2023). Governing large projects: A three-stage process to get it right. Academy of Management Perspectives, 37(2), 1-19.
• Moore, D. A. & Healy, P. J. (2008). The trouble with overconfidence. Psychological Review, 115(2), 502-517.
• Nickerson, R. S. (1998). Confirmation bias: A ubiquitous phenomenon in many guises. Review of General Psychology, 2(2), 175-220.
• Roehl, H. & Asselmeyer, H. (2017). Organisationen klug gestalten: Das Handbuch für Organisationsentwicklung und Change Management. Schäffer-Poeschel.
• Rumelt, R. P. (2022, June 23rd). Build a strategy that addresses your gnarliest challenges. Harvard Business Review.
https://hbr.org/2022/06/build-a-strategy-that-addresses-yourgnarliest-challenges


Editorial Ausgabe 2/24

Landschaftsgärtnerei

Es ist erstaunlich: Über ein Drittel der Deutschen hat persönli­che Erfahrungen mit Nachbarschaftsstreit. Über den Gartenzaun wird sich über Lärm, Müll und Hundegebell gezofft. Oft geht das über Monate, manchmal über Jahre. Es scheint, als seien Men­schen territorialer als man glauben mag. Das gilt bislang auch für Organisationen: Die traditionelle Vorstellung von Markt und Wett­bewerb gleicht einer Kleingartenkolonie. Jede Organisation hat ih­re eigene Parzelle, man positioniert sich, schaut neidisch über den Gartenzaun und versucht zu expandieren. Doch dieses Bild ist ins Wanken gekommen.

Im Zuge der Digitalisierung haben viele Unternehmen die Chan­ce erkannt, Kundenbedürfnisse im gemeinsamen Verbund mit an­ deren Organisationen umfassender bedienen zu können. Vielerorts sind organisationale Ökosysteme entstanden, die auch schwierige Märkte gemeinsam meistern. Ist man als Kunde einmal im Ökosys­tem gelandet, fällt das Wechseln zu Anbietern außerhalb des Öko­systems schwer. Die Apple-­Welt ist ein gutes Beispiel dafür.

Mit dieser Ausgabe nehmen wir diese Entwicklung genauer un­ter die Lupe: Was sind Ökosysteme? Wie funktionieren sie und was bedeutet es für eine einzelne Organisation, sich in einen solchen Zusammenschluss einzufügen? Denn Organisationen sind vom Mo­ment ihrer Entstehung an Einzelgänger. Sie haben ihre liebe Mühe, die internen Reproduktionsmechanismen aufrecht zu erhalten und ihre Grenzen zu sichern. Bereits die Entwicklung einer einzelnen Organisation ist voller Voraussetzungen. Wenn es dann noch um die Gestaltung von organisationalen Netzwerkstrukturen geht, wird es anspruchsvoll. Einzelne Visionen sollen sich in einen höher aggre­gierten Zweck des Ganzen einfügen. Und Kooperationskompetenz ist eine ganz spezifische, oft wenig geübte Fähigkeit.

Mit diesem Wandel verändert sich auch die Rolle der Organisa­tionsentwicklung. Möglicherweise passen unsere Tools nicht mehr, wie Strategie-Experte Ron Adner es in unserem Gespräch formu­liert. Die Entwicklung organisationaler Ökosysteme hat viele be­wegliche Ziele, Herausforderungen und Fallen. Zudem beleuchten die Beiträge in dieser Ausgabe, wie organisationale Ökosysteme entstehen, was grundlegend anders ist, was sie können, welche Vor­aussetzungen eine Organisation mitbringen muss und welche Bei­spiele es gibt.

Den Blick zu weiten und auf das zu schauen, was außerhalb des eigenen Gärtchens passiert, erfordert ein grundlegend neues Wahr­nehmungsvermögen, sagt Ron Adner. Auch für die Organisations­entwicklung wird sich in den kommenden Jahren zeigen, ob das Um­denken von der Klein-­ zur Landschaftsgärtnerei gelingt.

Viel Freude beim Blick über den Gartenzaun wünscht Ihnen

Heiko Roehl


Wenn nicht drin ist, was drauf steht

Erfahrungen aus fünf Jahren Ökosystem-Hype

Eine sehr breit gefasste Definition und ein zunehmender Hype um das Buzzword «Ökosystem» führen dazu, dass in der Praxis auf Vielem «Ökosystem» draufsteht, wo gar nicht «Ökosystem» drin ist. Der Beitrag veranschaulicht dieses Phänomen und zeigt fünf typische Fehler, die beim Aufbau und Management von Ökosystemen gemacht werden. Er erklärt, wie man diese vermeiden kann, wenn man die Grundlogik erfolgreicher Ökosystem-Konzepte, also Plattform- oder Innovationsökosysteme, versteht und beachtet.

«Ökosysteme stellen die Geschäftswelt auf den Kopf – und machen das Leben leichter». Diese Aussage tätigte Philipp Gmür, zu diesem Zeitpunkt CEO der Helvetia, bei einem Interview im Jahre 2018. Zu dieser Zeit nahm der Ökosystem-Zug in der Schweiz an Fahrt auf. Und Deutschland zog mit leichter Verspätung nach. Helvetia als einer der größten Schweizer Versicherungen investierte über 100 Mio. CHF in die Akquise von Moneypark, um rund um diesen Hypothekenvermittler ihr Ökosystem Wohnen aufzubauen. Eine Initiative, die damals eine der meistbeachteten im Schweizer Versicherungswesen war. Auch andere Player wie die AXA, die Schweizer Post oder BMW Schweiz bauten Ökosysteme auf. Und natürlich singen seitdem auch zahllose Unternehmensberatungen das hohe Lied des Ökosystems. Als die Raiffeisenbank Schweiz 2021 zusammen mit der Mobiliar Versicherung die Plattform Liiva lancierte, tat sie dies mit viel Begeisterung und noch mehr Rauschen im Blätterwald. Das gemeinsam betriebene Ökosystem sollte ganz neue Kundenerlebnisse rund um die Immobilie ermöglichen und den traditionellen Bankriesen in ein neues, digitales, Zeitalter führen.
Um die gleiche Zeit zeigte die internationale Forschung eine ähnliche Entwicklung. Adner (2017) und Jacobides et al. (2018) publizierten ihre vielbeachteten Grundlagenwerke, die das Thema Ökosysteme endlich auf ein sauberes wissenschaftliches Fundament stellten. Nicht zuletzt dadurch machten eine Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen das Ökosystem zu einem der «heißesten» Themen in der Managementforschung (Jacobides, 2022).
Auf der anderen Seite häufen sich in letzter Zeit die Rückschläge: Der Schweizer Ökosystem-Pionier Helvetia hat Ende 2023 mit Moneypark den einstigen Ankerpunkt ihres Ökosystems im Konzern aufgelöst. Noch kürzer war die Lebensdauer des Ökosystems der Raiffeisen. Ende 2022 verkaufte die Bank ihre Liiva Anteile an den Partner Mobiliar. Die Schlagworte der Strategie sind nun Effizienz, Fokus und Gewinn rund um das Kerngeschäft. Sind dies lediglich die üblichen Rückschläge eines neuen Management-Konzeptes, das sich in der Praxis erst bewähren muss? Oder sind Ökosysteme ein Konzept am Scheideweg? Wo stehen wir nach fünf Jahren Ökosystem-Hype? Dieser Frage möchte ich nachgehen. Nicht im Sinne einer objektiven wissenschaftlichen Untersuchung. Vielmehr als eine subjektive Sicht, jedoch basierend auf meinen wissenschaftlichen Publikationen, mehr als 40 empirischen Fallstudien und Erfahrungen aus mehr als 20 Beratungsprojekten zum Aufbau und Management von Ökosystemen. Was sich dabei immer wieder zeigt: Erstens sind viele der sogenannten Ökosystem-Initiativen in der Praxis einfach nur alter Wein in neuen Schläuchen. Etikettenschwindel, um sich über ein Hype-Thema einen innovativen Anstrich zu geben. Und die «echten» Ökosystem-Initiativen scheitern typischerweise an fünf Fehlern, die man immer wieder beobachtet und eigentlich leicht vermeiden könnte. Doch der Reihe nach. Gehen wir erst einmal der These mit dem Etikettenschwindel nach.

Ökosysteme: Das Problem mit dem Buzzword

Der Begriff des Ökosystems wurde erstmalig von Moore (1993) ins breitere Licht der Öffentlichkeit gebracht. Doch damit legte er auch die Basis für konzeptionelles Chaos. Denn Ökosysteme als Gruppen von Firmen zu definieren, die sich um eine Innovation herum entwickeln und dabei sowohl in Kooperation als auch Wettbewerb stehen, könnte breiter nicht sein. Praktisch jedes Setting, von klassischen Supply Chains über Netzwerke, Allianzen oder die heutigen digitalen Marktplätze wie Amazon, könnten in diese Definition fallen. Forschungsseitig entstand daraus ein bunter Strauss von Literaturströmungen, die zu einer unübersehbaren Zahl von Definitionen führte. Eine Übersichtsarbeit zur aktuellen Literatur zählt allein für den Begriff «Innovation Ecosystems» 21 verschiedene Definitionen, die vielfach nichts miteinander zu tun haben (Granstrand & Holgersson, 2020). Die Bandreite reicht dabei von Innovationsclustern bis hin zu Entwicklungspartnerschaften. Und daneben gibt es in der Forschung diverse andere Typen – Vom «Knowledge Ecosystem», über das «Plattform Ecosystem» zum «Entrepreneurial Ecosystem». Überspitzt gesagt könnte man fast jedes beliebige Setting mit externen Partnern unter dem Label «Ökosystem» wissenschaftlich publizieren, ohne sich dabei eines offensichtlichen Fehlers schuldig zu machen.
Die Praxis macht sich dies zu nutze. Wenn Ökosysteme solch ein großes, innovatives, Thema sind, wieso sich nicht damit schmücken? Und einfach jede Initiative mit externen Partnern (oder sogar solche ohne Partner) als Ökosystem titulieren. Daher müssen wir genauer hinschauen. Und tatsächlich: Faktisch ist das meiste, was in der Praxis als Ökosystem bezeichnet wird, eine begriffliche Mogelpackung. Versicherungen bauen zum Beispiel das «Ökosystem Wohnen» auf und meinen damit, diverse Leistungen mit und ohne Partner im Bereich Wohnen anzubieten. Man hätte hier früher von Business Development im Marktsegment
Wohnen gesprochen. Verkauft die Versicherung dabei eigene Produkte über die Vertriebskanäle von Partnern, hätte man das früher als Partnervertrieb oder Multi-Channel Sales bezeichnet. Entwickelt sie mit einem Start-up dabei auch noch ein gemeinsames Produkt, hätte man dies früher Open Innovation genannt oder Entwicklungspartnerschaft. Und wenn die Entscheidung in das Marktsegment Wohnen einzusteigen und die nachfolgende Make-or-Buy Entscheidung von einer Unternehmensberatung ausgearbeitet worden wäre, hätte sie dies vermutlich unter dem Label eines «Ecosystem Mappings» verkauft. Früher wäre dies eine Marktsegment Analyse gewesen. Auf der anderen Seite hat ein Co-Working Space heute ein «Vibrantes Ecosystem», das von einem «Head of Ecosystems» geleitet wird. Früher hätte man von einem lebendigen Netzwerk gesprochen und das Management desselben in die Hände eines Community Managers gelegt.
Dank der generischen Definition des Ökosystem-Begriffes durch Herrn Moore (1993), ist dies alles sogar legitim. Natürlich kann man auch in der Praxis all dies als Ökosystem bezeichnen. Aber es bringt nichts. Die Firma wird dadurch nicht innovativer, braucht keine neuen Kompetenzen und verändern wird sich auch nichts. Ein Buzzword zu verwenden, macht uns nicht innovativ. Wir können daher vielfach gar nicht von einem Ökosystem-Hype sprechen. Denn in den meisten Fällen liegen in der Realität gar keine Ökosysteme vor, zumindest keine, die tatsächlich ein inhaltlich neues Konzept darstellen.

Zwei Ökosystem-Konzepte, die ihren Namen verdienen

Um diesem Chaos in Forschung und Praxis Einhalt zu gebieten, veröffentlichten Adner (2017) und Jacobides et al. (2018) grundlegende Arbeiten, die das Thema Ökosysteme endlich sauber, wenngleich sehr wissenschaftlich-abstrakt, fundiert haben. Damit ist eben nicht mehr «alles mit Partnern» ein Ökosystem. Und wir verstehen endlich, was die spezifischen Denkweisen und Herausforderungen dieses Konzeptes sind. In einer vereinfachten, praxisnahen, Sicht können wir die Welt der «echten» Ökosysteme in zwei grundsätzliche Typen unterscheiden: Ökosysteme mit einer Plattform- und solche mit einer Innovationslogik
(Autio & Thomas, 2019; Lingens, 2021). Prominente Vertreter ersteren Konzepts sind der Apple iTunes Store, eBay, Amazon, Facebook oder WhatsApp – allesamt digitale Marktplätze, auch Transaktionsplattformen genannt, auf denen sich Angebot und Nachfrage treffen. Die zugrunde liegende Idee ist die eines quantitativen Netzwerkeffekts, wie er sich schön am Beispiel von Amazon zeigt: Je mehr Händler auf Amazon anbieten, desto besser ist das Angebot und desto interessanter ist die Plattform für die Kunden. Dies führt zu höheren Nutzerzahlen. Das macht den Marktplatz dann wiederum attraktiver für die Verkäufer – und so weiter. Dieser Netzwerkeffekt ist eine Wirkungskette aus Angebot und Nachfrage, die sich gegenseitig verstärken. Kernfragen bei dieser Art Ökosystem drehen sich rund um den Aufbau und das Management des Netzwerkeffektes.
Innovationsökosysteme hingegen zielen auf die Schaffung eines innovativen Wertversprechens, die eine Firma allein nicht realisieren könnte. Wenn aber mehrere Firmen gleichzeitig mit einem gewissen Innovationsrisiko eine gemeinsame Innovation entwickeln, sind sie voneinander abhängig: Kann oder will ein Akteur nicht liefern, scheitert das gemeinsame Vorhaben – unabhängig vom individuellen Erfolg der Anderen. Dies wiederum schafft besonders hohe Koordinationsaufwendungen für alle Beteiligten. Bringt aber auf der anderen Seite neue Wachstums-und Differenzierungsmöglichkeiten. Daher: Je mehr die Bestandteile der gemeinsamen Innovation schon fertig entwickelt sind oder, falls nicht, je kleiner das jeweilige Entwicklungsrisiko, desto weniger brauchen wir ein Innovationsökosystem. In solchen Settings würden wir die Leistungen der Partner einfach über harte Verträge einkaufen und somit die Abhängigkeiten reduzieren. Da ein solches Setting auch gut vorhersehbar wäre, könnten die beteiligten Firmen über klar geregelte Prozesse die Koordinationsaufwendungen reduzieren. Faktisch läge eine klassische Supply Chain vor.
Innovations- wie auch Plattform-Ökosysteme sind daher kein Schwarz-Weiß-Konzept. Je mehr die spezifischen Fragestellungen (Aufbau und Erhalt eines Netzwerkeffekts für eine Transaktionsplattform
versus Entwicklung einer Innovation in einem Setting von Abhängigkeit von mehreren Partnern) vorliegen und Schlüssel für den Erfolg der Initiative sind, desto mehr brauchen wir die jeweiligen Denkweisen und Werkzeuge. Und desto mehr müssen wir deren spezifische Fragestellungen beachten. Und genau hier liegt das Problem.

Mangelndes Verständnis als Grundproblem in der Praxis

Die meisten Firmen verwenden Innovations- und Plattform-Ökosysteme parallel. Aber die wenigsten verstehen die Unterschiede zwischen den Konzepten und wie man diese für sich genommen managen muss. Basierend auf Lingens, Seeholzer, & Gassmann (2022) sehen wir folgende, entscheidende Grundlogik. Damit kann verstanden werden, wieso so viele Ökosysteme in der Praxis scheitern:
Plattformökosysteme bringen Angebot und Nachfrage auf einem digitalen Marktplatz zusammen. Das Wertversprechen an die Kundschaft ist aber nicht das Produkt selbst. Eine Hypothekarplattform liefert keinen neuen Wert, weil sie einem Kunden eine Hypothek verschafft. Schließlich kann er oder sie diese direkt bei der ausgebenden Bank oder Versicherung beziehen – auch ohne die Plattform. Das Wertversprechen ist vielmehr, dass mit möglichst geringen Suchkosten die bestmögliche (hier: billigste) Hypothek gefunden werde kann. Dies macht aber nur Sinn, wenn möglichst alle in Frage kommenden Hypotheken auf der Plattform konsolidiert sind und die Kundschaft somit die freie Wahl hat, das für sie beste Produkt zu den geringsten Suchkosten zu finden. Das Kernziel ist, so schnell wie möglich das gesamte relevante Angebot für ein Bedürfnis oder Produkt auf die Plattform zu bringen. Wir haben daher eine alles-oder-nichts Logik: Entweder wir schaffen es, unsere Plattform zur führenden (oder zumindest einer der führenden) zu machen. Oder wir scheitern.
Dies gilt auch aus zwei weiteren Gründen: Erstens, weil Plattformökosysteme keine starke Unique Selling Proposition (USP) jenseits des Netzwerkeffekts haben. Die Produkte könnten auch direkt vom Anbieter bezogen werden. Die USP entsteht, weil wir dank des Netzwerkeffekts das größte und umfassendste Angebot haben und somit das Wertversprechen der Plattform bestmöglich umsetzen können: Das beste Produkt mit den geringsten Suchkosten zu finden. Daher konnte WhatsApp trotz aller Datenschutz-Probleme ihre Position halten – andere Anbieter haben nicht die gleiche Masse an Nutzern. Zweitens ist der Umsatz des Plattformbetreibers pro Transaktion gering. Er ist lediglich Zwischenhändler und kann einige wenige Prozent des Umsatzes für sich beanspruchen – der Rest geht an die Anbieter.
Auch Innovationsökosysteme haben eine sehr einfache, grundlegende Ökonomie: Wir realisieren eine Innovation, die wir aus eigener Kraft nicht schaffen könnten. Anstatt nun alle nötigen Ressourcen und Fähigkeiten intern aufzubauen und dafür hohe Investments zu tätigen, kooperieren wir mit Partnern, die genau diese Fähigkeiten einbringen. Dies spart uns Investmentkosten. Schafft aber externe Abhängigkeiten. Und damit Koordinationsaufwand sowie eine zusätzliche Komplexität. Damit sind Innovationsökosysteme im Betrieb ineffizienter als klassische in-house Innovationen oder auch Supply Chains (Jacobides et al., 2018). Wir reduzieren also interne Investments, nehmen aber eine höhere zukünftige Ineffizienz in Kauf. Um diese zu kompensieren, müssen wir mit dem Produkt entsprechend mehr verdienen – entweder durch höhere Preise oder durch eine bessere Marktdurchdringung. Für beide muss das Produkt aus Kundensicht besser sein als das, was man über klassische und effizientere Settings erhalten könnte. Das Innovationsökosystem steht und fällt also mit einem überlegenen Wertversprechen. Diese Grundlogik wird in der Praxis meist ignoriert. Das manifestiert sich dann in den folgenden fünf Fehlern, die immer wieder
beobachtet werden können und regelmäßig zum Scheitern der Ökosysteminitiativen führen. Ein Verständnis und damit Vermeiden dieser Fehler ist also ein Schlüssel zum Erfolg des Ökosystem-Konzeptes im Generellen.

Fünf typische Fehler beim Aufbau und Management von Ökosystemen – und wie man sie vermeidet

1. «Wir bauen ein Ökosystem auf, das im Bereich xy alles aus einer Hand bietet.»
Die Idee klingt bestechend. Und ist vermutlich die populärste Vorstellung eines Ökosystems, der so viele Firmen schon gefolgt sind. Anstatt in einem bestimmten Feld, sagen wir Wohnen, eine einzelne Leistung, z. B. eine Hypothek, anzubieten, denkt man lieber in Customer Journeys. Der Kunde oder die Kundin will ja keine Hypothek, sondern wohnen. Und dazu gehört nun mal mehr als nur die Hypothek. Sondern auch die Suche nach geeigneten Objekten, der Einzug, die Renovierung, Versicherung etc. Als einzelne Firma kann man aber nicht all diese Leistungen anbieten, daher baut man ein Ökosystem auf. Die Partner bringen ein, was man selbst nicht kann. Klingt logisch? Definitiv. Wird aber vermutlich scheitern. Wieso? Weil diese Logik die oben beschriebenen Grundlagen des Ökosystem-Ansatzes ignoriert.
Wenn wir entlang der Customer Journey pro Bedürfnis einen oder wenige Anbieter haben, erfüllen wir nicht das Wertversprechen eines Plattformökosystems. Denn wir konsolidieren nicht das aus Kundensicht relevante Angebot pro Bedürfnis. Auf der anderen Seite erfüllen wir auch nicht das Ziel eines Innovationsökosystems: Wir haben ja gar kein überlegenes, besonders innovatives Wertversprechen. Sondern bieten einfach bestehende Produkte an, die auch direkt beim Anbieter bezogen werden könnten. Was ist daher das Wertversprechen eines solchen «Onestop-shops»? Primär geht es um Komfort. Wir ersparen unserer Kundschaft die aufwendige Suche nach allen nötigen Angeboten, indem wir ein Paket anbieten. Zusätzlich könnte man ins Feld führen, dass der Ökosystem-Betreiber eine Empfehlung abgibt, welche Anbieter die besten sind. Ob letzteres wertvoll ist, sei dahingestellt – glaubt der Kunde bzw. die Kundin, dass z. B. eine Versicherung in der Lage ist, den bestmöglichen Anbieter für Renovierungsleistungen zu finden? Vielleicht. Doch selbst wenn: Der Wert von Komfort und Empfehlung ist begrenzt. Wir haben somit nicht die starken Wertversprechen eines Plattform- oder Innovationsökosystems. Allerdings die Nachteile beider Konzepte. Zuerst hohe Koordinationsaufwendungen der Partner entlang der gesamten Customer Journey. Schließlich müssen wir Vertragswerke aufsetzen, Haftungen, Eigentumsrechte und Verantwortlichkeiten klären, IT anpassen oder neu aufsetzen, Branding definieren etc. Hinzu kommen die genannten Abhängigkeiten: Wenn ein Partner schlechte Leistungen bringt, färbt das auf uns ab – schließlich ist er Teil unseres Ökosystems. Wie bei Plattformökosystemen haben wir auch keine USP, da wir nichts bieten, was die Kundschaft nicht auch direkt vom Partner kaufen könnte – oder von anderen Ökosystemen dieser Art. Das Ergebnis ist ein Ökosystem, das zwar alle Nachteile und Kosten, aber nicht die Vorteile beider Konzepte mit sich bringt – und daher meist an dieser Diskrepanz eingeht.
Für erfolgreiche Ökosysteme führt der Weg daher über den Fokus, nicht die Breite (Lingens, Seeholzer & Gassmann, 2023): Wir können in übergreifenden Customer Journeys denken. Fokussieren uns aber im ersten Schritt auf ein konkretes Kundenbedürfnis. Hierfür bauen wir entweder ein Plattform- oder ein Innovationsökosystem auf, je nach Bedürfnis. Sobald dies geschehen ist und wir ein überlegenes Wertversprechen für dieses Bedürfnis erreicht haben, können wir entlang der Customer Journey wachsen und das nächste Bedürfnis in Angriff nehmen. Wir müssen aber bedenken, dass dies dauern wird: Der Aufbau von Ökosystemen, auch für sehr fokussierte Bedürfnisse, dauert mehrere Jahre und ist anspruchsvoll. Jedes einzelne Angebot und Teilökosystem innerhalb dieser übergreifenden Customer Journey muss Sinn ergeben, da es ja für einige Zeit auch für sich am Markt bestehen muss. Und somit nicht nur die Kundschaft, sondern auch das eigene Top Management für sich genommen überzeugen muss. Versuchen wir stattdessen, an der Vision der ganzheitlich abgedeckten Customer Journey breit zu arbeiten, werden wir über Jahre keine vernünftigen Erfolge erzielen – und von den externen wie internen Stakeholdern früher oder später die Quittung bekommen.

 

«Wir brauchen ein klares und realistisches Verständnis der Probleme, die wir mit dem Ökosystem lösen.»

 

2. «Wir denken in Ökosystemen – nicht in Zielen.»
Ein Beispiel hierzu: Eine führende Privatbank beschloss, ein Ökosystem aufzubauen und engagierte zur Unterstützung ein Beraterteam. Dieses setzte einen zweitägigen Workshop auf, um das Zielbild für ein solches Ökosystem zu definieren. Die zwei Tage brauchte die Unternehmensführung aber nicht. Nach Tag 1 brach sie die Übung ab. Was war passiert? Schon bei der ersten Diskussion sah das Top Management allerlei Probleme auf sich zukommen, die das Vorhaben torpedieren könnten: Ist unsere IT eigentlich imstande, externe Partner anzudocken? Bekommen die Mitspieler Zugang zu unseren Kundenkarteien? Wie regeln wir das dann mit dem Datenschutz? Wer bekommt das geistige Eigentum an der gemeinsamen Entwicklung? Was machen wir, wenn Partner sich unseriös verhalten? Färbt das dann nicht auf unseren Ruf ab? Diese Fragen sind alle berechtigt. Egal welches Ökosystemkonzept wir verwenden, es wird eine Vielzahl an Herausforderungen mit sich bringen, die Firmen nur in Kauf nehmen, wenn sie den klaren Nutzen sehen. Eine vage Idee von Ökosystemen reicht hierfür nicht. Wir brauchen ein klares und realistisches Verständnis der eigenen Probleme, die wir mit dem Ökosystem lösen oder der Potenziale, die wir mit ihm heben wollen. Und zumindest eine Vision eines Wertversprechens, um diesen Nutzen grob quantifizieren zu können. Fehlen dieses Ziel und Verständnis für den Nutzen, werden die «Neinsager» innerhalb der Firma die Oberhand behalten. Gleichzeitig verhindert dieses Vorgehen, dass ökonomisch sinnlose Ökosysteminitiativen gestartet werden, bei denen die Einnahmen in keiner Relation zum Aufwand stehen. Eigentlich ist diese Denkweise selbstverständlich. Niemand würde z. B. eine interne Restrukturierung vornehmen ohne Verständnis für Nutzen und Kosten. Aber da Ökosysteme so ein Hype-Thema und gleichzeitig aufgrund ihrer Novität für die meisten Firmen in Nutzen und Herausforderungen so schwer greifbar sind, können wir diesen Fehler immer wieder beobachten.

3. «Wir bauen ein Ökosystem auf, indem wir nach geeigneten Partnern suchen und mit ihnen gemeinsam ein Wertversprechen definieren.»
Dieser typische Ansatz sieht so aus wie in diesem realen Beispiel: Eine Bank, ein Versicherungsunternehmen und ein IT-Dienstleister diskutierten darüber, wie sie in einem Innovationsökosystem ein gemeinsames Produkt entwickeln könnten. Automatisch dachte dabei jeder aus seiner Perspektive: Der Bankvertreter wollte unbedingt Hypothekarlösungen einbringen, da sie eines der wichtigsten Produkte seines Finanzinstituts waren. Der Versicherer dachte ähnlich über seine Versicherungen. Und der IT-Dienstleister war mit allem zufrieden, solange dies zu Mehrverkäufen seiner Software führen würde. Das Ergebnis war keine Überraschung: Die Kombination aus einer Hypothek, einer Gebäudeversicherung und einer digitalen Beratungslösung. Alle drei Parteien waren begeistert. Das neue Gemeinschaftsprodukt konnte nur ein Erfolg werden. Wurde es aber nicht. Das zeigte sich bald nach dem Marktgang. Der Markt sah keinen Nutzen in der Bündelung der drei Leistungen, die kein besonderes Bedürfnis stillten. Nach einer längeren Zeit des Leidens beerdigte man das Projekt still und heimlich.
Was war der Fehler? Letztlich war man Opfer der oben beschriebenen ökonomischen Grundlogik: Innovationsökosysteme müssen ihre Ineffizienz durch bessere Produkte (über-) kompensieren. Ist die Kombination aus einer Standardhypothek mit einer Standardversicherung und einer Standard IT-Lösung so viel besser als alles, was am Markt vorhanden ist? Wohl kaum. Nun könnte man argumentieren, dass die drei Partner einfach ein besseres Produkt hätten definieren müssen. Doch das ist schwierig: Wie die Forschung wiederholt nachgewiesen hat, denken Firmen praktisch immer im Rahmen ihrer bestehenden Geschäftsmodelle und -logiken (Gavetti et al., 2012). Es ist schwer möglich, sich aus diesem Denken zu befreien. Treffen sich also mehrere Firmenvertreter zur gemeinsamen Definition eines Wertangebots, ist das Ergebnis im Regelfall das kleinste gemeinsame Vielfache der existierenden Geschäftsmodelle und -logiken der Partner. Und die Wahrscheinlichkeit, dass dies ausgerechnet zu dem Produkt führt, für das die Kundschaft ein Premium zu zahlen bereit ist, ist sehr gering.
Wo startet man also richtig? Bei den Kundenbedürfnissen! Besteht ein Bedürfnis, das so noch nicht gelöst wurde? Können wir auf dieser Basis ein Wertversprechen definieren, für das ein einzelner Kunde oder die Kundin ausreichend Geld in die Hand nehmen würde? Hätten wir somit Aussicht auf genug Ertrag, um trotz der Ineffizienz eines Innovationsökosystems profitabel zu sein? Oder können wir damit eine ausreichend starke Position am Markt entwickeln, um ein Plattformökosystem erfolgreich zu betreiben? Dann entscheiden wir uns für ein Ökosystem und holen genau die Partner dazu, die wir für seine Umsetzung brauchen. Noch einmal: Weder das Ökosystem noch die Partner sind ein Selbstzweck. Sie sind Mittel zum Zweck, um ein überlegenes Wertversprechen zu schaffen, mit dem wir profitabel arbeiten können.

4. «Wir überlegen uns, wie wir ‘Partner ins Ökosystem holen’ können.»
Diese typische Denkweise wurde einmal wieder in einem Workshop mit einem renommierten Akteur aus dem Tourismussektor offensichtlich. Der Kunde ist selbst ein «digital Disruptor» und eines der führenden Portale für Hotelbuchungen. In einem Geschäftsbereich erstellt die Firma Software, die sie an Softwarefirmen lizensiert, die diese wiederum, integriert in andere Lösungen, an Hotels liefern. Kernüberlegung des Head of Ecosystems war, wie man die Softwarefirmen «in unser Ökosystem integrieren kann», um die eigene Position in der Branche zu stärken. Doch diese Frage ist im Kern falsch, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Die aktuellen Partner sind in der aktuellen Lieferkette nötig. Wenn wir jedoch konsequent von der Kundenseite kommen, deren bisher unadressierte Bedürfnisse angehen und für diese Bedürfnisse neue Lösungen gestalten, werden wir für diese neuen Lösungen vermutlich neue Partner brauchen. Welche dies sind und was wir von ihnen benötigen, wird sich basierend auf dem Wertversprechen ergeben. Der Charme des Ökosystem-Konzeptes ist es, aus den Limitationen der bestehenden Ressourcen, Fähigkeiten und Strukturen auszubrechen und rund um ein neues Wertversprechen eine neue Struktur aufzubauen.
Das Denken in aktuellen Partnern und Strukturen ist das Gegenteil dieser Idee. Zweitens stellt sich die Frage nach den Anreizen für die Partner nicht. Denn wir geben ihnen einfach einen Teil der Erträge. Überwiegen diese die erwarteten Kosten, werden sie dabei sein. Auch daher: Der Start ist das Wertversprechen und der daraus resultierende Business Case. Mit diesem können wir Partner motivieren, in unserem Ökosystem mitzuwirken. Dies führt übrigens dazu, dass Ökosysteme meist in Märkten mit geringerer Ungewissheit entstehen und typischerweise schon bekannte Bedürfnisse, allerdings mit innovativen Lösungen, adressieren – denn bei diesen lassen sich die Anreize für die Partner besser aufzeigen (Lingens, Miehé & Gassmann, 2021; Lingens, et al., 2023).

5. «Wir ignorieren kulturelle Barrieren und wollen bestimmte Rollen der Rolle wegen ausfüllen.»
Innovationsökosysteme zielen auf ein neues Wertversprechen ab, das wir als Firma allein nicht realisieren können. Damit führen sie aber automatisch zu radikaler Innovation: Die Firma wird an einem Produkt arbeiten, das neu ist und das sie nicht kennt. Oftmals, wie im Beispiel der Helvetia oder Raiffeisen, wird sie dabei in neue Geschäftsfelder aufbrechen: Eine Versicherung bietet plötzlich Renovierungsleistungen oder Handwerker-Dienstleistungen an. Die Annahme, unsere Belegschaft würden ob dieser Änderungen vor Glück im Kreis tanzen, ist aber meist ein Trugschluss. Wieso sollten Versicherungsverkäufer plötzlich Renovierungsleistungen verkaufen? Oder Bankberater eine Leidenschaft für Immobilienportale entwickeln? Hier erfolgt oftmals eine Änderung von Berufsbildern, täglichen Abläufen oder Identitäten. Auch ein Plattform-Ökosystem ändert das aktuelle Geschäftsmodell massiv: Anstatt eigene Leistungen anzubieten, wird man zum Betreiber eines Marktplatzes – und damit zum Zwischenhändler. Um einen umfassenden Abriss des Marktes zu bieten, wird man vermutlich sogar Leistungen von Konkurrenten verkaufen müssen.
All dies führt zu organisationaler Veränderung. Mindestens jedoch zu einer Ausbildung zu den neuen Produkten und benötigten Methoden. Ignorieren wir diese Change-Barrieren und nehmen wir die Ausbildung unserer Belegschaft nicht ausreichend ernst, wird die Initiative scheitern. An ganz vielen Personen, die nicht können oder nicht wollen. Die Projekte verschleppen. Und am Vertrieb, der die neuen Produkte nicht verkauft und dann behauptet, die Kundschaft wolle das halt nicht.

 

«Wir können die für uns passende Rolle im Ökosystem auch nach kulturellem Fit auswählen.»

 

In diesem Sinne sind Ökosysteme sowohl das Problem als auch die Lösung (Lingens, 2021): Es gibt verschiedene Rollen: Nicht nur die des Orchestrators, sondern auch die von Modullieferanten oder der Kundenschnittstelle. Diese können wir ganz gezielt auch nach der Änderungsbereitschaft der Organisation besetzen oder vermeiden. Wenn z. B. unser Vertrieb nicht bereit ist, das Produkt des Ökosystems zu verkaufen und ein Change nicht möglich oder sinnvoll ist, dann sind wir eben nicht die Kundenschnittstelle. Stattdessen geben wir diese Rolle einer anderen Firma, die diese Change-Probleme nicht hat. Wenn unsere Produktentwicklung nicht bereit ist, neue Produkte in agilen Settings mit externen Partnern zu entwickeln und sich hier auch nicht ändern will oder kann, dann sind wir eben nicht Modullieferant. Sondern holen einen besseren Partner dazu. Durch die verschiedenen Rollen im Ökosystem können wir die für uns passende somit nicht nur nach fachlich-faktischen Gründen, sondern auch nach kulturellem Fit auswählen. Schließlich profitieren alle Partner in einem Ökosystem. Aber nur, wenn jeder seine Rolle optimal spielt.

Grobkonzept erfolgreicher Ökosysteme und Ausblick

Was sagt uns das alles nun bezüglich der Eingangsfrage: Wo stehen wir nach fünf Jahren Ökosystem-Hype? Was muss passieren, damit sie ein Leitstern werden und kein Strohfeuer? Erst einmal müssen wir das Buzzword hinter uns lassen. Aufhören, «irgendwas mit Partnern» als Ökosystem zu bezeichnen, sondern verstehen, wovon wir reden. Auf dieser Basis müssen wir die zwei echten Ökosystem-Konzepte, das  Plattform- und das Innovationsökosystem, richtig anwenden und die oben beschriebenen Fehler vermeiden. Der Weg dazu weist immer über das grobe Kochrezept zum Aufbau von Ökosystemen, das sich vermutlich oben schon abgezeichnet hat (siehe auch: Lingens, Seeholzer & Gassmann, 2023): Der Start ist immer das bisher unerfüllte Kundenbedürfnis. Dieses in der Tiefe zu verstehen ist die Grundlage einer jeden Ökosystem-Initiative. So können wir ein Wertversprechen definieren und uns die Frage stellen, ob dieses durch ein Ökosystem umgesetzt werden sollte. Zentrale Fragen sind hierfür, ob es nicht auch allein geht – eine Innovation allein und intern umzusetzen ist immer das einfachste und effizienteste Mittel. Nur wenn dies mangels Fähigkeiten oder Ressourcen nicht funktioniert oder wegen der initialen Investments zu teuer ist, denken wir über Ökosysteme nach. Dafür muss die Marge aus dem zentralen Wertversprechen aber ausreichend groß sein, damit ein Innovationsökosystem Sinn macht. Bei einem Plattformökosystem muss das Erreichen einer dominanten Position im Markt realistisch sein. Ist dies gegeben, können wir uns ans Ökosystem machen.
Dabei werden aber nur die Partner angegangen, die wir wirklich brauchen. Sie werden gerne ins Ökosystem kommen, da sie einen attraktiven Anteil an den Erträgen bekommen. Um dies aufzuzeigen, haben wir vorher das Wertversprechen und den Business Case validiert und getestet. Und über die erwarteten Rückflüsse aus dem Produkt bieten wir einen ausreichenden Anreiz, um nicht nur die Partner, sondern auch das eigene Top Management und unsere Belegschaft bei der Stange zu halten. Bei all diesen sachlichen Überlegungen verlieren wir aber nie die «weichen» Aspekte aus den Augen: Realistischerweise haben wir bei Ökosystemen immer kulturelle Hürden, und typischerweise sind diese in der Realität viel höher als vorher angenommen. Sie zu überwinden wird Zeit und Geld kosten. Je mehr wir also mit einem Ökosystem ins Neuland vorstoßen, desto mehr Zeit und Geld müssen wir dafür einplanen. Und desto stärker muss wiederrum das zentrale Wertversprechen sein. Außer wir delegieren die jeweiligen Rollen im Ökosystem an andere Partner, die dies besser können als wir und einen besseren kulturellen Fit haben.
Dies alles klingt logisch und einfach: Konzepte nur dann anwenden, wenn man sie auch braucht. Verstehen, was die Kernherausforderungen dieser Konzepte sind. Und dann bewährte Baupläne anwenden. Vom Buzzword zum Werkzeug – hier liegt das wahre Potenzial des Ökosystems.

Prof. Dr. Bernhard Lingens
Leiter des Bereichs Innovation und Mitglied des Direktoriums am Institute of Marketing and Analytics der Universität Luzern, Adjunct Associate Professor Aalborg University Business School

 

Literatur:

• Adner, R. (2017). Ecosystem as structure: An actionable construct for strategy. Journal of Management 43 (1): 39-58.
• Autio, E. & Thomas, L. (2019). Value co-creation in ecosystems: Insights and research promise from three disciplinary perspectives. In Handbook of Digital Innovation, S. Nambisan, K. Lyytinen, & Y. Yoo (Eds.). (107-132). Cheltenham, Edward Elgar.
• Gavetti, G., Greve, H. R., Levinthal, D. A. & Ocasio, W. (2012). The behavioral theory of the firm: Assessment and prospects. Academy of Management Annals, 6(1), 1-40.
• Granstrand, O. & Holgersson, M. (2020). Innovation ecosystems: A conceptual review and a new definition. Technovation, 90-91.
• Jacobides, M. G., Cennamo, C. & Gawer, A. (2018). Towards a theory of ecosystems. Strategic Management Journal 39(8), 2255-2276.
• Jacobides, M. G. (2022). How to Compete When Industries Digitize and Collide: An Ecosystem Development Framework. California Management Review, 64(3), 99-123.
• Lingens, B. (2021). Ecosystems: Unlocking the potentials of innovation beyond borders. In Connected Business (55-69). Springer, Cham.
• Lingens, B., Miehé, L. & Gassmann, O. (2021). The ecosystem blueprint: How firms shape the design of an ecosystem according to the surrounding conditions. Long Range Planning, 54(2), 102043.
• Lingens, B., Seeholzer, V. & Gassmann, O. (2022). The architecture of innovation: how firms configure different types of complementarities in emerging ecosystems. Industry and Innovation, 29(9), 1108-1139.
• Lingens, B. (2023). How ecosystem management will influence business model innovation: Bridging the gap between theory and practice. Journal of Business Models, 11(3), 97-104.
• Lingens, B., Seeholzer, V. & Gassmann, O. (2023). Journey to the Big Bang: How firms define new value propositions in emerging ecosystems. Journal of Engineering and Technology Management, 69, 101762.
• Moore, J. F. (1993). Predators and prey: A new ecology of competition. Harvard Business Review 71, 75-86.


Führungs Erwachen

Die Führung ist reif für den mitfühlenden Dialog mit sich selbst und anderen

Stresserleben und psychische Erkrankungen steigen kontinuierlich an und zeigen: Die Arbeitswelt ist beanspruchender geworden. Führungskräfte sind gefordert geeignete Antworten zu finden, aber wie geht gesunde und effektive Führung in Zeiten von anhaltendem Wandel und Krisen? Aktuelle Studien belegen: Wer gelernt hat mitfühlend mit sich selbst und anderen zu sprechen, bewältigt die aktuellen Herausforderungen nicht nur gesünder, sondern wirkt dabei als Führungskraft souveräner, ist beliebter und insgesamt erfolgreicher. Ein Praxismodell für den mitfühlenden Dialog in der (Selbst-)Führung.

Der bewusste Umgang mit unangenehmen Emotionen war bisher ein blinder Fleck in der Führungspraxis. Dabei steht der sprichwörtliche Elefant seit Jahren im Raum: Weltweit haben Gefühle wie Sorge, Stress, Traurigkeit und Wut bei Mitarbeitenden Rekordniveau erreicht. Depressionen und Angstzustände führen zu Verlusten der Weltwirtschaft in Milliardenhöhe. Das Bewusstsein für mehr (Selbst-)Fürsorge am Arbeitsplatz steigt, aber die Antworten liegen nicht auf der Hand. Durch die veränderten Kontextbedingungen, insbesondere die zunehmende Beschleunigung und Komplexität und die damit einhergehenden immer neuen Herausforderungen, erfüllen bestehende Führungsmodelle nicht mehr die Anforderungen.

Die digitale Revolution hat unsere Welt verändert, sie ist nun VUKA. Hinzu kommen die großen ökologischen und ökonomischen sowie gesundheitlichen und politischen Herausforderungen unserer Zeit. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen wird es zunehmend schwerer, den individuellen und organisationalen Erfolg zu sichern. Stattdessen werden Arbeitskontexte immer mehr zu einem Spielfeld mit «Survival Game»-Atmosphäre. Zu dem alltäglichen Kampf um Gewinnen und Verlieren gehören auch verbale Entgleisungen von Führungskräften, die zum Leid der Mitarbeitenden weiter beitragen. Was vielen dabei nicht bewusst ist: Der Kampf von Führungspersonen wendet sich nicht selten auch gegen die eigene Person. Sie können ihr eigener größter Feind sein, denn der Druck steigt weiter und das traditionelle Führungsverständnis lässt keine Unsicherheiten, Schwächen oder andere unangenehmen Emotionen zu. Die damit einhergehenden stillen Selbstgespräche laufen größtenteils unbewusst ab und können eine unverhältnismäßige Schärfe erreichen.

Selbst-Führungsdialoge im Survival Modus

In einer einseitig kognitiv geprägten Arbeitswelt äußern sich unangenehme Gefühle auf gedanklicher Ebene beispielsweise in Form von Selbstkritik («Wie dumm von mir!»), Zweifel an den eigenen Fähigkeiten («Das lerne ich nie!»), übertriebenem Verantwortungsgefühl («Es ist alles allein meine Schuld!»), Zukunftsängsten («Sie werden mich feuern!») und dem ständigen Vergleich und Wettbewerb mit anderen («Alle anderen bekommen es irgendwie besser hin als ich!»). Menschen entwickeln unterschiedliche Strategien, um mit den eigenen Unsicherheiten oder Unzulänglichkeiten umzugehen. Offiziell gehören Fehler mittlerweile zum guten Ton in Unternehmen, weil sie Lernmöglichkeiten schaffen. Auf der intellektuellen Ebene ist das nachvollziehbar, aber wer macht selbst schon gerne Fehler oder geht vorbildlich mit ihren Konsequenzen um? Die Deutschen jedenfalls nicht: Bei einer Reihe von Studien mit dem Schwerpunkt Innovationsforschung und Entrepreneurship unter der Leitung von Michael Frese belegte Deutschland im internationalen Vergleich bei der Fehlerkultur den vorletzten Platz von insgesamt über sechzig Ländern. Dabei zeigt die Forschung: Es ist es gar nicht so entscheidend, ob eine Person Fehler macht. Es kommt eher darauf an, wie sie mit sich selbst und anderen umgeht, wenn sie passieren.

Ständige (Selbst-)Kritik untergräbt das Selbstvertrauen

Die meisten Menschen halten (Selbst-)Kritik für eine effektive Methode der (Selbst-)Motivation. Und tatsächlich funktioniert sie manchmal auch kurzfristig erfolgreich: Personen «reißen sich zusammen» und «ziehen es durch», auch wenn sie eigentlich schon lange nicht mehr können. Das kann im Einzelfall funktionieren und muss nicht immer gleich im Burnout enden. Doch was passiert mittel- und langfristig, wenn Menschen Selbstkritik einseitig und dauerhaft als Mittel zur Motivation nutzen?
Studien zeigen, wer viel Selbstkritik praktiziert, untergräbt sein Selbstvertrauen und läuft auf lange Sicht Gefahr, Versagensängste zu entwickeln (Moore et al., 2018). Das sind wiederum keine guten Voraussetzungen, um in der aktuellen VUKA-Welt mit ihrem konstanten Wandel und den damit einhergehenden ständig neuen Herausforderungen erfolgreich zu bestehen. Und es führt potenziell zu einem Teufelskreis von noch mehr Selbstausbeutung. Die Gründe, warum das menschliche Gehirn zu negativen Wahrnehmungsverzerrungen und (Selbst-)Kritik neigt, stammen noch aus einer anderen Zeit. Wenn Menschen sich bedroht fühlen, bzw. die eigene Position in der Gemeinschaft gefährdet sehen, und als Reaktion darauf sich selbst oder andere attackieren, werden sie durch den evolutionär ältesten Teil des Gehirns gesteuert, das limbische System. Es ist das Zentrum der Emotionen und es agiert meist unterbewusst und blitzschnell, im Gegensatz zum evolutionär neueren Teil des Gehirns, dem Neocortex, dem Sitz des bewussten Denkens. Bewusstes Denken verbraucht sehr viel mehr Zeit und Energie, die Menschen in der Urzeit im Angesicht von akuter Bedrohung nicht hatten. Wird eine potenzielle Gefahr wahrgenommen, werden daher Botenstoffe wie Kortisol und Adrenalin in den Körper geschickt, um ihn auf Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktionen vorzubereiten und so die Gefahr besser abwehren oder ihr schneller entkommen zu können. Diese unbewussten Automatismen sind angeboren und dienen dem physischen Überleben des Menschen (Gilbert, 2013).
Die Bedrohungen, die Menschen in der heutigen Arbeitswelt erleben, sind jedoch seltener physischer Art. Sie betreffen eher das eigene Selbstkonzept, das sich im ständigen Wandel immer wieder neu in Frage stellen (lassen) muss. Die unbewussten Reaktionen darauf sind beispielweise aggressiver Wettbewerb oder Selbstausbeutung (Kampfmodus), den Kontakt vermeiden und Themen «aussitzen» (Fluchtmodus), oder sich gedanklich unaufhörlich in Katastrophenszenarien ergehen, unfähig eine Entscheidung zur Handlung zu treffen (Erstarrungsmodus).

Unser Gehirn hasst VUKA

Da der Wandel von fortwährender Natur ist, wird es für Personen immer schwerer Phasen ausreichender Erholung zu erleben, in denen das Gehirn und das gesamte Nervensystem herunterfahren und sich beruhigen können. Unser Gehirn hasst VUKA. Der Kampfmodus als Lösungsversuch kann sich nicht nur gegen andere, sondern auch gegen die eigene Person richten. Da Menschen soziale Wesen sind, die nicht allein überleben können, stellt Selbstkritik dann einen Schutz- bzw. Coping-Mechanismus dar, um den Platz in der Gemeinschaft zu erhalten. Wenn Menschen sich selbst angreifen, dominieren dabei meist zwei Gefühle: entweder die Schuld, also die Angst, einen Fehler zu machen, oder die Scham, also die Angst, (in dieser Position) nicht zu genügen und somit selbst der Fehler zu sein. Schuld ist unangenehm, aber oftmals leichter zu korrigieren als Scham, beispielsweise indem man um Entschuldigung bittet. Schamgefühle sind für den Menschen praktisch unerträglich, weil sie das eigene Selbstkonzept angreifen. Sie werden daher in der Regel ins Unterbewusstsein weggedrückt und sind ab dann für die Person selbst unsichtbar. Das macht es so schwer, mit Schamgefühlen zu arbeiten. Führungspersonen mit höheren narzisstischen Persönlichkeitsanteilen neigen häufiger dazu, maladaptive Stressregulierungsstrategien anzuwenden als Personen mit niedrigen Ausdruckswerten. Studien zeigen, dass die eigenen verletzlichen Tendenzen Führungskräfte dazu veranlassen können, auf Misserfolge mit Unterdrückung oder Aggression zu reagieren. Daher sind sie besonders empfänglich für diesen Teufelskreis aus Stresserleben und Stressreaktionen. Wird Stress chronisch, kann er auf lange Sicht krank machen.

Achtsamkeit allein reicht nicht

Wer aus dieser Stress-Trance ausbrechen will, praktiziert «Achtsamkeit». Jon Kabat-Zinn hat mit MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) das Achtsamkeitstraining im Westen gesellschaftsfähig gemacht. Da es nachweislich positive Effekte für die Gesundheit bewirkt, bezuschussen Krankenkassen inzwischen die Teilnahme an den Kursen. Hierbei sorgt das bewusste eigene Erleben im Hier und Jetzt für eine Unterbrechung der automatischen Stressreaktion. Erste Forschende äußern sich inzwischen kritisch zum Achtsamkeitshype in Organisationen. Nach ihrer Ansicht reicht Achtsamkeit allein nicht aus, um wirksam ins Handeln zu kommen. Und Studien zeigen tatsächlich: Reine Achtsamkeit ist die Basis, aber es ist die Freundlichkeit, die den relevanten Unterschied macht (Bornemann & Singer, 2013). Erst die Kombination aus kognitiver und affektiver Reaktion auf Stresserleben erzeugt eine emotional motivierende Wirkung als Voraussetzung für wirksames Handeln. Konkret geht es darum, im Angesicht von Stress und Leid dieses bewusst wahrzunehmen und dann nicht unbewusst im Autopiloten zu reagieren, sondern zunächst in einen freundlichen Dialog mit sich selbst zu treten und sich auf diese Weise zu beruhigen. Aus diesem guten Zustand wird wirksames Handeln erst wieder möglich. Die positiven Effekte in der Forschung zu dieser Art der Emotionsregulation sind so eindeutig und signifikant, dass es sich auch die rational geprägte Arbeitswelt in Zukunft nicht mehr leisten kann darüber hinwegzusehen. Mit anderen Worten: Es wird höchste Zeit für die Führung, erwachsen zu werden und die Gefühle mit in den (Selbst-)Dialog zu nehmen.

Zeit des Erwachens: (Selbst-)Führung im mitfühlenden Dialog

Kristin Neff ist die führende Wissenschaftlerin in Sachen Selbstmitgefühl. Sie definiert es als den bewussten, freundlichen Umgang mit sich selbst beim Erleben unangenehmer Emotionen wie Stress, Sorgen oder Schmerzen. Sie hat in den letzten 20 Jahren intensiv und umfassend in dem Themengebiet geforscht und identifiziert drei Elemente von Selbstmitgefühl: Achtsamkeit (mindfulness), Freundlichkeit zu sich selbst (self-kindness) und Verbundenheit (common humanity) (Neff, 2003). Neff und Germer beschreiben Selbstmitgefühl auch als nach innen gerichtetes Mitgefühl. Hinzu kommt die motivationale Komponente von (Selbst-)Mitgefühl. Sie definiert den Unterschied zur Empathie, denn es geht nicht nur darum, zu wissen und zu fühlen, was eine andere Person fühlt (kognitive und affektive Empathie). Es geht vielmehr um ein warmes Gefühl für das leidvolle Erleben der eigenen bzw. der anderen Person, das die Bereitschaft beinhaltet, in eine noch ungewisse, aber potenziell langfristig positive Entwicklung zu investieren. Das Gegenteil ist (Selbst-)Ausbeutung für eher kurzfristige (Ego-)Ziele. Es gibt diverse Fragebogeninstrumente, um (Selbst-)Mitgefühl bei Menschen zu messen, unter anderem die «Self-Compassion Scale» (SCS) und die «Compassion Scale» (CS).

(Selbst-)Mitgefühl in Organisationen

Die signifikant positiven Effekte von praktiziertem (Selbst-)Mitgefühl wurden zunächst vorwiegend in therapeutischen Kontexten erforscht. Neuere Studien ermöglichen erste Schlussfolgerungen zur Relevanz von (Selbst-)Mitgefühl auch in organisationalen Kontexten. Sie zeigen, dass (Selbst-)Mitgefühl vor Stress, Angst und Depressionen schützen kann. Der mitfühlende Dialog mit sich selbst und anderen kann zudem die Zufriedenheit bei der Arbeit erhöhen, zwischenmenschliche Prozesse fördern und Resilienz, also die erfolgreiche Entwicklung trotz widriger Umweltzustände, ermöglichen (Neff, 2011). Auch wenn sie wissenschaftlich unbegründet sind, ist es hilfreich, sich die vorherrschenden Vorbehalte gegenüber einer mitfühlenden Führung bewusst zu machen und diese ernst zu nehmen. Die Dichte der Aufgaben in Kombination mit dem vorherrschenden Termindruck ist ein häufiger Hinderungsgrund für mitfühlendes Sprechen und Handeln in Organisationen. Das Gefühl, für nichts richtig Zeit zu haben, verursacht nicht nur bei den Führungskräften selbst Stress, sondern kann sich auf die Mitarbeitenden übertragen. Paradoxerweise zeigen Studien, dass die Zeit, die Personen in andere investieren, um sich in sie hineinzufühlen und ihnen zu helfen, dazu führen kann, dass sich ihr subjektives Zeitempfinden ausdehnt, also die eigene Zeit gefühlt zunimmt. Der investierte Zeitaufwand muss dabei gar nicht so groß sein. Eine Studie mit Ärzt*innen und deren Patient*innen hat ergeben, dass bereits 40 Sekunden einer mitfühlenden und unterstützenden Ansprache dazu führen können, dass man selbst vom Gegenüber als herzlicher, fürsorglicher, einfühlsamer und mitfühlender wahrgenommen wird. Beim Gegenüber können sich dadurch vorhandene Ängste nachweislich reduzieren (Fogarty et al., 1999).
(Selbst-)Mitgefühl wird auch häufig mit Weichheit, Schwäche und Irrationalität verwechselt, was im Widerspruch zu dem Gefühl von Führungskräften steht, sie selbst und ihre Mitarbeitenden müssten bei den aktuellen Herausforderungen stark und belastbar sein. Diese Sorge ist jedoch ebenfalls wissenschaftlich unbegründet. Im Gegenteil: Studien haben gezeigt, dass Führungspersonen, die über mehr (Selbst-)Mitgefühl verfügen, als die stärkeren Führungskräfte wahrgenommen werden (Melwani et al., 2012). Untersuchungen zeigen auch, dass selbstmitfühlende Menschen nicht egoistischer sind, sondern sich sogar fürsorglicher und unterstützender in zwischenmenschlichen Beziehungen verhalten, weniger eifersüchtig sind und bei Konflikten eher dazu neigen, sich auf Perspektivwechsel einzulassen und Kompromisse einzugehen. Auch sind sie mitfühlender gegenüber anderen. Sie machen sich selbst nicht fertig, wenn sie scheitern, daher haben sie auch weniger Angst davor und neigen eher dazu ihre Bemühungen fortzusetzen, nachdem sie gescheitert sind. (Selbst-)Mitgefühl ist daher der bessere Motivator als (Selbst-)Kritik. Motivation mit (Selbst-)Mitgefühl bietet die emotionale Unterstützung, die für Veränderungen erforderlich ist.

Ein neues Führungsmodell zur Gestaltung gesunder Ökosysteme

Eine Alternative zum Überlebenskampf in der Führung bietet daher das neu entwickelte Öko-Führungsmodell zur Gestaltung gesunder und erfolgreicher Ökosysteme. Es beschreibt die modernen Kontextanforderungen (Zieldimensionen) inklusive der jeweils dafür notwendigen systemischen Schlüsselfähigkeiten. Im Zentrum des Öko-Führungsmodells steht das Führen mit Mitgefühl (siehe Abbildung 1).
Vergleicht man die Studienlage der letzten Jahre zu den wissenschaftlich belegten positiven Effekten von (Selbst-)Mitgefühl mit den Anforderungen an moderne Führung, zeigen sich signifikante positive Effekte von praktiziertem (Selbst-)Mitgefühl in Bezug auf die wichtigsten Anforderungen der heutigen VUKA-Arbeitswelt (Hereitani, 2023). Die regelmäßige Praxis von (Selbst-)Mitgefühl führt nachweislich zu:

• höherer Resilienz/Ambiguitätstoleranz
• mehr Authentizität/Fehlertoleranz
• mehr Bescheidenheit/Empowerment
• einem höheren Grad an Vernetzung/Kollaboration
• gesteigerter Kreativität/Innovation


Wer (Selbst-)Mitgefühl praktiziert, also die Fähigkeit übt, achtsam, freundlich und integrierend mit den eigenen unangenehmen Gefühlen und denen anderer umzugehen, und einen aktiven Beitrag leistet, das (eigene) leidvolle Erleben zu lindern, schafft die Voraussetzungen für wirksames Handeln und wird automatisch resilienter, authentischer, bescheidener, kollaborativer und kreativer. Wer mitfühlend führt, entwickelt gesunde und entwicklungsfähige Ökosysteme, jenseits von Gewinnen und Verlieren.
Das Öko-Führungsmodell vereint Elemente, die sich in verschiedenen existierenden Führungsstilen widerspiegeln wie z. B. der dienenden Führung, der authentischen Führung und dem Mindful-Leadership-Konzept. Es beantwortet so die komplexen Kontextanforderungen der Zeit, in der wir leben und arbeiten. Im Unterschied zu anderen Führungsmodellen, bietet das Führen mit (Selbst-)Mitgefühl weiterhin klare Führungsbotschaften als Richtschnur für positiv gerichtete Intervention, ohne dabei den erlebten emotionalen Stress zu ignorieren. Die Wissenschaft hat gezeigt, dass eine rein kognitive Antwort auf leidvolles Erleben nicht funktioniert: Erzwungene Positivität, wie z. B. durch einseitig Affirmationen, ist im besten Fall nicht nachhaltig, im schlimmeren Fall toxisch. Die Dualität des (Selbst-)Mitgefühl-Konstrukts macht es daher für seinen praktischen Einsatz in der Führungskräfteentwicklung besonders interessant.
Es spiegelt die zweite Welle der Positiven Psychologie wider, die sich – im Vergleich zur ersten Welle – sowohl auf die Linderung von Leid als auch auf das Erzeugen von Wohlbefinden konzentriert und bietet damit einen integrierten Praxisansatz der klassischen Psychologie und der Positiven Psychologie. Hierdurch erscheinen die Interventionen auf den ersten Blick widersprüchlich. Ihre Formulierung als paradoxe Verschreibungen soll im positiven Sinne verstören und zur Handlung ermutigen (siehe Abbildung 2).

Praxisbeispiel für die Zieldimension Authentizität

Das Öko-Führungsmodell und seine Anwendung wird am Beispiel der Zieldimension Authentizität (Schlüsselfähigkeit: Fehlertoleranz) veranschaulicht. Wie verhält sich eine Führungskraft gemäß des Modells, wenn sie selbst oder ihre Mitarbeitenden Fehler machen? Insbesondere wenn schwerwiegende Fehler passieren, ist das nicht nur unangenehm. Es ist auch eine Gelegenheit, einen wichtigen Unterschied zu machen, denn die gesamte Aufmerksamkeit aller anderen liegt auf diesem Ereignis. Alle im Team, und eventuell sogar darüber hinaus, werden den Vorgang beobachten und sich dafür interessieren, wie die Führungskraft mit den Personen, die im Zusammenhang mit dem Fehler stehen, umgeht. Im Öko-Führungsmodell heißt es «Fehler sind beides, unangenehm und Lern- und Wachstumschancen.» Gemäß diesem Ansatz sollte die Führungskraft zuerst eine mitfühlende Antwort auf den ersten Teil formulieren, dass es unangenehm ist. Konkret geht es darum, die unangenehmen Gefühle (z. B. Schuld, Angst) anzuerkennen und den Fehler zu verzeihen. «Es muss schwer für dich/euch sein, denn es ist nicht gut gelaufen und ihr habt es euch vermutlich anders vorgestellt. Es ist okay, wir alle machen Fehler.» Diese Ansprache enthält alle Elemente des Mitgefühls: Achtsamkeit für das leidvolle Erleben derjenigen, die den Fehler gemacht haben, Freundlichkeit und Verbundenheit, weil alle mal Fehler machen und diese verziehen werden. Dieser erste Teil der Führungsbotschaft erzeugt Sicherheit, die Mitarbeitenden müssen keine Angst vor nachteiligen Konsequenzen haben, ihre Schuld wird ihnen verziehen.

In der nun folgenden Pause können sie sich beruhigen und langsam wieder öffnen für das, was im zweiten Teil der Führungsintervention folgt: «Und jetzt lasst uns rekapitulieren, woran es gelegen hat. Lasst uns gemeinsam daraus lernen, was wir zukünftig anders machen.» Dieser zweite Teil der Botschaft verkörpert mitfühlendes Handeln, das Sinn stiftet, Lernmöglichkeiten bietet und somit die Basis für nachhaltige Entwicklung schafft. Bis diese Form der mitfühlenden Führung in Fleisch und Blut übergeht, braucht es Übung.

Selbsthilfe-Tool für Führungskräfte

Es existieren unterschiedliche Programme von verschiedenen Forscher*innen und Praktiker*innen, die zeigen, dass (Selbst-)Mitgefühl mit seinen zahlreichen positiven Effekten durch regelmäßige Übung nachhaltig gesteigert werden kann. Die Methoden wurden nun erstmalig auf ihre Eignung für Führungskräfte in Organisationen überprüft und speziell auf diese Zielgruppe übertragen. Uralte Techniken wie z. B. die Achtsamkeitsmeditation bilden die Basis, weitere Elemente basieren auf Methoden der jüngeren Vergangenheit, beispielsweise Rosenbergs gewaltfreier Kommunikation, Kabat-Zinns MBSR-Training, Neff und Germers Selbstmitgefühls-Training und Ansätzen aus der Positiven Psychologie. Da sich während der Pandemie gezeigt hat, dass die Techniken auch allein zuhause durchgeführt werden können und bei regelmäßiger Übung dennoch nachhaltig wirken, können Führungskräfte die Methode mit einem Übungsbuch eigenständig trainieren (Hereitani, 2023). Diese Niederschwelligkeit, erleichtert den Einstieg ins Thema und den Transfer in den Alltag, auch wenn sie nicht die professionelle Begleitung durch eine geschulte Beratungsperson ersetzt.

Ausblick

Abschließend bleibt zu wünschen, dass auch Organisationen das (Selbst-)Mitgefühls-Konzept aufgreifen und dies als vertikale Führungskräfteentwicklung umsetzen. In der Vergangenheit wurde häufig mit Kompetenzmodellen in Kombination mit 360-Grad-Feedbacks gearbeitet, die auf instrumentelles und horizontales Lernen (Lernen von Qualifikationen und Fähigkeiten) anstelle von vertikalem Lernen (Lernen durch Wahrnehmungsverschiebung und Persönlichkeitsentwicklung) abzielen. Beim horizontalen Lernen wird das (oft negative) Fremdbild zum Maßstab für Entwicklung, und das fehlende Wissen und die fehlenden Kompetenzen werden von Expert*innen vermittelt. Diese Form der schematischen und defizitorientierten Personalentwicklung erscheint mittlerweile aus der Zeit gefallen.
Demgegenüber geht es beim vertikalen Lernen darum, den Maßstab für Entwicklung ins Innere der Lernenden zu verlagern und sie eigenverantwortlich und intrinsisch motiviert durch wachstumsorientierte Erfahrungen weiterzuentwickeln. Vertikale Führungskräfteentwicklung führt nachweislich zu reiferen Führungspersönlichkeiten, die in komplexen Umgebungen effektiver agieren.
Gute Angebote sind nicht leicht zu finden, der Aufwand lohnt sich aber. Die positiven Effekte des Gruppenkontexts und die Beziehung zu einem Lehrer/einer Lehrerin, der/die im besten Fall mitfühlende Führung selbst verkörpert und vorlebt, können Lernprozesse vertiefen und beschleunigen.


Nadja Hereitani

Führungskraft, Psychologin und systemische Beraterin

Literatur:

• Bornemann, B. & Singer, T. (2013). A Cognitive Neuroscience Perspective – The ReSource Model. In T. Singer & M. Bolz (Hrsg.): Compassion – Bridging practice and science, Max Planck Society, 178-191.
• Brown, C. B. (2012). Daring Greatly: How the courage to be vulnerable transforms the way we live, love, parent, and lead. Penguin Random House.
• Fogarty, L. A., Curbow, B. A., Wingard, J. R., McDonnell, K. & Somerfield, M. R. (1999). Can 40 seconds of compassion reduce patient anxiety? Journal of clinical oncology: official journal of the American Society of Clinical Oncology, 17(1), 371-379.
• Germer, C. & Neff, K. (2019). Teaching the Mindful Self-Compassion Program: A Guide for Professionals. The Guilford Press.
• Gilbert, P. (2013). The Compassionate Mind. Robinson.
• Hereitani, N. (2023). Mit Gefühl zum Führungserfolg: Die Schritt-für-Schritt-Anleitung für eine gesunde und effektive Führung. Remote Verlag.
• Melwani, S., Mueller, J. S. & Overbeck, J. R. (2012). Looking down: the influence of contempt and compassion on emergent leadership categorizations. The Journal of Applied Psychology, 97(6), 1171-1185.
• Moore, E., Holding, A. C., Hope, N. H., Harvey, B., Powers, T. A., Zuroff, D. & Koestner, R. (2018). Perfectionism and the pursuit of personal goals: A self-determination theory analysis. Motivation and Emotion, 42(1), 37-49.
• Neff, K. (2003). The Development and Validation of a Scale to Measure Self-Compassion. Self and Identity, 2(3), 223-250.
• Neff, K. (2011). Self-Compassion: The proven power of being kind to yourself. HarperCollins.


Editorial Ausgabe 1/24

Dialog - oder wie Organisationen über sich hinauswachsen

In diesen Tagen macht Bill Anderson, CEO des Pharma- und Agrarchemiekonzerns Bayer, medial auf sich aufmerksam. Der US-Amerikaner will Hierarchieebenen und Bürokratie radikal abbauen, um Mitarbeitende zu empowern. Seine nachvollziehbare Kernfrage: Welche Form der Organisation entlockt den Menschen die beste Leistung?

Zugang zur menschlichen Kreativität und Leistungsfähigkeit für Organisationen steht auch im Mittelpunkt dieser Ausgabe und in langer Tradition der Organisationsentwicklung. Ein früher Hoffnungsträger war dabei der Dialog, um Potenziale und Ideen des ganzen Menschen auf Augenhöhe in einem ergebnisoffenen Gespräch zu erschließen. Das Fazit aus den seit über drei Jahrzehnten laufenden – teils naiven – Bemühungen ist allerdings ernüchternd.

Wie sind diese Scheiterns-Erfahrungen aber zu interpretieren? Und: Was sind Perspektiven, um mit einem organisationsangemessenen Dialogverständnis vielleicht doch die menschlichen Potenziale für Organisationen zu erschließen?

Diese Ausgabe der ZOE eröffnen wir mit einer (kleinen) systemtheoretischen Zumutung, in der Widersprüche und Perspektiven eines organisationsangemessenen Dialogverständnisses thematisiert werden. Bernhard Pörksen und Friedemann Schulz von Thun diskutieren anschließend, ob Polarisierung in Zeiten der Gereiztheit prinzipiell schlecht ist und wie Dialog doch gelingt. Daniel L. Shapiro erläutert im Interview die tieferen Ebenen von Konflikten und Verhand­lungen und Gervase R. Bushe und Bob Marshak eröffnen den Blick für das Dialogische in der Dialogischen Organisationsentwicklung. Darüber hinaus finden Sie vielfältige Herangehensweisen, die den Dialog methodisch unterstützen, alter­native Ansätze des Mitarbeitergesprächs und Hinweise zum mitfühlenden Dialog mit sich selbst und anderen in diesem Heft.

Aber zurück zu Bayer: Beobachtende an der medialen Seitenlinie werden gespannt verfolgen, wie Anderson als oberster Hierarch ins selbstwidersprüchliche Spiegelfechten zur Abschaffung der hierarchischen Funktionslogik mit seiner Organisation geht. Ernst­hafter Wandel würde die offensichtlichen Wandelparadoxien an der Nahtstelle zwischen Person und Organisation dialogisch aufgreifen und nicht noch einseitig personal («Wer für Veränderung nicht offen ist, wird es bei Bayer schwer haben») verstärken. Hilfreich wäre dazu ein – zugegeben – anspruchsvoller Dialog, der z. B. für den Selbstwiderspruch bei der Einführung von Empowerment («Sei selbständig!») sensibilisiert, ihn produktiv nutzt und den Umgang damit unterstützt.

In diesem Sinne eine inspirierende Lektüre

wünscht Ihnen herzlichst

Thomas Schumacher


Raus aus der Anpassungsfalle

Weshalb Agilität kein Allheilmittel ist

Von agilen Methoden ist es gedanklich ein kurzer Weg zur agilen Organisation. Dieser Begriff vermittelt allerdings eine falsche Vorstellung: dass Anpassungsfähigkeit die Voraussetzung für Kundenfokussierung sei. Um im Markt bestehen zu können, müssen sich Unternehmen jedoch vom Wettbewerb differenzieren, sich also eine einzigartige Marktpositionierung erarbeiten. Mit einer agilen Organisation erreichen sie das Gegenteil.

In einer anderen, gar nicht so fernen Welt stand Digitalisierung ganz oben auf der Management-Agenda. Um 2015 wurde die agile Transformation als Königsweg zur Digitalisierung beschrieben. Heute hingegen schlagen wir uns mit fragilen Lieferketten herum. Auch für diese Volatilität empfiehlt Agilität sich als wirkungsvolles Werkzeug. Ein und derselbe Ansatz für strategische Aufgaben, für den Blick in die ferne Zukunft, genauso wie für das schwankende Tagesgeschäft – ist dies möglich?

Krisenkompetenz ist zweifelsohne eine Stärke agiler Ansätze: Denn Agilität sorgt für die Fähigkeit eines Unternehmens, einer Abteilung oder eines Teams, sich rechtzeitig an sich ständig wandelnde Umgebungen anzupassen. Im Fokus steht also die Adaption an etwas Gegebenes. Um auf diese Weise erfolgreich zu sein, muss eine agile Organisation erstens schnell genug die Notwendigkeit einer Neuausrichtung erkennen und diese dann auch durchführen können. Außerdem muss durch den Vollzug der Anpassung die Organisation Wert schaffen, für den die Kundinnen und Kunden Geld in die Hand zu nehmen bereit sind. In Bezug auf die Marktpositionierung postulieren agile Ansätze also eine klare Rollenverteilung zwischen Kundensicht und Umsetzung, zwischen Prinzipal und Agent: Die Repräsentantin der Kundensicht artikuliert ihre Wünsche, die agile Organisation führt sie – einige Iterationen später – aus.

In dieser Prinzipal-Agenten-Beziehung zeigt sich eine weitere Stärke agiler Ansätze, nämlich die mit der Kundennähe einhergehende Fähigkeit der Organisation, kontinuierlich hinzuzulernen, indem sie besagten Kunden immer besser versteht. Allerdings birgt diese «Customer Centricity» das Risiko, durch Fixierung auf bestehende Kund*innen brachliegendes Potenzial im Markt zu übersehen. Mehr noch: Wie Berner erkannt hat, gehen agile Ansätze eine Wette auf ruhige Zeiten ein – darauf, dass graduelle Anpassungen ausreichen werden, weil keine großen Veränderungen anstehen (Berner, 2017).

Moment: Steht Agilität nicht stellvertretend für Innovation, und Iteration für einen Inkubator, der in schnellen Schritten überzeugende Lösungen liefert? Zu dieser Wahrnehmung hat maßgeblich die Namensgebung des agilen Manifests beigetragen: Verfasst hat dieses eine illustre Runde von Softwaretechnikern Anfang 2001, mehr als ein halbes Jahr vor den Verwerfungen des 9/11. Agil, das klingt wie der schnelle Weg zum Erfolg, auf der Überholspur in die Zukunft. Einer der bekanntesten Protagonisten, Jeff Sutherland, rief auf den Stuttgarter Scrum Days in Erinnerung, dass auch der Name «Adaptive» diskutiert worden sei – weniger fancy als das siegreiche «Agile Manifesto», aber mit einer klaren Aussage, worum es bei Agilität wirklich geht: Nämlich, dass Anpassungsfähigkeit darauf zielt, fokussiert zu bleiben – auf Augenhöhe mit den Kund*innen.

 

Überdehnung des Konzepts

Ungeachtet der Intention des Agilitätsbegriffs, haben agile Beraterinnen und Berater das Anwendungsfeld systematisch ausgeweitet, bis es schließlich die agile Organisation umfasste – aus einer Fähigkeit wurde ein Paradigma. Diese Unterscheidung ist essentiell, denn es geht um weit mehr als eine semantische Differenz oder eine Hyperbel als Beratermarotte. Tatsächlich wurden bestehende Methoden und Praktiken in den agilen Kanon eingemeindet, die ursprünglich dazu entwickelt wurden, Antworten auf vollkommen andere Fragestellungen zu entwickeln als eine Prinzipal-Agenten-Bindung zu verstetigen: Während Anpassungsfähigkeit darauf zielt, eine artikulierte Kundenerwartung umzusetzen, versucht etwa «Design Thinking», bislang nichtartikulierte Bedürfnisse zu erkennen – hier geht es nicht um das Wie der Umsetzung, sondern um das Was. «Business Model Innovation» und «Lean Startup» greifen dann diesen Impuls auf und behandeln Fragen der Wirtschaftlichkeit und Machbarkeit, also «Proof of Concept» und «Proof of Value» (vgl. Abbildung 1). Mit der Vermengung der Sichtweisen wurde der Agilitätsbegriff nicht nur durchmischt – sondern überdehnt. Denn in der Fachöffentlichkeit entstand die Wahrnehmung, dass sich in der digitalen Zukunftswelt nur diejenigen Unternehmen behaupten können, welche sich zu einer agilen Organisation transformieren. Das hat Konsequenzen für die eingemeindeten Methoden, weil dadurch deren Stoßrichtungen verwässert werden: Wenn alles der Prinzipal-Agenten-Beziehung unterliegt, zählt nur noch das Wie der Umsetzung. Strategische Fragestellungen geraten dadurch rasch aus dem Fokus.

 

 

Mehr noch: Als Organisationsparadigma missverstanden, behauptet Agilität, dass es ein für alle Unternehmen gültiges Paradigma geben könne, ungeachtet des Zwecks der Unternehmung oder ihrer Stellung im Markt. Das Groteske daran ist, dass die meisten Agilistinnen und Agilisten betonen, dass es keine allgemeingültigen Blaupausen geben dürfe – «Best Practices» spiegelten nur die Vergangenheit wider und nicht die spezifische Situation im eigenen Haus. Während also Erfolgsmuster nicht von einer Organisation zur nächsten übertragen werden dürfen, verkünden hier die Agilistinnen das Gegenteil: Wer sich nicht das agile Paradigma zu eigen macht, ist im turbulenten Markt zum Scheitern verurteilt. Diese Vorstellung überdehnt den Begriff der Agilität, weil sie mehr verspricht als Anpassungsfähigkeit zu leisten vermag. Nick Hasslam bezeichnet diese konzeptionelle Überdehnung, die der semantischen folgt, als Concept Creep (2016).

Ein Ordnungsruf

Tatsächlich ignoriert dieses Agilitätsverständnis – Customer Centricity – die wichtigste Aufgabe eines Unternehmens, nämlich sich mit einem einzigartigen Wertangebot unverzichtbar zu machen. Aktive Marktgestaltung als Zweck der Unternehmung formulierte Peter Drucker 1954 als Auftrag: to create a customer. Wahrscheinlich sind in der Praxis die meisten Unternehmen zu bequem, denn die Strategieliteratur besteht seitdem aus einer Abfolge von Ordnungsrufen im Druckerschen Geist: Nehmen wir Porter mit seinen «Five Forces» (1979), Mauborgne und Kim mit ihrer «Blue Ocean Strategy» (2005) und Christensen mit seinen «Jobs to be done» (2016): Alle Ansätze haben gemein, dass man sich als Unternehmen unterscheiden muss. Es geht nicht nur darum, seine Nische zu finden, sondern sich selbst den Kunden zu schaffen – durch die Antizipation eines Bedarfs mitsamt der passenden Lösung. Das ist mit der Aussage gemeint, dass Agilität nicht auf Innovationen abzielt. Oder, um von Karl-Heinz-Bohrer (2001) zu borgen: «Anschlussfähigkeit, also der Gegenbegriff zur Innovation, wurde zum Kriterium des Konformismus.»

Agilität schwimmt stattdessen mitten im roten Ozean, um das Bild von Mauborgne und Kim aufzugreifen. Trotz der Proklamation von Graswurzel-Spirit und «Bottom-up» ist sie ihrem Wesen nach opportunistisch. Dafür sorgt die klare Prinzipal-Agent-Stellung: Aufgabe des Teams ist, den Kundinnen und Kunden zu lauschen und diese mit Lösungsvorschlägen für ihre Erwartungen zu überzeugen. Agilität beschreibt sich damit im Kern als Continuous-Technik, bei der Entwicklung und Konzeption nicht voneinander zu trennen sind. Mit der Bottom-up-Perspektive geht sie von Anwenderproblemen aus. Wie in Christensens «Innovator’s Dilemma» übersieht ein gegenwartsorientierter Anbieter in der Regel, wann es Zeit für einen Neuanfang ist (1997). Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beginnen, sich mit den gewohnten Prozessen und den von ihnen entwickelten Produkten zu identifizieren. Gemeinsam mit dem Bestandskunden als Prinzipal wird die bestehende Lösung dann zu lange verfeinert – gleichzeitig wird dabei übersehen, dass sich in der Zwischenzeit eine neue Anbieterin ein ordentliches Stück vom Kuchen abgeschnitten hat. Falscher Fokus oder einfach blöd gelaufen: Die Innovation erfolgte außerhalb des eigenen Strategiekorridors (Barton, 2018). So hilfreich Anpassungsfähigkeit und Customer Centricity für die Umsetzung sind – als Paradigma führen sie irgendwann in die Sackgasse.

Was man sich nicht von Agilität versprechen sollte

Das Kernproblem besteht darin, dass die Agentin aus ihrer Froschperspektive die Gegenwart in die Zukunft fortschreibt: In Verbindung mit der engen Kundenbindung wird zyklisch-iteratives Denken irgendwann kurzsichtig. Dessen Stärke bei der Umsetzung führt, wenn nicht bewusst gegengesteuert wird, in die strategische Anpassungsfalle: Statt sich im Druckerschen Sinne seinen eigenen Kunden zu erschaffen, werden die Strategien anpassungsgetriebener Unternehmen rasch generisch, also austauschbar. In den Worten von Alexander Nicolai verleitet die Agilitätsrhetorik dazu, «sich an eine Umwelt anzupassen, die sich ständig verändert. Sie verrät ihnen aber nicht, wie sich aus einer derartigen Umwelt eine kohärente, zukunftsorientierte Form der Unternehmensentwicklung ableiten lässt» (Nicolai, 2020).

Die agile Unternehmenskultur leistet einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum Opportunismus: Die Stärke von Agilität, Silos aufzubrechen und Kommunikation zu fördern, wendet sich gegen die eigene Organisation, wenn eine Kultur entsteht, die sich neue, selbstbezogene Orthodoxien schafft. Mit diesem Problem hat sich Adam Grant bereits 2016 auseinandergesetzt: Laut dem Organisationspsychologen von der Wharton School der University of Pennsylvania sorgt ein starker Gruppenzusammenhalt für Homogenität, die mit der Zeit zu erstarren droht. Schließlich sind die agilen Formate zur Koordination erfunden worden, nicht dazu, sich eigener Wahrnehmungsverzerrungen gewahr zu werden (Sprenger, 2020). Für den Blick von außen sorgt in der Softwareentwicklung die Product Ownerin. Bei einer agilen Organisation hingegen fehlt ein echter Prinzipal. Spätestens, wenn Kritikerinnen und Kritiker sich aus Sorge um den Gruppenfrieden zurückhalten, versandet die Aufgeschlossenheit für alternative Perspektiven. Mit der Konfliktdynamik wird auch die kreative Spannung umgangen – die Stärke agiler Formate dreht sich mittelfristig in ihr Gegenteil um: Nach Held und Geißler droht die Organisation erst zu erblinden und sich dann vor Neuerungen zu fürchten (2020): «Im Modus der operativen Reproduktion (mehr desselben!) birgt das Neue immer auch eine potenzielle Bedrohung.» Diese Reproduktion ist nicht auf das Ausgangsprodukt beschränkt – der radikale Konstruktivismus von von Förster bis Maturana arbeitet sich an der Homöostase sozialer Systeme ab. Agile Formate verstärken diese Tendenz signifikant.

Konkret nachgewiesen wurde dieser Verlust des strategischen Fokus am MIT bei Stand-up-Meetings, einem Kernformat vieler agiler Ansätze (vgl. Abbildung 2)(Wu & Duckach, 2021): Mit Projektdruck und Deadline im Hinterkopf sorgten die Teammitglieder für eine bessere Koordination untereinander und konzentrierten sich darauf, auf den Termin zu liefern. Raum für Experimente blieb bei den untersuchten Teams allerdings auf der Strecke. Das Ergebnis ist eine kognitive Verengung (Kaduk et al., 2013), denn der kurzzyklische Zusammenschluss aller Beteiligten rückt das Tagesgeschäft und die Umsetzung in den Fokus. Im Gegenzug wird das Denken in Alternativen und Innovationen vernachlässigt. Denn: In der Design-Thinking-Sprache haben sich die beobachteten Teams bequem im Lösungsraum eingerichtet.

Ein anschauliches Beispiel für die Gefahren der Engführung lieferte ein agiler Pionier aus Berlin: Nach zehn Jahren agiler Entwicklung konnte das Unternehmen sein Software-Produkt fast nicht mehr weiterentwickeln: Das Produkt war verbaut. Über Jahre angehäufte technische Schulden bewirkten, dass spätere Teams von Entwicklerinnen und Entwicklern den Überblick verloren hatten. Die Schulden entstanden, da den Teams kein Sparring-Partner gegenüberstand, kein Prinzipal in Form eines kritischen Product Owners (Meseberg, 2014).

«Als Organisationseigenschaft braucht Anpassungsfähigkeit Führung.»

 

Agilität ist also ein Wertesystem zweiter Ordnung: Es braucht den Anstoß, nicht das große Ganze aus dem Blick zu verlieren und regelmäßig Wozu und Wohin zu hinterfragen (Hummel & Stehle, 2022). Als Organisationseigenschaft braucht Anpassungsfähigkeit Führung – wenn die Richtung feststeht, können sich die agilen Teams selbst organisieren und sich um die Ausgestaltung kümmern. Die Behauptung einer agilen Transformation als übergeordnetes Paradigma hingegen bleibt ein Plastikwort (Pörksen, 1992). Hopp oder top, das ist die postulierte Dichotomie der agilen Transformation. Allerdings unterschlägt die Unversöhnlichkeit zwischen Anpassung und Untergang, dass Organisationen zum Glück über weit mehr Handlungsmöglichkeiten verfügen.

Der Zukunft eine Richtung geben

Wenn es im Sinne von Peter Drucker die zentrale Aufgabe eines jeden Unternehmens ist, sich seine Kundin zu verschaffen, dann muss die Organisation von diesem Zweck hergedacht und aufgestellt werden. Wie im Reverse Engineering geht es also darum, die Organisation vom Ende her zu denken. Jedes Unternehmen muss für sich prüfen, wie es in Bezug auf diese imaginäre Kundin aufgestellt ist – möglicherweise benötigt es ja die Organisationsfähigkeit zur Anpassung gar nicht. Die minimalinvasive Devise lautet: Kein Change ohne Business Case. Und wenn ein Betrieb überzeugt davon ist, dass er von Agilität profitieren wird, muss er dennoch für sich die passende Dosis ermitteln.

 

«Jedes Unternehmen muss für sich austarieren, wie es sich auf die Wertschöpfung fokussieren will.»

 

Für einen Lohnfertiger mit großer Varianz ist Anpassungsfähigkeit sicher ein wichtiges Asset. Für einen Hersteller einzigartiger Produkte reichen möglicherweise partielle oder kleinere Interventionen völlig aus. Auch und gerade bei Organisationsfähigkeiten geht es um einen Strategie-Fit – capabilities follow strategy. Gemeint ist damit: Welche Fähigkeiten benötigt das Unternehmen, um den Geschäftszweck erfüllen zu können oder um sich dabei unterstützen zu lassen? Die generische Fähigkeit muss also zum Asset der Firma entwickelt werden. Frederic Laloux hat darauf hingewiesen, dass unterschiedliche Zwecke von Sub-Organisationen unterschiedliche Organisationsformen erfordern (2014). Dementsprechend müssen sich auch deren Fähigkeiten unterscheiden. Denn die «Organisation einer Organisation ist die Organisation einer Differenz» (Baecker, 1997).

Jedes Unternehmen muss für sich austarieren, wie es sich auf die Wertschöpfung fokussieren will. Vier spezifische Spannungsfelder dichotomer Organisationsparameter aus dem Spektrum Zukunftsfähigkeit verdeutlichen dies:
1. Innen zu Außen
Was sind die Systemgrenzen des Unternehmens? Wie klar und durchgängig sind diese gestaltet und wie ist das Unternehmen in einem Ökosystem verankert?
2. Prinzipal zu Agent
Welche Sparring-Partnerin oder welcher Counterpart vermittelt den Teams Impulse und stört, wenn nötig, eingefahrene Routinen?
3. Explore zu Exploit oder Kontinuität zu Diskontinuität
Wie ist gesichert, dass das Stammgeschäft Erträge erwirtschaften kann, um Zukunftsvorhaben zu finanzieren?
4. Stabilität zu Wandel
In welchem Verhältnis stehen Veränderungen zu Beständigkeit, damit sich die Organisation und deren Mitarbeitende nicht überfordern?

Ähnlich könnten wir eine Liste von Organisationsfähigkeiten erstellen – wie eben auch Agilität. Doch bereits die kleine Auswahl an Parametern macht deutlich, dass die agile Organisation letztlich eine Phrase ist, die bei der Unternehmensführung und Organisationsentwicklung nicht weiterhilft. Wahrscheinlich kann es nicht einmal eine führende Organisationsfähigkeit als solche geben, sondern immer nur eine unternehmensindividuelle Antwort im Spektrum organisationaler Möglichkeiten. Dabei benötigen innovative Kulturen, wie Gary P. Pisano betont, einen spezifischen Mix scheinbar widersprüchlicher Verhaltensweisen (2019).

Wenn man sich auf ein Paradigma fokussieren möchte, dann Ambidextrie, verstanden als Händigkeit, die unterschiedlichen Fähigkeiten und Anforderungen in der Organisation so kohärent zu steuern wie möglich. Entschieden mehr Aufmerksamkeit als die Frage nach einem Paradigma verdient allerdings Governance. Genauer: deren Befähigung zur Händigkeit. Denn zu den Aufgaben von Governance gehört, Organisationsfähigkeiten zu führen, zu schützen und im jeweiligen Kontext zu orchestrieren. Das ist alles andere als selbstverständlich – denn natürlich unterliegt auch die Führung denselben Wahrnehmungsverzerrungen, wie sie die MIT-Forscher Wu und Dukach bei der Konzentration aufs Tagesgeschäft nachgewiesen haben.

Damit schlagen wir den Bogen zurück zur Anpassungsfähigkeit: Agile Ansätze sind kein Stand-Alone-Format, sondern ein Vehikel, mittels dessen ein Unternehmen sein Ziel besser zu erreichen vermag. Denn beim Wie der Umsetzung schaffen agile Vorgehensweisen einen zielführenden Rahmen: Gerade bei Unsicherheiten ermöglicht das kurzzyklische Vorgehen, aus Experimenten zu lernen. Die Organisation gewinnt dadurch in kurzer Zeit an Erfahrung. Agilität sorgt gewissermaßen für Härtung. Bei der Ausführung wiederum trägt Anpassungsfähigkeit zu Kontinuität bei – ein Asset, wenn digitale Dienste über einen langen Zeitraum gewartet und mit neuen Funktionen attraktiv gehalten werden sollen.

Eine Skizze eines solchen Organisationssettings ist der «Innovationsrahmen » (vgl. Abbildung 3). Hier werden bekannte nicht-agile Methoden wie Design Thinking, Business Model Innovation und Lean Startup entsprechend den Fragen angeordnet, die sie zu beantworten helfen. Auf der Antwort der Vorgängerfrage setzt also die nächste Methode auf, solange, bis eine umsetzungsreife Lösung entsteht. Das Beispiel zeigt, dass die spezifische Situation eines Unternehmens – nämlich: sich seinen Kunden zu schaffen – unterschiedliche Konfigurationen verlangt. Dementsprechend muss auch Anpassungsfähigkeit eingebunden werden. Entscheidend ist dabei, den unterschiedlichen Methodenfokus zu verstehen, um sich diesen zunutze machen zu können. Genauso wichtig ist allerdings, liebgewonnene Denkroutinen zu stören. Denn zur Zukunftsoffenheit gehört auch, Kontinuitäten zu hinterfragen, bevor sie zu Orthodoxien erstarren (Fitzgerald & Stol, 2017).

Fazit

Die agile Organisation avancierte vor gut sieben Jahren zu einer konzeptionellen Überdehnung dessen, was Anpassungsfähigkeit zu leisten vermag. Dazu gehörte die Behauptung, die Transformation sei unabdingbar, um die Chancen der Digitalisierung nutzen zu können. Allerdings wurde dabei Anpassungsfähigkeit, eine konkrete Organisationsfähigkeit, mit der Funktion eines übergeordneten Organisationsparadigmas verwechselt. Mit fatalen Folgen: Mit der Fixierung auf die agile Organisation ging der Fokus verloren, dass die wichtigste Aufgabe jedes Unternehmens darin besteht, sich seinen Kunden zu schaffen, also mit einem einzigartigen Wertangebot zu überzeugen.

Statt darauf zu hoffen, dank agiler Methoden irgendwie einen Weg in die Zukunft zu finden, muss sich jedes Unternehmen im Blauen Ozean seine Marktpositionierung aktiv erarbeiten. Hierzu ist ein Methodenmix erforderlich, der unterschiedliche Perspektiven zusammenbringt, mit denen jeweils unterschiedliche Fragen zu beantworten sind. In diesem Kontext ist auch ein agil-iteratives Vorgehen sinnvoll: zur Umsetzung und laufenden Feinjustierung der angestrebten Marktstellung.

 

Dominik Strube
Programmleitung Studienreihen Kugler Maag Cie by UL Solutions

 

Literatur

Drucker, P. (1954). The Practice of Management. HarperColins.
Baecker, D. (1997). Wieviel Organisation braucht die Organisation? Zeitschrift OrganisationsEntwicklung, 18-25.
Meseberg, U. (2013). 10 Jahre agil. Das wurde teuer. Projektmagazin.
Barton, D. et al. (2018). Probleme zügig lösen. Harvard Business Manager, 36-38.
Nicolai, A. (2020). Aufbruch in das Ungewisse. Zeitschrift OrganisationsEntwicklung, Heft 4, 46-51.
Rigby, D. K. et al. (2020). Doing Agile Right: Transformation Without Chaos. Harvard Business Review Press.
Wu, A. & Dukach, D. (2021). Kreativ geht anders. Harvard Business Manager, 18f.