Den Teamspirit retten

Hybride Teams erfolgreich führen

«Hybride» Teams, deren Mitglieder teilweise im Büro und teilweise remote arbeiten, sind zur Normalität geworden. Der Übergang von der Präsenzkultur zur ortsflexiblen Zusammenarbeit stellt Führungskräfte vor ein Bündel neuer Herausforderungen, die eine Erweiterung von Mindset, Skillset und Toolset erfordern. Worauf es dabei sowohl auf der Organisationsebene als auch auf der individuellen Führungsebene besonders ankommt, zeigt dieser Beitrag.

Die meisten Organisationen haben inzwischen in Folge der Pandemie Regelungen zum mobilen Arbeiten fest etabliert. In der Praxis sehen wir dabei ein breites Spektrum: Manche fordern zwei bis drei Tage pro Woche im Büro, andere mindestens einen Tag pro Woche, und wieder andere erlauben völlig freie Arbeitsort-Wahl. Wissensarbeiter*innen schätzen diese Flexibilität bei der Tagesgestaltung. Viele würden eher den Arbeitgeber wechseln als sie wieder aufzugeben. Das Rad wird sich sicher nicht mehr zurückdrehen in die Vor-Corona-Zeit, in der das Arbeiten aus dem Homeoffice nur in besonderen Ausnahmefällen «gewährt» wurde.
Was bedeutet das für die Führung dieser hybriden Teams, die zum Teil im Büro und zum Teil mobil arbeiten, an wechselnden Tagen und zu unterschiedlichen Zeiten? Die Situation stellt Führungskräfte aktuell vor vielfältige neue Fragen: Wie halte ich das Team zusammen, wenn die Leute an verschiedenen Tagen ins Büro kommen und nur ganz selten alle gleichzeitig da sind? Wie stelle ich sicher, dass alle gut informiert sind und keine*r abgehängt wird? Wie sorge ich für starken Teamgeist und hohe Produktivität?

Die großen Herausforderungen beim Führen hybrider Teams
Seit dem Frühjahr 2022 arbeitet virtuu intensiv mit unterschiedlichen Organisationen daran, wie sie die hybride Zusammenarbeit optimal ausgestalten können. Dabei erheben wir jeweils zur Vorbereitung von Führungskräfte-Workshops bei den Teilnehmenden, welche spezifischen Herausforderungen sie beim Führen hybrider Teams erleben. In einem kurzen Online-Fragebogen geben sie dazu in einem ungestützten Freitext die Themen und Fragen an, die bei ihnen im Vordergrund stehen. Dadurch bekommen wir einen guten Eindruck davon, welche Probleme die Führungskräfte in ihrem Führungsalltag vorrangig beschäftigen. Im Zeitraum von April 2022 bis Mai 2024 wurden die Daten von 434 Führungskräften aus 16 Organisationen in unterschiedlichen Branchen im deutschsprachigen Raum erhoben und die Themenfelder im Multirater-Verfahren kategorisiert. Die Ergebnisse dieser Studie von virtuu zeichnen ein klares Bild von den Führungsfragen, die nun beim Übergang in die neue hybride Arbeitsrealität adressiert werden müssen (vgl. Abbildung 1).

Entwicklungen bei den Herausforderungen
Interessant dabei ist, wie sich die Schwerpunkte bei den Herausforderungen über die Zeit verschoben haben. Insgesamt bleibt es bei denselben Top 10 Herausforderungen, jedoch ändern sich die Rangplätze bei den Top 5. Während anfangs vor allem Fragen rund um die Arbeitsorganisation im Vordergrund standen, rücken nun die eher emotionalen Führungsthemen stärker ins Blickfeld (vgl. Abbildung 2).

Das bestätigt sich in den Workshops bei den Diskussionen mit den Führungskräften. Für einige der organisatorischen Aufgaben, die sie anfangs bei der Umstellung auf das hybride Arbeiten als schwierig erlebt haben, sind inzwischen Lösungen gefunden, sodass nun die nächste Ebene der Herausforderungen, der Umgang mit emotionalen Fragen, sichtbarer wird: Wie stärken wir die persönlichen Beziehungen und das Wir-Gefühl im Team, um Abwanderung zu verhindern? Wie stellen wir sicher, dass jeder im Team alles Wichtige mitbekommt und sich nicht abgehängt fühlt?
Die freien Antworten der Führungskräfte vermitteln, was sie aktuell bewegt:
• Wie stärke ich das Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn alle nur sehr selten gleichzeitig im Büro sind und die meisten Meetings online stattfinden?
• Wie motiviere ich meine Teammitglieder dazu, öfter zurück ins Büro zu kommen?
• Wie erkenne ich, ob Einzelne überlastet oder unterfordert sind oder sich einfach nur wegducken?
• Wie stelle ich sicher, dass alle wichtigen Informationen auch bei allen ankommen, ohne die Leute mit zu vielen Informationen oder Meetings zuzuschütten?

Das Risiko der Sozialen Erosion
In den Aussagen erkennt man deutlich, dass die Führungskräfte die Gefahren einer «Sozialen Erosion» wittern, wie Josephine Hofmann vom Fraunhofer Institut für Arbeit und Organisation das so treffend bezeichnet. Wenn diese Führungsfragen nicht kompetent gelöst werden, lauern verschiedene Risiken: Ein Zerbröseln des Teamspirits mindert die Qualität der Kollaboration im Team – und schwächt damit insgesamt die Performance der Organisation. Ein reduziertes Zugehörigkeitsgefühl der Einzelnen führt zu nachlassender Bindung an Team und Organisation und steigert die Gefahr unerwünschter Abwanderung. Einzelne Teammitglieder erleben ungesunde Arbeitsverhältnisse und Überlastung. Gerade wenn ein starkes soziales Netzwerk fehlt, können sie Stress weniger gut bewältigen und leichter in einen Burn-Out abgleiten.

Das Risiko der Ineffektivität
Unter den Top 10 werden auch Problemfelder benannt, die die effektive Zusammenarbeit auf Distanz massiv stören können:
• Ineffektiver Informationsfluss: Dadurch werden die Effizienz von Prozessen, Austausch von Wissen und Entstehen von Innovation teils erheblich behindert.
• Ineffektive Meetings: Gerade bei Online-Meetings oder hybriden Besprechungen machen die Teilnehmenden zu wenig mit, es fehlt an Aufmerksamkeit und Austausch, wodurch Meetingzeit sinnlos verschwendet wird.
• Ineffektive Nutzung der Tools für die Zusammenarbeit: Es ist zu wenig bekannt, wie Tools effizient genutzt werden können, es gibt zu viele Kommunikationskanäle, die uneinheitlich eingesetzt werden und dadurch entweder zu Informationsüberlastung oder zu Informationsmangel führen.
• Ineffektives Selbstmanagement: Es fällt vielen schwer, die eigene Führungsarbeit gut zu organisieren, für die eigene Resilienz zu sorgen und eine gesunde Grenze zwischen beruflich privat zu ziehen.
All diese Risiken gefährden nicht nur den persönlichen Führungserfolg, sondern vor allem auch die Schlagkraft der Organisation.

Der Handlungsbedarf
Die Befragungsergebnisse und Diskussionen in den Führungs-Workshops machen deutlich, dass Führungskräfte nach dem pandemiebedingten fundamentalen Umbruch in der Arbeitswelt schon eine große Lernreise zurückgelegt haben. Und gleichzeitig stehen sie noch vor vielen offenen psychologischen Führungsfragen. Teamleiter*innen und Teams sind gut beraten, nun ihre Kompetenzen und Routinen noch einmal deutlich zu verfeinern, um den Übergang von Präsenzkultur zu Ergebniskultur und zum Erhalt eines starken Teamspirits trotz Distanz zu schaffen.
Wenn das nicht gelingt, werden auch alle anderen Herausforderungen rund um Transformation, Innovation, Kreativität, Produktivität und Talent Management nur sehr schwer zu bewältigen sein. Ein hybrides Team, das sich im Alltag in Missverständnissen, Doppelarbeit, mühsamen Informationsaustausch und energiefressenden Meetings verzettelt, wird kaum hohe Performance und starkes Mitarbeiterengagement erreichen.
Das Meistern der Herausforderungen erfordert Input, Lernzeit und Experimentierfreude auf allen Ebenen der Organisation: Aufgabe des Top-Managements ist es, die Bedeutung des Upskilling der Führungspraktiken zu thematisieren und zu vermitteln. Es muss dafür finanzielle und zeitliche Ressourcen bereitstellen und entsprechende organisationsweite Initiativen starten und begleiten. Dazu gehört insbesondere auch, das Technologie-Know-how für asynchrone Kommunikation zu stärken. Jede Führungskraft muss ihre Führungskompetenz im Hinblick auf die neue Arbeitswelt kritisch auf den Prüfstand stellen und deren Weiterentwicklung priorisieren – mit Feedbackrunden, Trainings, Coaching und Selbstreflexion. Auf der Ebene des Teams muss die Führungskraft sich zusammen mit dem Team Zeit für die offene Diskussion der eigenen Arbeits- und Kommunikationsregeln nehmen, gemeinsam passgenaue und flexible Lösungen erarbeiten und diese kontinuierlich verfeinern.

«Reduziertes Zugehörigkeitsgefühl führt zu nachlassender Bindung an Team und Organisation.»

Lösungsansätze zum effektiven Führen hybrider Teams
Worauf kommt es nun beim Upskilling auf der Ebene der Führungskräfte an? Um effektive Zusammenarbeit, hohes Engagement und tiefe Bindung in hybriden Teams zu erreichen, wirken insbesondere die folgenden Stellhebel:
Die Führungskraft sollte ausreichend Zeit für den persönlichen Austausch mit jedem einzelnen Teammitglied einplanen. Durch diese persönliche Nähe vermittelt sie der Person Wertschätzung und signalisiert, dass ihr das Wohlergeben der Person am Herzen liegt. Dabei sollte sie besonderes auf die Gefahr des Proximity
Bias achten.


Ebenso sollte die Führungskraft ausreichend Gelegenheit für den persönlichen Austausch der Teammitglieder untereinander schaffen, um deren Beziehungen und den Teamspirit zu stärken. Dafür bieten sich natürlich vor allem gemeinsame Präsenztage an. Aber auch in Online-Meetings sollte sie dafür konkrete Gelegenheiten einplanen, z. B. in der Check-In-Phase der Besprechung.
Konkrete Ideen, wie man in Online-Meetings persönlichen Austausch und aktive Beteiligung anreizen kann, sind:
• Die Agenda des Meetings so planen, dass mehr Zeit für Diskussion als für monologartige Präsentation vorgesehen ist.
• Vor allem zu Beginn alle auf Kamera begrüßen und dafür sorgen, dass sich alle sehen können.
• Zeit für den Check-In einplanen und durch gezielte Warm-Up-Fragen auf die persönliche Ebene gehen. Eine aktivierende Möglichkeit dafür ist zum Beispiel die Frage: «Was war für dich ein Highlight seit unserem letzten Treffen?», bei der jede Person Einblick in ihre beruflichen oder persönlichen positiven Momente geben kann. Bei kleineren Gruppen kann man dazu jede Person einzeln sprechen lassen. In größeren Teams kann man jeweils nur zwei bis drei Personen verbal einbinden. Alternativ kann man über den Chat oder über Umfragen die Stimmung abfragen, z. B. auch unter Verwendung von Emojis.
• Für die Diskussion die vielfältigen Funktionalitäten des Online-Besprechungsraums voll ausreizen (Chat, Umfragen, Whiteboard, Kleingruppen etc.) und durch eine kompetente Moderation für Beiträge von allen, auch von den Introvertierteren, sorgen.
• Klare Spielregeln für die Beteiligung in Meetings vereinbaren, z. B. «wer dabei ist, macht mit» oder «bei Störungen melden » oder «Redebeiträge angemessen kurz halten», um die Dominanz einzelner Vielredner in Grenzen zu halten.
• Am Ende des Meetings die Teilnehmenden mit einem «emotionalen Finale» in einer Check-Out-Runde verabschieden.

 

Für den anfangs genannten Austausch kann man Zeit gewinnen, indem man die fachliche Kommunikation im Team so effizient wie möglich gestaltet. Die Führungskraft sollte die Teamarbeit über klare Ziele und Aufgaben steuern, den Status dazu für alle jederzeit transparent machen und dann vor allem jede Gelegenheit nutzen, um die Teamerfolge zu feiern und so den Teamspirit zu stärken. Und die Führungskraft sollte sich ihre veränderte Führungsrolle bewusst machen: Mehr denn je kommt es bei der Teamarbeit auf Distanz darauf an, die Motivation der Teammitglieder durch inspirierende gemeinsame Ziele («Purpose») hochzuhalten und sie dafür auch durch die persönliche Begeisterung und ein überzeugendes Leadership Statement anzuzünden.
Im Folgenden sind drei der Stellhebel ausführlicher dargestellt.


Gemeinsame Präsenzzeit gut dosieren und sinnvoll nutzen

Wie kann ich Mitarbeitende motivieren, «freiwillig» ins Büro zu kommen? Wie überzeuge ich sie vom Mehrwert einer Präsenzkultur? Wann und wofür kann ich sie sinnvollerweise auch mal «reinbeordern»? Wie gestalten wir die Tage im Büro sinnvoll?
Diese Fragen bewegen viele Führungskräfte, wenn es um die Ausgestaltung der Anwesenheit im Büro geht. Es bringt ja nur wenig, wenn die einzelnen Teammitglieder an unterschiedlichen Tagen reinkommen und dann die Zeit mit Kopfhörern auf den Ohren vorwiegend in Online-Calls verbringen. Gleichzeitig stößt es meist auf großen Widerstand, wenn die Anwesenheit an bestimmten Tagen erzwungen wird.
Eine Tatsache ist unbestritten: Es ist extrem hilfreich für Teamspirit und Team-Performance, wenn sich das ganze Team in regelmäßigen Abständen trifft, um die Beziehungen untereinander zu pflegen, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam Themen zu bearbeiten. Dafür muss die Führungskraft Zeit und Rahmen schaffen und insbesondere auch die informelle Kommunikation untereinander ermöglichen – bei gemeinsamen Aktivitäten, Mittagessen, Kaffeepausen. Das bedeutet, die gemeinsamen Teamtage bewusst zu gestalten und zu moderieren, und nicht einfach auf zufällige Begegnungen im Flur oder an der Kaffeemaschine zu hoffen.
Die Häufigkeit hängt von den Aufgaben und dem Entwicklungsstand des Teams ab. In den meisten Fällen reicht es aus, so einen Teamtag einmal pro Monat zu planen. Bei sehr «jungen» Teams kann es öfter sein, bei geografisch weit verstreuten Teams reicht vielleicht einmal alle zwei Monate, oder einmal im Quartal oder zwei- bis dreimal im Jahr. Entscheidend ist hier weniger die Quantität als vielmehr die Qualität der  Interaktionen an diesen Teamtagen: Ist die Führungskraft präsent, fokussiert, ansprechbar und inspirierend? Und schafft die Agenda für diesen Tag genügend Möglichkeiten für die Stärkung des Zugehörigkeitsgefühls sowohl auf der emotionalen als auch der fachlichen Ebene?

 

Konkrete Ideen für die Gestaltung eines inspirierenden Teamtages sind:
• Viel Zeit für informellen Austausch, z. B. in großzügigen Pausen, beim Mittagessen oder einer After-Work-Veranstaltung mit gemeinsamen Abendessen.
• Gelegenheit für intensiven persönlichen Austausch oder Teambuilding im gesamten Team.
• Rituale zum Feiern besonderer Momente der Teammitglieder, wie Geburtstage, Hochzeiten, Nachwuchs, Jubiläen und zum Eintritt oder Austritt von Teammitgliedern.
• Feiern von Erfolgen oder besonderen Meilensteinen des Teams und damit Stärkung des Werkstolzes.
• Austausch zu Wissen und Erfahrungen rund um die Aufgaben des Teams.
• Gemeinsames Lernen von neuen fachlichen oder persönlichen Kompetenzen.
• Workshops zum Lösen konkreter Probleme.
• Kreativ-Workshops oder explizite «Innovation Days».
• Networking mit anderen Teams der Organisation, zu denen wichtige Schnittstellen bestehen.

Wenn die Teammitglieder einen deutlichen Mehrwert bei diesen Präsenztagen erleben, wird es leichter für die Führungskraft, die Anwesenheitspflicht zu erklären und durchzusetzen. Sozialer Kitt und Teamspirit sind nicht nur «nice-to-have», sondern essenzielle Bestandteile effektiver Zusammenarbeit, die man durchaus einfordern kann.

 

Kommunikationsformen gezielt wählen und einsetzen
Viele Teams stöhnen darüber, dass sich bei ihnen ein unproduktives Online-Meeting an das andere reiht, und «man dabei überhaupt nicht mehr zum Arbeiten kommt». Das ist ein Indiz dafür, dass hier die Führungskraft nicht systematisch zusammen mit dem Team geklärt hat, was bei der Zusammenarbeit auf Distanz am besten synchron und was asynchron kommuniziert wird. Synchrone Kommunikation bedeutet, dass Personen gleichzeitig zum Austausch zusammenkommen: Entweder in Präsenz im Büro oder virtuell in Online-Meetings, Telefonaten oder auch hybriden Meetings. Asynchrone Kommunikation bedeutet, dass Information und Wissen zeitnah, aber nicht gleichzeitig ausgetauscht werden: Über Mail, Dokumente, Chat, Online Kalender, MS TEAMS-Kanäle, Notizen-Apps, Online Tools zum Steuern von Projekten, Workflows, Tickets, Kundenbeziehungen usw.

Synchrone Kommunikation ist intensiver, aber auch wesentlich aufwändiger als asynchrone Kommunikation. Schließlich müssen sich dafür alle Beteiligten zeitlich koordinieren und Platz in allen Kalendern dafür freischaufeln. Sie ist immer dann sinnvoll, wenn im Team etwas tief und persönlich diskutiert werden soll. Sie ist das Mittel der Wahl, wenn es um Teambuilding geht oder komplexe Fragen zu klären sind.
Asynchrone Kommunikation ist flexibler und wesentlich weniger aufwändig. Jedes Teammitglied kann Information jederzeit und ortsunabhängig senden und empfangen – dadurch ist diese Kommunikationsform auch inklusiver. Sie ist für den Austausch einfacher Informationen, wie z. B. Statusupdates, einfache Fragen, Verfügbarkeitsklärung, Sammlung von Input geeignet. Für einen Großteil der alltäglichen Informationen im Team ist sie das Mittel der Wahl und bietet riesige Produktivitätspotenziale. Was der Stand bei welcher Aufgabe ist, kann jeder selbst in ein Online Kanban Board wie z. B. den MS Planner oder Trello eintragen – und dann wissen alle jederzeit darüber Bescheid. Man kann sich also die langweiligen Status-Update-Runden in Meetings sparen und stattdessen gleich zum Kern der Sache kommen: Was ist toll gelaufen, welche Erfolge können wir feiern? Wo hakt es und wie können wir gemeinsam daran arbeiten, dass diese Hindernisse überwunden werden?

«Nicht einfach auf zufällige Begegnungen im Flur oder an der Kaffeemaschine hoffen.»

Hybride Teams erfolgreich führen – das heißt also zunächst, bewusst zu klären, welche Kommunikationsform wann im Team verwendet wird. Und dann alle im Team fit zu machen für produktive asynchrone Kommunikation, z. B. über strukturierte Beiträge in MS Teams-Kanälen statt über ineffiziente interne E-Mails mit vielen cc-Adressaten, über aktuelle Aufgabenlisten und über informellen Austausch in persönlichen Chats. Entscheidend dabei ist, so wenige Tools wie möglich zu nutzen – und pro Informationstyp jeweils nur einen festgelegten Kanal. Es wird oft unterschätzt, wie wichtig effektive Kommunikation für den Teamgeist ist. Sie bildet den Hygiene-Faktor, durch den Reibungen, Missverständnisse, Frustrationen und Doppelarbeit gerade bei der Zusammenarbeit auf Distanz vermieden werden können.


Den Proximity Bias vermeiden

Ein gefährlicher blinder Fleck bei der hybriden Zusammenarbeit ist für viele noch der «Proximity Bias». Darunter versteht man den typischen menschlichen Urteilsfehler, diejenigen Personen, die sich in der Nähe befinden, positiver zu beurteilen als diejenigen, die nicht direkt um einen herum sind, und sie bei der Zusammenarbeit zu bevorzugen.
Auf die hybride Teamarbeit bezogen: Mit den Personen, die uns täglich im Büro begegnen, sprechen wir mehr, wir sehen, was sie tun, und wir fragen sie öfter um Rat. Wenn Aufgaben zu verteilen sind, haben wir sie eher im Sinn und geben sie ihnen deshalb eher als anderen, die remote arbeiten. Daher ist es eine natürliche Folge, dass wir sie im Hinblick auf ihre Leistung und ihr Engagement besser einschätzen. Für die Führungskraft bildet sich dabei schnell der Eindruck, dass die Personen im Office produktiver und kompetenter sind als die Kolleg*innen im Homeoffice, die sie nicht direkt im Blick hat.
Viele Führungskräfte sind sich dieses Biases leider nicht bewusst. Gerade wenn sie selbst viel im Büro arbeiten, sind sie besonders gefährdet, Leistungen der remote Arbeitenden nicht fair zu beurteilen. Deren Fähigkeiten werden dann nicht voll genutzt – und das Team bleibt in der Performance hinter dem eigentlichen Potenzial zurück. Das führt schließlich zu Frustration bei denen, die weniger gesehen werden und unfaire Einschätzungen und Benachteiligung erleben – oft auch mit der Konsequenz, dass sie zu anderen Teams oder Arbeitgebern abwandern.
Um diese Gefahren zu verringern, ist es entscheidend, sich als Führungskraft der Tendenz zu diesem Urteilsfehler bewusst zu werden und dem Proximity Bias gezielt entgegenzuwirken: Die Führungskraft sollte genau verfolgen, ob sie mit jedem im Team wirklich regelmäßig kommuniziert und dabei niemanden vernachlässigt, am besten mit dem systematischen Führen einer Checkliste. Die Meetings mit allen Teammitgliedern sollte sie möglichst «auf Augenhöhe» abhalten – also alle entweder in Präsenz oder im Video-Call. Dabei sollte sie hybride Meetings vermeiden, bei denen ein Teil der Leute im physischen Besprechungsraum sitzt und ein anderer Teil remote zugeschaltet ist. Denn diese Situation führt schnell zu einer «Zweiklassengesellschaft», wenn sie nicht extrem gut moderiert wird. Wichtige Informationen sollte sie ihren Leuten im Büro nicht «mal schnell über den Flur zurufen», sondern darauf achten, alle relevante Kommunikation online zu teilen (z. B. über MS TEAMS-Kanäle). Dann sind auch die Homeoffice-Arbeitenden immer gleich gut informiert und eingebunden. Sie sollte klare Kriterien für die Leistung ihrer Teammitglieder festlegen und diese systematisch bei der Leistungsbeurteilung anwenden. So kann sie die einseitige Bevorzugung der Personen in ihrer physischen Nähe vermeiden.

Fazit
Inzwischen haben sich die hybriden Arbeitsformen in den meisten Organisationen fest etabliert. Höchste Zeit also, die Führungsmannschaften für die damit einhergehenden psychologischen und technischen Führungsanforderungen fit zu machen – und das auf den drei Ebenen Mindset, Skillset und Toolset. Das wird nur gelingen, wenn HR, Business, Facility Management und IT in gemeinsamen Projekten zusammenarbeiten, um die radikale Umwälzung der Arbeit optimal auszugestalten.
Ohne solche cross-funktionalen Initiativen wird es Organisationen nicht gelingen, wirksame Transformation und Innovation voranzutreiben.

 

Alexandra Altmann
Geschäftsführerin virtuu/MYNDS GmbH

Tim Winter
Head of Talent Management and Development im Cluster Deutschland/Schweiz, DB Schenker

Tanja Czibulinski
Mitinitiatorin der Mission 365, Managerin Klaus Fritzsching Stiftung, Testo SE & Co. KGaA


Mit Coaching zu New Leadership

Kulturwandel in einem traditionsreichen Sozialunternehmen

Anhand der Einführung eines neuen, teamorientierten Führungsansatzes bei Diakoneo KdöR, einem der größten konfessionellen Gesundheits- und Sozialunternehmen in Deutschland, wird das Vorgehen bei einem Kulturwandel in einem eher traditionell geprägten Unternehmen beleuchtet.

In Zeiten von Transformation, schnellen Veränderungen und Unvorhersehbarkeiten ist ein traditionelles Führungsverständnis oft nicht mehr effektiv genug, um in dieser veränderten Arbeitswelt erfolgreich zu sein. Kund*innen verlangen nach immer schnelleren Reaktionen und Lösungen. Und Mitarbeitende erwarten von ihrem Arbeitsplatz mehr Autonomie, Verantwortung und Raum für die persönliche Weiterentwicklung. Hinzu kommt, dass sich Unternehmen aufgrund des Fachkräftemangels sowohl in Bezug auf die Gewinnung von Personal als auch in Bezug auf die Mitarbeitendenbindung für die Zukunft bereit machen müssen. Laut dem Gallup Report 2023 liegt die emotionale Bindung zu Arbeitgeber*innen in Deutschland bei 16 Prozent und damit weit unter dem weltweiten Durchschnitt von 23 Prozent. Die niedrige emotionale Bindung kann bei Beschäftigten zu einer höheren Bereitschaft führen, den Job zu wechseln. Insbesondere im Gesundheits- und Sozialbereich ist die Fluktuation sehr hoch, auch deshalb, weil insgesamt durch den Fachkräftemangel eine Vielzahl an Stellen zu besetzen ist.
Vor diesen Herausforderungen steht auch Diakoneo KdöR (im Nachfolgenden Diakoneo), welches mit ca. 11.400 Mitarbeitenden eines der größten konfessionellen Gesundheits- und Sozialunternehmen in Deutschland ist. Aus diesem Grund wurde bei Diakoneo im Geschäftsfeld Bildung durch die Vorständin Verena Bikas und mit der Transformationsbegleitung von Kalusche Consulting seit Anfang 2022 ein neuer teamorientierter Führungsansatz im Sinne von New Leadership implementiert, der den Fokus auf die Zusammenarbeit und Eigenverantwortung der Mitarbeitenden legt. Dadurch wurden neue Leitungs- und Arbeitsstrukturen geschaffen – Strukturen einer neuen Art von Führung.

 

Was bedeutet New Leadership?
Um den Anforderungen der modernen Arbeitswelt zu begegnen, wurden verschiedene moderne Führungsansätze entwickelt, die gemeinsam haben, dass sie den Fokus stärker auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden sowie deren Befähigung und Eigenverantwortung legen als traditionelle Führungsansätze. Diese neuen Führungsstile sind sich in den Grundideen sehr ähnlich, setzen jedoch in ihren Konzepten unterschiedliche Schwerpunkte. Das Verständnis von New Leadership im Geschäftsfeld Bildung stützte sich primär auf Elemente des Servant Leadership sowie des Positive Leadership-Ansatzes.
Im Servant Leadership-Ansatz nach Robert Greenleaf wird der Fokus auf die Haltung der Führungskräfte gelegt, welche eine den Mitarbeitenden dienende Haltung einnehmen, die sich an deren Bedürfnissen und Interessen orientiert. Es wird eine empathische und wertschätzende Haltung anstatt einer autoritären eingenommen. Auch das PERMA-Modell, ein stärkenorientiertes Modell aus der Positiven Psychologie, welches Martin Seligman in den frühen 2000er Jahren entwickelte, findet Einzug in den New Leadership-Ansatz. Daran orientiert, greift Positive Leadership Beziehungen auf und legt Wert auf Teamorientierung. Entscheidend ist in diesem Ansatz, dass die Mitarbeitenden stärkenorientiert arbeiten und Sinn in der Arbeit finden können, durch Befähigung, Eigenverantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten.
Folglich verstehen wir, die Autorinnen, New Leadership als einen teamorientierten Führungsansatz, der die Bedürfnisse von Mitarbeitenden in den Vordergrund stellt, sowie Zusammenarbeit, Eigenverantwortung und Partizipation fördert, indem eine Arbeitsumgebung geschaffen wird, in welcher die vielfältigen Kompetenzen und Ideen von Mitarbeitenden genutzt, ihr Engagement gefördert und somit ihr Wohlbefinden gestärkt wird. Die Führungskraft im Sinne von New Leadership fungiert, anders als bei traditioneller Führung, nicht als alleiniger Entscheidungsträger, sondern vielmehr als Coach und Moderator*in. Sie begleitet, befähigt, gibt Orientierung und schafft Impulse für Veränderung. Aufgabe der Führungskraft ist hierbei nicht von oben Vorgaben zu machen, Kontrolle auszuüben und alle Entscheidungen selbst zu treffen, sondern durch Empathie und Kommunikation auf Augenhöhe Mitarbeitende dazu zu befähigen und dabei zu stärken, Verantwortung zu übernehmen (siehe Abbildung 1).
Wenn New Leadership in einem Unternehmen richtig gelebt wird, führt es zu Mitarbeitendenzufriedenheit, intrinsischer Motivation und Empowerment, wodurch die Bindung an das Unternehmen gestärkt werden kann. Insbesondere die flachen Hierarchien, in denen die Arbeit und Verantwortung auf mehreren Schultern verteilt wird und es klare Verantwortlichkeiten gibt, kann zur Folge haben, dass Mitarbeitende einen tieferen Sinn in ihrer Arbeit sehen und letztendlich gerne zur Arbeit kommen.

Bisheriges Führungsverständnis und -struktur
Diakoneo ist ein diakonisches Sozial- und Gesundheitsunternehmen mit einer 170-jährigen Tradition. In der Vergangenheit wurde Führung als Setzen von Zielen und Weitergabe von Aufgaben durch die Führungskraft an die Mitarbeitenden verstanden. Dies ist ein sehr klassisches und hierarchiegeprägtes Führungsverständnis, das sehr oft auch durch mangelnde Transparenz gekennzeichnet war. Dementsprechend sind die vielen langjährigen Mitarbeitenden dieses beschriebene Vorgehen der Führungskräfte gewohnt. Nicht alle wollen eine andere Art der Führung und gar gestalten oder Entscheidungen selbst treffen. Aus diesem Grund sprechen wir bei der Einführung von New Leadership im Geschäftsfeld Bildung von einem immensen Kulturwandel. Strukturen sind schnell verändert, Kultur hingegen nicht. Eine neue Kultur muss von allen Beteiligten gelebt werden. Es gilt die Mitarbeitenden auf dem Weg mitzunehmen und zu beteiligen. Dies ist ein Prozess, der gut überlegt aufgesetzt werden sollte und vor allem auch einer ganzheitlichen, professionellen Transformationsbegleitung bedarf.
Das Geschäftsfeld Bildung bestand zum Beginn des Kulturwandels aus insgesamt 60 Bildungseinrichtungen, davon 25 Kindertagestätten, 31 Schulen, drei Wohnheimen für Schüler*innen und Studierende und einer Hochschule zu Anteilen. Über 2.000 Kinder und Jugendliche sowie 4.000 Lernende werden von 1.300 Mitarbeitenden in Bayern und Baden-Württemberg betreut, unterrichtet, beraten und begleitet. Die Kindertagesstätten und Schulen waren in zwei Leistungsbereiche gegliedert, die jeweils von einer geschäftsführenden Leitung stark unabhängig voneinander geführt wurden. Die Verantwortung ist dadurch auf nur wenigen Schultern verteilt und bringt folglich längere Entscheidungswege mit sich.

Vorgehen bei der Einführung von New Leadership
Ein neues Führungsverständnis bringt eine Veränderung von Strukturen mit sich. Zu Beginn der Implementierung von New Leadership wurden daher neue Leitungsstrukturen eingeführt, welche unter anderem flachere Hierarchien, Agilität und eine effektive Kommunikationsstruktur mit sich bringen sollten. Die beiden Leistungsbereiche Kindertagesstätten und Schulen wurden deshalb aufgelöst und eine neue Führungsrolle, die Rolle der Regionalleitung, geschaffen. Es gibt also nicht mehr nur zwei geschäftsführende Leitungen, sondern insgesamt zwölf Regionalleitungen, welchen je sechs bis acht Einrichtungen in einer Region zugeordnet sind. Die Regionalleitungen arbeiten in ihrer Region gemeinsam mit einem Leitungsteam aus Standortleitungen und Pädagogischen Leitungen der sechs bis acht Einrichtungen zusammen (Organigramme siehe Abbildung 2).

Im Leitungsteam sind Aufgaben und Verantwortlichkeiten klar geregelt, indem – ganz im Sinne von Empowerment – alle Leitungen in diesen Leitungsteams im Rahmen einer Delegationsmatrix Aufgaben haben, für die sie die Verantwortung tragen. Durch dieses neue Leitungskonstrukt gibt die Vorständin, wie im New Leadership Ansatz vorgesehen, Aufgaben und Verantwortung an ihre Regionalleitungen ab, sodass Arbeit und Verantwortung dezentralisiert werden. Sie erhofft sich dadurch unter anderem schnellere Absprachen und Entscheidungswege, eine klarere Verteilung von Aufgaben und eine verbesserte regionale Zusammenarbeit mit den anderen Geschäftsfeldern bei Diakoneo. Sie legt darüber hinaus in der Führung ihrer Mitarbeitenden bewusst großen Wert auf eine hohe Beziehungsorientierung und entsprechendes Vertrauen.

Coaching als Schlüssel zum Erfolg
Der Erfolgsfaktor für die gelungene Einführung von New Leadership war unserer Ansicht nach das flächendeckende und kontinuierliche Coaching der neuen Führungskräfte. Um den New Leadership-Ansatz von Beginn an in die neuen Strukturen einfließen zu lassen, wurde mit den Führungskräften an deren Haltung gearbeitet. Denn es ist für den Erfolg eines solchen Kulturwandels unerlässlich, dass die Führungskräfte eine eigene Haltung zu New Leadership entwickeln und das veränderte Führungsverständnis verinnerlichen, es selbst leben und dadurch in ihre Teams tragen. Genau aus diesem Grund haben wir uns für die Methode des Coachings entschieden, da aus unserer Expert*innensicht die eben beschriebene Haltungsarbeit in Transformationsprozessen einen wesentlichen Baustein für den Erfolg darstellt und im 1 zu 1-Setting individuell bearbeiten werden kann. Haltung kann man letztlich nicht schulen, sie muss verinnerlicht werden, und Kulturwandel beginnt bei jedem selbst.
Die Regionalleitungen wurden unmittelbar nach Beginn ihrer neuen Führungsrolle im Rahmen von Einzelcoachings unterstützt, wodurch ihnen das Einfinden in der neuen Rolle erleichtert wurde. Auch die Vorständin wurde seither individuell gecoacht, um ihr persönliches team- und beziehungsorientiertes Führungsverständnis in den Blick zu nehmen und stetig daran zu arbeiten. Es war ihr, dem New Leadership-Ansatz entsprechend, besonders wichtig, die individuelle Entwicklung ihrer Mitarbeitenden zu begleiten, weshalb wir den Prozessablauf der Einzelcoachings auf Diakoneo maßangefertigt haben. Sie nahm sich sowohl für die Auftragsklärung, einen Zwischenstopp als auch den Coachingabschluss ihrer Mitarbeitenden Zeit. Dazwischen lagen die persönlichen Coachings-Sprints von Coach und Coachee. Auch wenn der Ablauf der Coachings identisch war, wurden die Zeitabstände zwischen den einzelnen Coachingeinheiten an die Bedürfnisse der Coachees angepasst und die Inhalte der Coachings individuell gestaltet.
Nicht alle Regionalleitungen hatten zuvor bereits Führungsverantwortung. Neben dem Fokus auf dem Haltungscoaching als Basis für das neue Führungsverständnis, wurden die Führungskräfte daher durch Coaching zum Rollenwechsel bei der Übernahme ihrer neuen Rolle unterstützt. Damit konnten sie sich der im Vergleich zu ihren früheren Funktionen andersartigen Herausforderungen bewusster werden. Wir unterstützen sie hierbei konkret dabei, ihre Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit zu stärken und mehr Sicherheit in ihrer neuen Führungsrolle zu gewinnen. Das Coaching zum Rollenwechsel diente auch der kritischen Reflexion in Bezug auf die eigene Wirksamkeit, um vor allem zu Beginn der neuen Führungsrolle nicht in einen unreflektierten Aktionismus zu verfallen. Zusätzlich arbeiteten wir mit den Führungskräften an konkret anstehenden Herausforderungen und erarbeiteten hierfür gemeinsam individuelle Lösungen, wodurch ihnen ermöglicht wurde, Schritt für Schritt neue Führungskompetenzen zu entwickeln. Anzumerken ist, dass für den Erfolg von Coaching die Freiwilligkeit sowie die Unterstützung der Organisation bzw. des*der Vorgesetzten gegeben sein muss, welches bei Diakoneo und besonders von der Vorständin im ganzen Prozess durchgängig der Fall war.

Hilfreiche Coaching-Werkzeuge
Aufgrund der unterschiedlichen Bedürfnisse und Themen der Regionalleitungen wurden die Coachings inhaltlich sehr individuell gestaltet, wodurch kein standardmäßiges Vorgehen genannt werden kann. Jedoch ergab es sich, dass wir einige Tools vermehrt in den Coachings anwendeten, damit die Führungskräfte sich schneller in ihre neuen Rollen einfinden konnten. Für die Rollenklarheit arbeiteten wir zu Beginn häufig mit dem Drei-Welten-Modell (Organisationswelt – Professionswelt – Privatwelt) und dem AKV-Prinzip (Aufgaben – Kompetenzen – Verantwortlichkeiten). Des Weiteren nutzten wir für die Identitäts- und Sinnstiftung in der neuen Rolle Visionsarbeit. Dabei geht es darum, mit dem Coachee ein erstrebenswertes und motivierendes Zukunftsbild von sich in der neuen Rolle zu erarbeiten. Wie stellt er sich die neue Rolle vor und vor allem wie sieht er sich in der neuen Rolle? Die Vision kann als Orientierung im Verlauf des Coachings immer wieder in den Blick genommen werden.
Um noch spezifischer auf die Coachees und ihre Ressourcen eingehen zu können, verwendeten wir einen standardisierten Stärkentest (VIA Character Strengths Survey). Für die Stärkung der Führungskompetenzen der neuen Führungskräfte kamen als Tools auch vermehrt das Steuerrad der Führung und die Lange Straße der Kommunikation zum Einsatz (siehe Abbildung 3). Das Steuerrad der Führung dient als Tool, um die verschiedenen Dimensionen der Führung herauszuarbeiten und zu entwickeln. Es beinhaltet die fünf Dimensionen Aufgabe und Rolle, Persönlichkeit, innere Steuerung, Tools und Techniken sowie innere Haltung und Einstellung. Die Anforderungen an die Regionalleitungen konnten mit Hilfe des Tools mit ihren vorhandenen Kompetenzen, Potenzialen und ihrer inneren Haltung kompetenzorientiert abgeglichen werden. Als Kommunikationsmodell arbeiteten wir unter anderem mit der Lange Straße der Kommunikation, welche zum besseren Verständnis bei Kommunikationsproblemen dient, und hilft, die Wichtigkeit kontinuierlicher Kommunikation von Führungskräften an ihre Mitarbeitenden aufzuzeigen. Nur weil etwas gesagt wurde, heißt es noch nicht, dass es vom Gegenüber auch verstanden, angewendet oder gar beibehalten wurde.

Workshops
Zusätzlich zur Entwicklung von Führungskompetenzen und einer eigenen Haltung zu New Leadership ist ein Abgleich und Austausch mit den anderen Führungskräften ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Kulturwandels, weshalb wir parallel zu den individuellen Coachingeinheiten auch Workshops durchführten. Die begleitenden Workshops setzten unterschiedliche Schwerpunkte, z. B. Führung. Neben der individuellen New Leadership-Haltung ist es unabdingbar, mit der Vorständin und den anderen Führungskräften am gemeinsamen Führungsverständnis der Leitenden im Bereich Bildung zu arbeiten, sowie die Ausgestaltung der neuen Strukturen zusammen zu entwickeln und mitzugestalten. Ziel von Workshops zum Thema Führungskoalition war es zudem, aus dem neuen Leitendenkonstrukt der Regionalleitungen ein Team zu formen, welches sich gemäß New Leadership wechselseitig unterstützt, stärkt und befähigt, sowie einen regelmäßigen gemeinsamen Austausch zu ermöglichen, um Best Practices und Herausforderungen miteinander zu teilen.

Herausforderungen im Prozess
Dadurch, dass es sich bei den Regionalleitungen um einige neue Führungskräfte ohne vorherige Führungserfahrung handelte, wurden beim Coaching zu den Führungskompetenzen gewisse fachliche Kompetenzlücken deutlich, die sich nicht für eine Bearbeitung im Coaching eigneten. Hier steuerten wir mit intern organisierten Trainings des Geschäftsfelds Bildung, zum Beispiel zum Thema Controlling, entgegen.
Wie bereits angesprochen bringt ein Kulturwandel im Unternehmen gewisse Widerstände der Mitarbeitenden mit sich. Nicht jeder*jede kann Veränderungen akzeptieren und seine Verhaltensgewohnheiten anpassen. Widerstand ist Teil des Prozesses. Bereits bei der gemeinsamen Planung der Einführung von New Leadership zwischen der Vorständin und der Beratung haben wir mit diesen Widerständen unter den Mitarbeitenden gerechnet, haben aber zu Beginn im Coaching den Schwerpunkt dennoch auf die Haltungsarbeit gelegt. Als wir die teils starke Abwehrhaltung der Mitarbeitenden bemerkten und die Führungskräfte diese als herausfordernd beschrieben, haben wir im Coaching intensiv an den Change- und Kulturwandelkompetenzen der Führungskräfte gearbeitet. Konkret konnten wir ihnen durch das 1 zu 1-Setting des Coachings spezifische Tools an die Hand geben, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer jeweiligen Teams abgestimmt waren und ihnen beim Abbau der Widerstände auf Mitarbeitendenebene halfen. Die gewählte Methode des Coachings ermöglichte es uns, bei Bedarf schnell und individuell mit den Führungskräften an ihrem Umgang mit den Widerständen ihrer Mitarbeitenden zu arbeiten. Bei anderen Vorgehensweisen wäre eine so schnelle Unterstützung erheblich schwieriger gefallen.

Effektivität der Coachings
Im Rahmen einer Feedbackabfrage wurde der Erfolg der Coachings evaluiert. Dazu wurde jedem Coachee etwa drei Monate nach Absolvieren des Coachings ein Feedbackfragebogen zugesendet. Aus deren Auswertung ergab sich, dass die Coachees das Coaching hilfreich fanden, um in ihre neue Führungsrolle zu kommen. Es zeigte sich, dass sie die im Coaching erlernten Tools und Strategien in ihrem Führungsalltag anwenden konnten. Außerdem stärkte das Coaching ihre Führungskompetenzen und unterstützte ihre persönliche Entwicklung. Den größten Mehrwert des Coachings sahen sie darin, dass sie Sicherheit in ihrer neuen Führungsrolle gewinnen konnten und dass individuelle, herausfordernde Situationen und Probleme aus dem Führungsalltag direkt im Coaching behandelt werden konnten. Auch für die Vorständin sind durch das Coaching der Regionalleitungen Veränderungen im Business-Alltag erlebbar. Insgesamt zieht sie ein positives Resümee zur Einführung von New Leadership: «Nach nun über zwei Jahren nach Einführung des Regionalleitungskonstrukts zeigen sich bereits deutliche Vorteile der neuen Führungsstruktur. Zum einen übernahmen die Regionalleitung viele Aufgaben hinsichtlich der Personal- und Budgetverantwortung, welche mich als Vorständin in der Operative entlasteten, so dass ich Raum für strategische und politische Handlungen hatte, um wiederum für bessere Arbeitsbedingungen vor Ort zu sorgen. Gleichzeitig steigerte sich die Motivation bei den Regionalleitungen, ihre Verantwortung wahrzunehmen, welche sie wieder an ihr Leitungsteam in den Regionen sowie die Mitarbeitenden weitergaben. Dadurch erreichten wir, dass sich potenzielle Mitarbeitende bei uns bewarben. Aus meiner Sicht hat sich ein erheblicher Teamgedanke im Geschäftsfeld Bildung entwickelt, welcher nach außen strahlt. Und: Die Regionalleitungen und ich sehen uns als Team, das eng zusammenarbeitet und sich gegenseitig vertraut. Das ist für mich der Schlüssel von New Leadership – Vertrauen.»

Fazit und Empfehlung
Um einen Kulturwandel erfolgreich zu gestalten, ist die Planung, Bereitstellung und Umsetzung begleitender Maßnahmen zentral, welche die von dem Veränderungsprozess Betroffenen und Beteiligten im Verlauf der Veränderung unterstützen, um damit die Chancen für eine positive und nachhaltige Implementierung zu erhöhen. Drei Bausteine sind für die Begleitung der Einführung eines neuen Führungsverständnisses zu empfehlen (siehe Abbildung 5). In der Umsetzung gab es eine gute Ergänzung aus der Nutzung interner Ressourcen der Organisation, beispielsweise bei Trainings von Fachthemen und Kompetenzen, sowie der unterstützenden, externen Berater*innenperspektive. Die, wie wir finden, entscheidende Basis für die erfolgreiche Einführung von New Leadership war neben Workshops und Trainings vor allem das individuelle Coaching der neuen Führungskräfte, die derum die New Leadership-Haltung in ihre Teams tragen konnten.


Für zukünftige, ähnliche Transformationsbegleitungen empfehlen wir von Beginn an sowohl die Arbeit an der Haltung und den Führungskompetenzen sowie die Change- und Kulturwandelkompetenzen der Führungskräfte bei der Einführung des neuen Führungsverständnisses im Blick zu behalten. Die Transformationsbegleitung und die damit einhergehenden Coachings erstreckten sich über einen Zeitraum von über eineinhalb Jahren. Auch nach über zwei Jahren ist der Kulturwandel bei Diakoneo im Geschäftsfeld Bildung noch nicht vollständig abgeschlossen. Es ist und bleibt ein Prozess, der vor allem in einem traditionsreichen Unternehmen Zeit benötigt.

Sonja Kalusche
Geschäftsführerin Kalusche Consulting GmbH, systemische Beraterin, mehrfach zertifizierter Coach und Expertin im Bereich Transformationsbegleitung

Verena Bikas
Vorständin des Geschäftsfeldes Bildung bei Diakoneo KdöR

Literatur:

• Czechowski, P. (2023). New Leadership – Definition, Prinzipien & Fähigkeiten, Institut für Managementberatung. https://www.zoe-online.org/new_leadership
• Gallup (2023). State of the Global Workplace. https:// www.zoe-online.org/global_workplace
• Janssen, B. (2023). Das neue Führen. Führen und sich führen lassen in Zeiten der Unvorhersehbarkeiten. Ariston.
• Schneider, T. (2020). Agil, hierarchiefrei und selbstorganisiert im New Work oder überwältigt von Systemstrukturen und unterdrückten gruppendynamischen Prozessen im New Office, in: GIO Gruppe. Interaktion. Organisation (51: 469-479); Springer.


Zutiefst menschlich

oder wie die Beratung KI nutzen kann

Künstliche Intelligenz (KI) ist eine der größten technologischen Herausforderungen und Chancen unserer Zeit. Sie verändert nicht nur die Art und Weise, wie wir kommunizieren, arbeiten und lernen, sondern auch die Rolle und den Wertbeitrag von Beratung. Wie können Beratende nun das Zusammenspiel mit KI professionell gestalten und dabei Potenziale und Risiken besser einschätzen und in ihr Beratungshandeln einfließen lassen? Wo ist die KI dem Beratenden überlegen, wo aber (noch) nicht? Das alles versteht sich vor dem Hintergrund der steten Weiterentwicklung von KI als eine Momentaufnahme.

KI ist ein Sammelbegriff für verschiedene Methoden und Anwendungen, die es Maschinen ermöglichen, aus Daten zu lernen, zu verstehen und zu handeln. KI kann dabei viele Aufgaben erledigen, die bisher von Menschen durchgeführt wurden – und das oft schneller, genauer und kostengünstiger. Dabei kann die KI Routineaufgaben übernehmen, die den Arbeitsalltag vereinfachen, oder zum Beispiel Prozesse über Anwendungen hinweg automatisieren. Beispielsweise beschreibt der Job-Futoromat des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit – ein webbasiertes Tool unter https://job-futuromat.iab.de –, dass 25 Prozent der Tätigkeiten von Unternehmensberater*innen schon heute aufgrund von digitalen Technologien automatisierbar sind.

Was kann generative KI?
Generative KI unterscheidet sich von herkömmlicher KI durch die Fähigkeit, neue Inhalte zu erstellen (generieren). Während herkömmliche KI-Modelle auf die Analyse und Interpretation vorgegebener Datenmengen beschränkt sind, kann generative KI eigenständige Ideen, Designs, Texte oder Lösungen hervorbringen, die auf bestehenden Daten basieren, aber eben darüber hinausgehen. Diese Fähigkeit ermöglicht die Entwicklung von innovativen Ideen und Lösungsansätzen und macht generative KI zu einem bedeutsamen Einflussfaktor auf Beratungsarbeit in Organisationen. Wenn wir in diesem Kontext also von KI sprechen, beziehen wir uns in erster Linie auf generative KI.
Beispiele für den Einsatz von KI im Organisationsberatungskontext:
• Organisations- und Kulturdiagnose: Qualitative Daten aus Interviews oder Umfragen können von KI in kürzester Zeit transkribiert, kodiert, kategorisiert, visualisiert und miteinander in Bezug gesetzt werden. Dies erleichtert die Verarbeitung von großen und qualitativen Datenmengen in kurzer Zeit und die Anwendung auf diagnostische Prozesse. Zudem eröffnet KI die Möglichkeit, Primär- sowie Sekundärdaten für die Diagnose zu nutzen.
• Recherche und Zusammenfassung von Themen: KI kann aus großen Datenmengen lernen und komplexe Muster erkennen, um innovative Lösungen sowie kreative Ideen zu generieren, die menschliche Entscheidungsprozesse übertreffen können (bspw. die zentralen Ergebnisse von Mitarbeiterbefragungen über die vergangenen zehn Jahre). Dadurch ist es möglich, sich schnell einen differenzierten Überblick über relevante Themenfelder zu verschaffen sowie kollektive Handlungsmuster einer Organisation zu identifizieren.
• Konzeption und Design von Interventionen: Bei der Konzeption von Beratungsinterventionen aber auch Workshops oder Trainingsmaßnahmen lassen sich über KI konkrete Abläufe oder Vorgehensmodelle generieren, die zur Anregung genutzt und weiter adaptiert werden können.
• Moderation und Dokumentation: Mit den Möglichkeiten von KI lassen sich Beiträge von Diskussionsteilnehmenden erfassen, verarbeiten und verfügbar machen. Dadurch können die Stimmen vieler Teilnehmender nicht nur sichtbar, sondern auch schnell zusammengefasst und strukturiert werden. Fotoprotokolle lassen sich anhand von KI nicht nur auslesen, sondern auch inhaltlich analysieren, so dass in Kürze die essenziellen Kernbotschaften daraus abgeleitet werden können.
• Coaching: KI-Systeme sind in der Lage, Daten über eine Person zu sammeln und zu analysieren, um ein besseres Verständnis ihrer Persönlichkeit, ihrer Stärken und Schwächen zu erlangen. KI kann Persönlichkeitsprofile erstellen, Verhaltensmuster erkennen, Feedback zu Fragestellungen geben und individuelle Lernpfade anbieten. Auf dieser Grundlage kann das System personalisiertes Feedback und maßgeschneiderte Lernpläne bereitstellen, um die persönliche und berufliche Entwicklung zu fördern (siehe zum Thema Coaching und KI auch das Gespräch mit Nicky Terblanche in dieser Ausgabe).

Was kann KI (noch) nicht?
KI ist bisher nicht in der Lage, alle Aspekte der Beratung zu ersetzen oder zu verbessern. Sie hat einige Grenzen und Schwächen, die es für Beraterinnen und Berater erfordert, kritisch und reflektiert mit ihr umzugehen. Einige Beispiele für das, was KI im Organisationskontext nicht kann, sind:
• KI kann nicht die Interessen, Bedürfnisse und Erwartungen aller Stakeholder abwägen oder einbeziehen und kann auch nicht die ethischen, sozialen und politischen Implikationen von Entscheidungen und Handlungen berücksichtigen: KI kann zwar Vorschläge und Empfehlungen anbieten, aber nicht die Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen.
• KI kann keine sozialen Verstehensprozesse und Lernprozesse anstoßen, zu denen es den Dialog und die Auseinandersetzung braucht: KI kann zwar Daten analysieren und Muster erkennen, aber nicht die Bedeutung und den Sinn hinter den Daten verstehen oder vermitteln. KI kann nicht die Emotionen, Werte und Motive der Beteiligten erfassen oder beeinflussen und kann nicht die Vielfalt, die Komplexität und die
Dynamik von Situationen und Problemen erfassen oder gestalten.

«KI kann zwar Empfehlungen anbieten, aber nicht die Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen.»

• KI kann nicht garantieren, dass die produzierten Antworten tatsächlich richtig sind; schließlich beruht KI ausschließlich auf verfügbaren Daten, die in ihrer Kombination durchaus Fehler, Unwahrheiten und Vorurteile produzieren können.
• KI kann keine vertrauensbasierte, zwischenmenschliche Kommunikation ersetzen, die in Organisationen nicht selten das «soziale Schmiermittel» für erbrachte Leistungen ist.
• KI kann keine sozialen Spannungen und Konflikte generieren, sondern ist in erster Linie lineare und ausgewogene Informationsvermittlung.
• KI hat das Potenzial organisationale Entscheidungsprozesse mit Blick auf Effizienz und Schnelligkeit zu verbessern, ist aber nicht in der Lage das soziale Miteinander in der Entscheidungsfindung zu antizipieren oder gar zu gestalten. Entsprechend aussagelos ist KI bezüglich sozialer Folgeprozesse bei Entscheidungsfindungen. Potenzielle Gefahren sind somit ungesteuerte Entscheidungsprozesse sowie damit verbundene
Aspekte der Ethik, Moral oder Fairness bei Entscheidungen.

Erste Anregungen für die Praxis von Beratung
Aus den obigen Beispielen lassen sich einige Anregungen ableiten, die die Rolle und den Wert von Beratung in einer Welt mit KI beschreiben. Diese Impulse sind nicht als absolute Wahrheiten zu verstehen, sondern als Anstöße zum Nachdenken und Diskutieren. Mit der kontinuierlichen und emergenten Weiterentwicklung von KI wird sich deren Bedeutung für Beratung ganz sicher in nächster Zukunft weiter ausdifferenzieren.
• Verschiedene Beratungsfelder sind unterschiedlich betroffen: Je nach Grad der Standardisierung, der Komplexität und der Emotionalität der Beratungsaufgabe kann KI mehr oder weniger hilfreich oder schädlich sein. Während klassische Fachberatung vermutlich deutlich mehr von KI beeinflusst werden wird, werden all diejenigen, die sich mit Prozessbegleitung, der Gestaltung von sozialen Lernerfahrungen und systemischer Beratung beschäftigen, als Beraterinnen und Berater weniger von KI betroffen sein bzw. diese vor allem als Arbeitserleichterung nutzen können.
• KI ist ein Tool und keine Lösung: KI ist ein Werkzeug, das Beraterinnen und Berater nutzen können, um ihre Arbeit zu vereinfachen, zu verbessern oder zu erweitern. KI ist aber nicht die Lösung für Probleme oder die Garantie für Erfolg. So wäre es bspw. unseriös, eine KI-basierte Kulturanalyse als gesetzt zu interpretieren (So ist es!), ohne hierzu eine begleitete dialogische Verarbeitung der Ergebnisse durchzuführen.
• Beratung sorgt für Intention und Kontextualisierung: KI kann zwar Daten liefern und verarbeiten, Verträge aufsetzen, aber nicht die Frage stellen, warum und wofür diese Daten gebraucht werden. Beratung kann die Intention und die Kontextualisierung von Daten sicherstellen, indem sie die Auftraggeber und die Zielgruppen einbezieht, die Bedarfe und die Erwartungen klärt und die Ergebnisse und die Wirkungen evaluiert. Beratung kommt dabei auch die Aufgabe zu, Ergebnisse der KI in einem zweiten oder dritten Arbeitsschritt zu validieren und ggf. auf den Kontext zu adaptieren. Dafür muss Beratung in der Lage sein, durch Daten generierte probabilistische Aussagen zu verstehen, zu analysieren und zu kommunizieren.

«Entscheidungen im Kontext von Ungewissheit bleiben menschliche sinnstiftende Kommunikationsprozesse.»

• Entscheidungsprozesse neu gestalten und verhandeln: Generative KI schafft neue, zusätzliche Entscheidungsanlässe und eine neue Entscheidungsdichte in Organisationen. Damit stellt sie bisherige Entscheidungsprozesse in Frage bzw. verlangt von Entscheidungsträger*innen, diese Prozesse neu zu gestalten und zu verhandeln. Rollen und Verantwortlichkeiten in der Entscheidungsfindung müssen somit neu kalibriert werden, damit KI-Systeme klug in die Kommunikations- und Entscheidungsprozesse integriert werden. Dabei hat Beratung die Aufgabe, das Klientensystem nicht nur über diese Fragen zu informieren, sondern bei der Etablierung neuer Entscheidungsprozesse zu unterstützen. Kurz gesagt: Entscheidungen im Kontext von Ungewissheit und Mehrdeutigkeit sind und bleiben menschliche sinnstiftende Kommunikationsprozesse.
• Widersprüche und Paradoxien bewusst sichtbar und besprechbar machen: KI basiert auf dem Austausch von Daten und Informationen, die eine bestimmte Funktion oder einen bestimmten Nutzen erfüllen. Damit sind KI-basierte Lösungsansätze in erster Linie transaktional und kontextfrei, was dazu führt, dass sie bspw. organisationale Widersprüche und Paradoxien ausblenden. Es ist somit die Aufgabe von Beratung
diesem Umstand entgegenzuwirken und einer vermeintlichen Trivialisierung und schnellen Lösungs- und Entscheidungsfindungen entgegenzutreten. Dies zeigt sich bspw. in der Ausgestaltung von Handlungsstrategien im Umgang mit Konflikten, die sich nicht durch KI lösen lassen, sondern situations- und kontextsensitiv behandelt werden müssen. Hier hat Beratung die Aufgabe, Klient*innen nicht nur auf die Gestaltung von sozialen Kommunikations- und Interaktionsprozessen aufmerksam zu machen, sondern diese vor ungewollten Folgeprozessen einer rein auf Transaktionalität ausgerichteten Vorgehensweise aufmerksam zu machen.
• Für tiefgreifende Veränderungen liefert KI lediglich die Basis: Die Unterscheidung zwischen transaktional und transformational ist nicht nur eine Frage des Grades, sondern auch der Qualität der Beratung. Transformationale Beratung zielt darauf ab, neue Möglichkeiten zu schaffen oder zu entdecken, indem sie Lern- und Veränderungsprozesse anregt, die den Status quo hinterfragen oder verändern und bei Bedarf auch tiefgreifend sind. Transformationale Beratung ist entsprechend oft proaktiv, langfristig und prozessorientiert. KI kann nicht die Rolle eines Beratenden übernehmen, der die Fragen stellt, die Perspektiven wechselt, die Werte klärt, gruppendynamische Prozesse im Blick behält, Konflikte besprechbar macht und moderiert, die Beziehungen pflegt, das ganze System in den Blick nimmt, den Prozess hält, die Visionen entwirft, die Strategien entwickelt, die Maßnahmen umsetzt und die Erfolge feiert. KI kann diese Rolle nur unterstützen, indem sie Daten liefert, Muster erkennt, Vorschläge macht, Feedback gibt, Prozesse dokumentiert und Ergebnisse auswertet.
• Beratung hat/nutzt die innere Landkarte und die Erfahrung der Beraterinnen und Berater: KI kann nicht auf die persönliche und professionelle Erfahrung und das Wissen des Beraters/der Beraterin zugreifen. Beratung sollte daher noch bewusster die innere Landkarte nutzen, um soziale Kontexte und Dynamiken besprechbar und für Klientensysteme nutzbar zu machen.

Reaktionen der Beratung
Die obigen Anregungen zeigen, dass KI sowohl eine Chance als auch eine Herausforderung für die Beratungsbranche ist. KI kann viele Aufgaben übernehmen, die bisher von Beraterinnen und Beratern durchgeführt wurden, bietet aber auch neue Möglichkeiten und Erleichterungen für die Beratungspraxis. Wie können und müssen sich Beraterinnen und Berater auf diese Veränderungen vorbereiten und reagieren? Einige mögliche Schritte sind:
• KI konsequent als Ergänzung der eigene Beratungspraxis etablieren: Am Ende entscheidet der Mensch und KI ist die Unterstützung: Beraterinnen und Berater sollten sich nicht von KI abhängig machen oder ersetzen lassen, sondern sie als eine Unterstützung und eine Ergänzung ihrer Arbeit sehen. Dabei sollten sie die Gestaltungshoheit und die Verantwortung für Beratungsprozesse behalten und dabei KI klug als ein
mögliches Hilfsmittel einsetzen. Gleichzeitig sollten Beraterinnen und Berater KI konsequent in den eigenen Arbeitsalltag integrieren, um die Effizienzen in der eigenen Arbeit zu heben – schließlich tun das Kund*innen auch.
• Beratung braucht andere Fortbildungen und anderes Lernen: Beraterinnen und Berater sollten sich kontinuierlich weiterbilden und lernen, um mit der Entwicklung von daten- und technologiebasierten Entwicklungen wie KI Schritt halten zu können und sie sinnvoll einzusetzen. Gleichzeitig wächst der Anspruch an Beratung gerade in den Bereichen, die nicht technischer Natur sind; daher sollten sie sich auch methodisch, konzeptionell und persönlich qualifizieren, um die Kompetenzen und Haltungen zu entwickeln, die KI nicht bieten kann. Zudem sollten Beraterinnen und Berater über ein grundlegendes Verständnis der Funktionsweise von KI-Systemen und der zugrunde liegenden Technologien verfügen. Dies hilft ihnen, die Möglichkeiten und Grenzen von KI besser zu verstehen und die richtigen Tools für ihre Arbeit auszuwählen.
• KI eröffnet neue Beratungsanlässe und -felder: Beraterinnen und Berater müssen die von KI generierten Daten überprüfen und bewerten, bevor sie als Entscheidungs- und Handlungsgrundlage verwendet werden. Dies gilt auch für andere Beratungssituationen, in denen KI-basiertes Wissen als Basis für z. B. ein Trainingskonzept genutzt wird und die Beratungsaufgabe darin besteht, dieses zu validieren. Außerdem wird es für die Beratung wichtig sein, Kunden-Organisationen bei der Nutzung von KI zu begleiten – beispielsweise in Bezug auf die Auswirkungen von KI auf Führungshandeln oder wenn KI etwas als Entscheidungsgrundlage liefert und dies als absolut präsentiert, ohne dass es nachvollziehbar ist. Neben den neuen Beratungsanlässen werden neue Beratungsfelder entstehen, die sich mit dem Einsatz von KI im Arbeitsalltag von Organisationen befassen. Auf der individuellen Ebene wird es dabei darum gehen, Menschen darin zu unterstützen, KI-Kompetenzen zu entwickeln und diese im Arbeitsalltag effektiv einsetzen zu können. Auf der organisationalen Ebene wird Beratung Organisationen darin unterstützen, zu klären in welchen Bereichen und auf welche Weise KI in den Organisationen implementiert wird und ob deren Einführung auch den Zweck der Organisation unterstützt. Zudem wird Beratung bei der Implementierung von KI im organisationalen Alltag unterstützen.

Die Rolle von Beratung in einer Welt mit KI ist also nicht obsolet, aber sie muss sich noch mehr zu technologischen und datenbezogenen Entwicklungen verhalten. Das bedeutet, dass sich Beratende selbst wie die meisten anderen Berufsgruppen mit den Implikationen von KI auf ihr Tätigkeitsfeld selbstreflektiert und -kritisch auseinandersetzen müssen, um auch zukünftig mit den Anforderungen im Klientensystem Schritt halten zu können. Denn eines sollte mittlerweile deutlich geworden sein: KI ist weder Trend noch Hype, sondern stellt eine einschneidende Zäsur in der organisationalen Wertschöpfung dar, mit der es sich als Beraterin und Berater lohnt auseinanderzusetzen – kontinuierlich.

«KI ist weder Trend noch Hype, sondern eine einschneidende Zäsur in der organisationalen Wertschöpfung.»

KI-Tools für die Beratungsbranche
Zum Abschluss dieses Artikels möchten wir einige KI-Tools vorstellen, die für die Beratungsbranche sinnvoll sein können. Diese Tools sind nicht als eine abschließende oder verbindliche Liste zu verstehen, sondern als eine Auswahl von Beispielen, die die Vielfalt und das Potenzial von KI für die Beratungspraxis zeigen. Tools, die wir ausprobieren und die gerade stark diskutiert werden. Darunter sind Tools, die eher übergreifende Funktionen erfüllen und dadurch auch viele Einsatzmöglichkeiten haben, und andere, die eher in spezielle Anwendungsfelder und zu speziellen Anwendungsanlässen ihre Anwendung finden (vgl. Abbildung 1).


Chat GPT 4.0: ChatGPT 4.0 ist ein leistungsstarkes Modell für natürliche Sprachverarbeitung, das auf der Transformer-Architektur basiert. Es kann verschiedene Arten von Text generieren wie z. B. Dialoge, E-Mails oder Essays, indem es den Kontext und die Absicht des Benutzers berücksichtigt.
Gemini (Google Bard): Gemini ist ein innovatives Modell für natürliche Sprachverarbeitung, das auf der Graph-Neural-Network-Architektur basiert. Es kann nicht nur Text generieren, sondern auch Text verstehen, indem es die semantischen und logischen Beziehungen zwischen den Worten erkennt. Gemini ist in der Lage, verschiedene Arten von Text zu analysieren und zu produzieren.
Microsoft Copilot: Microsoft Copilot ist ein KI-Tool, das in die Office Suite eingebettet ist. Es erlaubt das Erzeugen von Texten in Word oder auch das Zusammenfassen von langen E-Mail-Verläufen in Outlook. Auch kann es in MS-Teams Meeting-Minutes erzeugen und unterstützt bei der Erstellung von Präsentationen und Analysen.
Kialo: Eine KI-gestützte Plattform, die strukturierte und rationale Diskussionen über verschiedene Themen ermöglicht. Sie nutzt Argumentationsmodelle, um Pro- und Contra-Argumente zu sammeln, zu bewerten, zu visualisieren und zu vergleichen.
Qualtrics: Ein KI-gestützter Service, der umfangreiche und aussagekräftige Feedbacks von verschiedenen Stakeholdern anbietet. Er nutzt Umfrage- und Analysetechniken, um qualitative und quantitative Daten zu sammeln, zu verarbeiten, zu visualisieren und zu interpretieren.
LexisNexis: Ein KI-gestützter Service, der umfassende und aktuelle Informationen aus verschiedenen Quellen aus dem juristischen Umfeld anbietet. Er nutzt Textanalyse, um relevante Daten zu suchen, zu filtern, zu bewerten und aufzubereiten und ist ein Beispiel für ein Fachberatungstool.
Zoom: Zoom ist ein KI-gestützter Service, der einfache und effektive Online-Meetings und Webinare anbietet. Er nutzt Sprach- und Bilderkennung, um die Kommunikation, die Interaktion, die Moderation und die Dokumentation von Online-Veranstaltungen zu erleichtern.
Howspace: Eine KI-gestützte digitale Arbeitsplattform, die speziell für die Beratungsbranche entwickelt wurde. Sie ermöglicht Beratern und Beraterinnen, Workshops, Schulungen und andere Veranstaltungen online, virtuell und hybrid durchzuführen, indem die Plattform Tools für die Zusammenarbeit, die Kommunikation und das Engagement bereitstellt. Gleichzeitig ist es möglich, mit dem Tool Analysen wie Organisationsanalysen und Befragungen durchzuführen. Man kann zudem in mehreren Sprachen parallel arbeiten.
DeepL und DeepL Writer: DeepL ist ein Online-Übersetzungsdienst, der künstliche Intelligenz nutzt, um Texte in mehreren Sprachen zu übersetzen. DeepL wurde 2017 von dem deutschen Unternehmen DeepL GmbH gestartet und basiert auf einem neuronalen Netzwerk, das mit einem großen Korpus von qualitativ hochwertigen Texten trainiert wurde. Es bietet Übersetzungen für 26 Sprachen an und soll laut unabhängigen Tests die Genauigkeit und Natürlichkeit anderer Übersetzungsdienste wie Google Translate oder Microsoft Translator übertreffen. DeepL Writer ist eine ergänzende Webanwendung, die es Benutzern ermöglicht, Texte in verschiedenen Sprachen zu schreiben, zu überprüfen und zu verbessern. Dazu bietet DeepL Writer zusätzliche Funktionen wie Stil-, Rechtschreib- und Grammatikprüfung, Synonymvorschläge, Wortzählung und Sprachausgabe.
DALL-E 3: Ein mit ChatGPT verknüpftes Tool, um Bilder zu generieren. So können schnell und einfach Visualisierungen für Themen und Inhalte erzeugt werden.
Beautiful.ai: Beautiful.ai ist ein Online-Tool für Präsentationen, das es einfach macht, ansprechende und professionelle Folien zu erstellen. Mit Beautiful.ai kann man aus Hunderten von vorgefertigten Vorlagen wählen, die sich automatisch an den Inhalt anpassen. Man kann auch eigene Designs erstellen, Bilder, Videos, Diagramme und Animationen hinzufügen und die Präsentation mit anderen teilen oder herunterladen.
Sora: Sora ist ein innovatives Tool, das auf ChatGBT basiert und es ermöglicht, einfach und schnell Videos aus Text zu erstellen. Dabei kann aus verschiedenen Stilen und Vorlagen gewählt werden.
Zapier: Zapier ist eine Software, die es ermöglicht, verschiedene Webanwendungen miteinander zu verbinden und automatisierte Workflows zu erstellen. Mit Zapier kann man zum Beispiel Gmail mit Dropbox verknüpfen, um automatisch E-Mail-Anhänge zu speichern, oder Twitter mit Google Sheets, um Tweets in einer Tabelle zu erfassen. Zapier unterstützt über 3.000 Anwendungen und bietet eine einfache Schnittstelle, um Zaps zu erstellen, ohne Code schreiben zu müssen.
Perplexity: Perplexity ist eine KI-gestützte Suchmaschine, die fortschrittliche Technologien zur Verarbeitung natürlicher Sprache und zum maschinellen Lernen einsetzt, um Nutzern direkte und umfassende Antworten auf ihre Fragen zu liefern. Dabei benennt das Tool die Quellen und man kann mit ihm wie mit einem Chatbot agieren. Dabei kombiniert es eigentlich die Funktionen von ChatGBT und Google.
Fireflies: Fireflies ist ein KI-gestütztes Tool, das für die automatische Transkription von Meetings und Gesprächen entwickelt wurde. Mit Fireflies.ai können Meetings aufgezeichnet, transkribiert und durchsucht werden, um wichtige Informationen schnell zu finden. Das Tool integriert sich in gängige Konferenzplattformen wie Zoom, Google Meet und Microsoft Teams und ermöglicht es, Transkripte in Echtzeit zu teilen und zu bearbeiten.

«Beratung in einer Welt mit KI muss sich mehr zu technologischen und datenbezogenen Entwicklungen verhalten.»

SimCoach: SimCoach.org ermöglicht traumatisierten Veteranen, anonym und unkompliziert mit einem virtuellen Assistenten in Kontakt zu treten. SimCoach kann dabei das Verhalten der Nutzer beobachten, daraus lernen und mit Hilfe eines Chatbots einen adaptiven Dialog führen. Dadurch kann der virtuelle Assistent auf die individuellen Bedürfnisse und Reaktionen der Nutzer eingehen und sie bei Lernen und Zielerreichung unterstützen. SimCoach ist ein Beispiel für ein Tool, das für Coaching genutzt werden kann – wenn auch aktuell noch nur für einfache und standardisierte Fragestellungen.
pdf.ai: pdf.ai hilft Texte zu verstehen. Zu hochgeladenen pdf-Dokumenten können Fragen beantwortet werden, Zusammenfassung erstellt und Informationen gefunden werden. Dies bietet sich zum Beispiel für die wissenschaftliche Recherche an.

 

Claus-Bernhard Pakleppa
Geschäftsführender Gesellschafter p4d GmbH

Oliver Haas
ZOE-Redakteur, Seniorberater der osb international

 

Literatur:

• Herger, M. (2023). Kreative Intelligenz. Wie ChatGPT und Co die Welt verändern werden, Plassen.
• Kornwachs, K. (2023). KI und die Disruption der Arbeit – Tätigkeiten jenseits von Job und Routine, Hanser.
• Future Forum Bonn #1 (2024). Neu im Team: ChatGPT, Microsoft Copilot und mehr, Veranstaltung am 21.2.2024 in Bonn mit Expert*innen zum Thema KI.


Immer schön auf Sicht fahren

Ein Gespräch über die Zurückhaltung deutscher Führungskräfte im Umgang mit KI

Als Wirtschaftsinformatikerin und Hochschulprofessorin mit Schwerpunkt Projektmanagement sowie Natural Language Processing hat Doris Weßels verschiedene Schul-, Bildungs- und Kultusministerien bei Fragen zum Thema KI und Anpassung der Lehre unterstützt. Mit der Veröffentlichung des KI-Chatbots ChatGPT Ende 2022 und dem damit verbundenen steigenden Interesse der Öffentlichkeit trat sie mehrfach als Expertin in den deutschen Medien auf. Mit unserem Redakteur Oliver Haas reflektiert sie die German Angst im Umgang mit KI, unseren ausgeprägten Fokus auf das Hier und Jetzt, organisationale Strategien, um offener für Experimente zu werden, sowie die speziell menschlichen Stärken, die es angesichts der verschwimmenden Grenzen zwischen Mensch und Maschine zu kultivieren gilt.

ZOE: Sie sind ja seit der Veröffentlichung von ChatGPT am 30.11.2022 sehr viel zum Thema KI im Allgemeinen und ChatGPT im Besonderen befragt worden. Welche Erkenntnisse nehmen Sie aus all den Diskussionen mit? Was bewegt die Leute?

Weßels: Das erste Jahr mit ChatGPT war mehr als turbulent. Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wurde, zumindest in den ersten Monaten, war, ob damit die Hausarbeit obsolet ist. Mit Hausarbeit meine ich schriftliche Ausarbeitungen von Schülern und Schülerinnen oder schriftliche Studienarbeiten von Studierenden. Der «Tatort» Schule war von Beginn an ein sehr großes Thema. Mich haben schon vor Weihnachten 2022 verzweifelte Anrufe erreicht von Schulleitern, -leiterinnen, Lehrern und Lehrerinnen, die völlig überfordert waren mit der Situation. Sie äußerten die Sorge, nicht mehr guten Gewissens bewerten zu können, was ihre Schüler mit in den Unterricht bringen, weil sie nicht wüssten, wie diese Hausarbeit erstellt wurde. Die Not und Überforderung aller Beteiligten war in jedem dieser Gespräche deutlich spürbar.

ZOE: Offensichtlich waren die Schüler und Schülerinnen quasi early adopter, die schnell den Nutzen von ChatGPT für sich erkannt haben?

Weßels: Der Einsatz von ChatGPT war und ist bis heute an vielen Stellen eine Bottom-Up-Bewegung in den Organisationen. Aus der Not heraus hat sich die Basis irgendwie gekümmert, man hat selber versucht sich fit zu machen und zu lernen damit umzugehen. Das bedeutet, dass eher die operative Basis, die unter Handlungsdruck stand, auch täglich mit dem Thema konfrontiert war, sich kümmern musste und ad hoc eigene Konzepte für Lösungen entwickelt hat. Eigentlich wäre es wünschenswert gewesen, dass die Führungsebene sehr viel schneller ihrem Führungsanspruch gerecht geworden wäre und dieses Thema strategischer geführt hätte. Aber da spürt man bis heute große Überforderung, Unkenntnis und mitunter auch tragische Missverständnisse dieser Technologie.

ZOE: Wie erklären Sie sich dieses Verhalten von Führungsseite?

Weßels: Neben der Überforderung spielt Angst eine große Rolle. Sie ist manchmal spürbar, manchmal sichtbar, manchmal kann man sie nur erahnen. Sie zeigt sich ganz konkret daran, dass man dieses Thema nicht anspricht und wenn es doch zu einem Thema wird, nicht einmal bereit ist etwas auszuprobieren.

ZOE: Was erzeugt diese Angst?

Weßels: Das fängt mit den Ressentiments gegen amerikanische Technologie an bzw. mit Datenschutzbedenken, dass man nicht wisse, was mit all den Inhalten passiere, die über KI generiert werden. Die Presse hat diese Perspektive zumindest in der Startphase von ChatGPT und Co. mit tendenziell eher kritischen und negativen Beiträgen über KI noch einmal verstärkt. Hier scheint das Phänomen der German Angst eindrucksvoll durch: Erstmal in aller Breite die Risiken diskutieren anstatt auch einen Blick auf die Chancen zu werfen. Das Ergebnis dieser Angst ist, dass viele Menschen sich nicht bei ChatGPT registriert und es ausprobiert haben. Verstärkt wurde dieser Effekt übrigens dadurch, dass man zunächst für die Registrierung seine mobile Rufnummer und bei der kostenpflichtigen Version seine Kreditkartennummer angeben musste. Das waren eigentlich keine großen Hürden, aber für viele Menschen in Deutschland anscheinend schon. Inzwischen wurden die Hürden für die Registrierung der kostenfreien Nutzung von ChatGPT auf Basis von GPT 3.5 gesenkt. Es bleibt abzuwarten, welche Effekte diese Form der Markterschließung des Anbieters OpenAI haben wird.

ZOE: Was kann gegen diese wohl eher grundsätzliche vorsichtige Zurückhaltung im Umgang mit KI getan werden?

Weßels: Wir müssen stärker die Ambivalenz erklären und betonen, dass die Medaille zwei Seiten hat. Neben den Risiken haben wir tolle neue Chancen, die es zu entdecken gilt. Daher sollten wir den Menschen Mut machen und sagen, registriere Dich einfach mal für einen Monat, probiere es aus, bilde Dir eine eigene Meinung und ein eigenes Gefühl von generativer KI. Fakt ist, dass wir eine solche Software in dieser Form noch nie zuvor erlebt haben. Auf der einen Seite spürt man die Faszination für die Möglichkeiten von KI, auf der anderen Seite bestehen sehr viele Sorgen und Bedenken, gerade im Hinblick auf die vielfältigsten Einsatzmöglichkeiten. Im Kern sprengt diese Art von KI unsere Vorstellungskraft, denn diese Art von probabilistischen Algorithmen, verpackt in Software, ist uns fremd.

ZOE: Auch die Funktionalitäten von KI entwickeln sich ja kontinuierlich weiter. Macht es das nicht noch herausfordernder?

Weßels: Natürlich. Dass man zum Beispiel auch mit der Co-Pilot-App von Microsoft, kostenlos, auf allen mobilen Endgeräten in jeglicher Form kommunizieren kann, also auch sprachgesteuert. Man spricht rein, es wird einem wieder vorgelesen. Das ist schon beeindruckend und irritiert auch. Oder die Multimodalität, dass ich jetzt mit natürlicher Sprache sagen kann, ich hätte gerne Herrn Haas, blonder Mann, mittelalt, im Hintergrund schöne Bürolandschaft und zack, habe ich mit DALL-E 3 ein durchaus ansprechendes Bild. Und die Bildqualität wird jeden Tag besser. Auch das haben wir in der Form noch nicht erlebt. Oder dass man mit seinem Handy ein Foto von einem Möbelstück macht und sich dann erklären lässt, wie die Bauanleitung dieses Möbelstückes zu handhaben ist. Es ist sozusagen eine Tausendsassa-Funktionalität, im privaten wie im beruflichen Leben. Manchen Menschen macht das sehr viel Spaß, auf Entdeckungsreise zu gehen und eine solche Software auszuprobieren. Viele schrecken aber davor zurück.

ZOE: Wir erleben in vielen Organisationen schon heute eine Gruppenbildung in Digitale und Analoge. Verschärft KI diese Entwicklung noch mehr?

Weßels: Wir laufen durchaus Gefahr, dass wir die digitale Kluft in Organisationen und unserer Gesellschaft mit KI noch weiter verstärken. Auf der einen Seite haben wir dann diejenigen, die mit großer Experimentierfreude die neuen Technologien ausprobieren und nutzen, vielleicht auch gar nicht so reflektiert, was dann für Organisationen riskant werden kann. Auf der anderen Seite haben wir diejenigen, die sich bis heute nicht mit technologischen Entwicklungen anfreunden, ja sogar damit kokettieren, keine Ahnung davon zu haben und in einen immer größeren Abstand zur ersten Gruppe der early adopter geraten. Diese Gruppe läuft Gefahr, gar nicht mehr auf diesen Zug aufspringen zu können, weil die Erfahrung fehlt. Wenn man selbst Erfahrungen im Umgang mit KI macht, lässt sich einfacher extrapolieren, denn man kann im Rückblick sagen: «Okay, noch vor drei Monaten gab es diese Funktion nicht oder ich habe mich an einer Funktionalität gestört. Jetzt gibt es diese Funktion und der Fehler ist behoben». Man begleitet quasi den Prozess der Softwarereife mit und trägt dieses Wissen und diese Erfahrungen mit sich. Diejenigen, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben, kommen sozusagen unvorbereitet dazu, müssen sich komplett neu orientieren und arrangieren und erleben dann zusätzlich quasi tägliche Änderungen. Das kann zu einer kompletten Überforderung führen, so dass der Versuch des Einstiegs gleich in den Ausstieg mündet. Mir geht es mit dieser unglaublichen Menge an KI-gestützten Werkzeugen, die sich rund um diese Technologie entwickeln, nicht anders. Auch ich verliere bisweilen den Überblick und weiß nicht mehr, welches Tool sich für welchen Zweck am besten eignet.

ZOE: Wir haben eine Datenschutz-Grundverordnung. Es gibt jetzt auf europäischer Ebene den AI Act – das ist weltweit einmalig. Man könnte salopp sagen: Regulieren können wir. Haben diese rechtlichen Rahmenbedingungen Auswirkungen auf das Nutzungs- und Anwendungsverhalten von Menschen? (Anm. der Red.: Siehe zum AI Act auch den Beitrag zu den rechtlichen Herausforderungen beim Einsatz von KI in Organisationen in dieser Ausgabe)

Weßels: Ich war bei der Anhörung eines Bundestagsausschusses zum EU AI Act im Juni 2023 dabei. Zu der Zeit war das ein ca. 140 Seiten umfangreiches Dokument mit komplexer Struktur und in dem damaligen Überarbeitungsmodus schwer zu lesen und zu verstehen. Hinter dieser Zielsetzung einer europäischen Regulierung von KI-Technologien verbirgt sich eine sehr schwierige Thematik, die sich bis zuletzt ja auch noch kontinuierlich verändert hat. Am 6.03.2024 wurde endlich die finale Version veröffentlicht, die in der deutschen Variante einen Umfang von 461 Seiten hat. Die Gefahr ist, dass der AI Act der schnellen technologischen Entwicklung von KI bei der Implementierung in den Mitgliedsländern hinterherhinken und damit veraltet sein könnte. Weil die Thematik für Bürgerinnen und Bürger so schwer zu vermitteln ist, bin ich unsicher, ob dieser Rechtsrahmen ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Selbst bei uns, die in dem Prozess aktiv beteiligt waren, ist diese Unsicherheit spürbar.

ZOE: Können Sie uns ein Beispiel geben, woran man die Schwierigkeit in der Vermittlung erkennen kann?

Weßels: Nehmen Sie den Begriff «Künstliche Intelligenz», damit fängt das Dilemma ja schon an, weil wir bis heute keine weltweit gültige und akzeptierte Begriffsdefinition haben. Was ist eine KI und was ist nicht KI? Es drohte zwischendurch sogar die Gefahr, dass alles Mögliche an Software quasi wie KI gehandhabt werden sollte. Von besonderer Relevanz ist der Umgang mit den großen KI-Sprachmodellen, die als Basismodel
oder Foundation Model bezeichnet werden. Werden bei Open Source-Modellen ganz andere Regeln angewandt als bei Closed Source-Modellen? Ist das eine kluge Abwägung? Und Open Source ist auch nicht gleich Open Source, zumal sich auch da manchmal große Konzerne dahinter verbergen. Auch bei dieser Software-Kategorie müsste man also wieder genau hinschauen. Ich denke schon, dass die Stoßrichtung des EU AI Acts
richtig ist, aber ich bin mir unsicher, ob wir eine gute Balance gefunden haben oder zukünftig finden werden in der Umsetzung von Maßnahmen zur Regulierung und Förderung von Innovationen und Technologienutzung.

ZOE: Lassen Sie uns auf Organisationen schauen. Was muss auf organisationaler Ebene passieren, um die Potenziale von KI zu nutzen?

Weßels: Deutschen Organisationen wird ja mitunter unterstellt, dass sie in der Digitalisierung eher zögerlich und vorsichtig agieren, um nicht zu sagen, in manchen Bereichen bereits abgehängt sind. Das spüren wir auch beim Einsatz der Zukunftstechnologie KI. Das heißt, wir sind von unserem digitalen Mindset her eher zögerlich und risikoavers. Und gerade diese in den Führungsebenen festzustellenden Vorbehalte bremsen uns auf organisationaler Ebene aus. Zwar wird gerne die «neue» Fehlerkultur als Kennzeichen einer modernen Organisationskultur betont, aber in der Realität möchten vor allem Führungskräfte keine Fehler machen, was sich wiederum auf die Gesamtorganisation auswirkt.

ZOE: Was möchten Sie also Führungskräften in Sachen KI zurufen?

Weßels: Experimentiert! Das bedeutet auch, eine Fehlerkultur zu leben und nicht nur zu proklamieren. Das Risiko einzugehen, Fehler zu begehen, liegt in der Natur der Sache und verschafft in erster Linie Erkenntnisgewinne. Es ist daher positiv zu sehen. Leider erlebe ich sehr selten Führungskräfte, die wirklich experimentierfreudig und mutig sind, die etwas wagen und auch bereit sind, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Stattdessen fährt man auf Sicht und sucht die vermeintliche Sicherheit. Für mich bedeutet das letztendlich auch mangelnde Übernahme von Verantwortung. Und deshalb bewegt sich in Deutschland vor allem in der öffentlichen Verwaltung sehr wenig. Wenn ich mir das so anschaue, wirkt es auf mich sehr beunruhigend. Da wird eher noch eine neue Regel, ein neuer Prozess aufgesetzt und noch weiter bürokratisiert, als dass etwas verschlankt wird.

«Wir sind von unserem digitalen Mindset her eher zögerlich und risikoavers.»

ZOE: Gilt das auch für Unternehmen?

Weßels: Glücklicherweise zeigen sich in der Wirtschaft viele Unternehmen deutlich aufgeschlossener. Ich durfte im letzten Jahr sogar mehrfach Unternehmenslenker*innen kennenlernen, für die es selbstverständlich war, dass KI eine Zukunftstechnologie ist. Die Köpfe dieser Organisationen waren eher ungeduldig, was den schnellen Einsatz der KI-Tools anging, weil sie die Sorge hatten, ansonsten von ihren Wettbewerbern abgehängt zu werden. Ich würde mir wünschen, dass wir in unserer öffentlichen Verwaltung und im politischen Umfeld eine Haltung entwickeln, die stärker unternehmerisch geprägt ist, dann wären wir viel weiter. Ich vermute aber, dass, selbst wenn Einzelpersonen die Dinge etwas dynamischer voranbringen wollen, ihr Umfeld sie noch ausbremsen könnte.

ZOE: Unternehmen erleben ja bekanntlich eine radikal andere Überlebensnotwendigkeit als eher auf Stabilität ausgerichtete Verwaltungsorganisationen. In welchen Branchen erleben Sie in Deutschland, trotz aller Beharrungskräfte, tatsächlich schon eine selbstverständliche Nutzung von KI im Tagesgeschäft?

Weßels: In Unternehmungsberatungsgesellschaften, denn dort ist es naheliegend, sich mit dieser Technologie zu beschäftigen, beziehungsweise sie intensiv zu nutzen. Die Erstellung von Gutachten oder Stellungnahmen, der Entwurf eines Konzepts, das Design von Maßnahmen, … – hier wird KI sehr stark genutzt. Dass das nicht unbedingt nach außen getragen wird, liegt in der Natur der Sache. Das verändert natürlich auch dort die Geschäftsmodelle und -praxis. Als Kunde oder Kundin frage ich mich, ob ich noch bereit bin, hohe Tagessätze für eine automatisierte Dienstleistungen zu bezahlen, die ich vielleicht mit den richtigen KI-Tools sogar selber in der Lage bin zu generieren. Überall dort, wo der wirtschaftliche Druck sehr groß ist, wo der Wettbewerb sehr groß ist, wo der Druck zu automatisieren schon früher sehr groß war, da wird man an dieser Technologie nicht vorbeikommen.

ZOE: Wie ist es diesen Organisationen gelungen, KI einzuführen, zu nutzen und dabei die von Ihnen angesprochene Angst zu beseitigen?

Weßels: Nehmen wir das Unternehmen Otto in Hamburg. Dort wurden ganz bewusst Frei- und Experimentierräume geschaffen, die das Management gemeinsam mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen nutzen kann, um die kreative Kraft und Energie, die in einer solchen Organisation stecken, zusammenzuführen und ihnen den Raum zur Entfaltung zu geben. Das finde ich großartig. Das habe ich bei uns zum Beispiel im Hochschulumfeld im letzten Jahr noch nicht erlebt, dass eingeladen wurde, zu einen Lab Day oder einer Veranstaltung, wo wir zusammenkommen und vielleicht mal Lern-Bots prompten oder ähnliches. Das wären aus meiner Sicht relativ naheliegende Dinge, die man sofort umsetzen könnte.

«Wenn Unternehmen sich kollektiv, offen und angstfrei auf KI einlassen, sind Erkenntnisgewinne vorprogrammiert.»

In einem Projekt, welches ich mit Fördermitteln des Landes Schleswig-Holstein umsetze, geht es darum, diese KI-Technologie zu nutzen, um als Booster für Gründungsvorhaben zu dienen. Dabei schauen wir vor allem auf die frühen Phasen im Gründungsprozess: Ich brauche einen Slogan, ich brauche ein Logo, ich brauche Marketing-Texte usw.. Dabei setzen wir KI-Werkzeuge ein und schauen, wie katalytisch sie im Gründungsprozess wirken können. In diesem Projekt haben wir beispielsweise sogenannte «Promptathons» schon mehrfach durchgeführt. Der Begriff lehnt sich an den Begriff Hackathon an, bei dem intensiv programmiert wird. Beim Promptathon geht es um die die besten Benutzereingaben (=«Prompts») für die KI-Systeme. Dabei trifft man sich in einem etwas spielerisch anmutenden Format, und es wird eine Aufgabenstellung gegeben. Man gründet quasi fiktiv. Und wir versuchen diesen Gründungsprozess von vorne bis hinten maximal durchzuprompten. Das heißt, KI-Technologie mit all diesen Tools und Werkzeugen einfach zu gestalten und diesen Prozess durchzuspielen. Ähnliches in einem vergleichbaren Format würde ich mir auch in Organisationen wünschen. Das gemeinsame Miteinander verbindet und reduziert viele Ängste. Man lernt sehr schnell und viel voneinander. Es hat mich das ganze letzte Jahr sehr gewundert, dass im Bereich Wissensmanagement der Einsatz von KI-Tools mit seinen Potenzialen nicht viel intensiver diskutiert wurde. An solchen Formaten wie einem Promptathon kann man schon erkennen: Wenn Unternehmen sich kollektiv, offen und angstfrei auf KI einlassen würden, wären Erkenntnisgewinne für den zielstiftenden Einsatz im Unternehmen vorprogrammiert.

ZOE: Das klingt nachvollziehbar, setzt aber voraus, dass man sich jenseits von Status, Seniorität und Einfluss auf ein Ko-Experimentieren einlässt, wo man selber die lernende Person ist. Kurzum: Es braucht ein anderes organisationales Miteinander. Wie kann das gelingen?

Weßels: Meine Studierenden würden darauf vermutlich antworten, dass dieses Miteinander im Kern eine agile Organisation ist, so wie sie sein sollte. Dabei wollen auch Mitarbeitende gehört werden, sich mit Expertise und Verantwortung einbringen und nicht irgendwelche Entscheidungsvorlagen formulieren, die monatelang über Hierarchieebenen abgestimmt werden, nur um nach Wochen des Wartens eine Entscheidung zu erhalten, die dann schon wieder veraltet ist. Gerade jüngere Expertinnen und Experten erwarten eine agile Organisationsform, die ihrem Namen auch gerecht wird. Das heißt, ein Miteinander auf Augenhöhe, wo man seine Ideen einbringen kann, aber auch Feedback bekommt. Das ist der jungen Generation sehr wichtig. Sie will mitgestalten und zwar im Dialog mit den Vorgesetzten. Von daher ist das für mich keine neue Organisationsform. Aber wir spüren natürlich, dass die Organisationen, die nicht so aufgestellt sind, mit dieser Dynamik und der rasanten technologischen Entwicklung überfordert sind. Man muss sehr
schnell reagieren und sollte im Idealfall sogar antizipieren können. Wer nicht so aufgestellt ist, kann die Potenziale von KI unter Umständen nicht schnell genug erschließen.

ZOE: Meine These ist, dass viele Organisationen sehr gut im Optimieren sind, das heißt, die Dinge etwas richtiger zu machen. Ist eine optimierende Veränderungslogik für KI angemessen?

Weßels: (lacht) Ja, ich muss schmunzeln, denn das, was Sie beschreiben, ist ja das Innovator’s Dilemma von Christensen. Das heißt, man ist in seinem Business gut und erfolgreich und versucht das kontinuierlich zu optimieren. Darin sind wir alle sehr gut, das hat auch mein Studium ganz stark geprägt, Geschäftsprozess-Management und Geschäftsprozess-Optimierung, hier noch ein Rädchen drehen und da noch ein bisschen besser und toller. Aber das ist eben ein Dilemma. Und das führt dazu, dass wir nicht rechtzeitig völlig neue Wege identifizieren. Das heißt, der Blick ist zu stark auf das Hier und Jetzt gerichtet und wir können
gar nicht so schnell in eine völlig andere Welt springen. Das ist der Klassiker, Airbnb tritt an, hat ein Geschäftsmodell, was darauf basiert, dass man gar kein Hotel und gar keine Wohnflächen hat, sondern einfach nur das Ganze vermietet, beziehungsweise vermakelt. Oder Uber, der andere Klassiker. In ähnlicher Art und Weise widerfährt uns das jetzt. Das heißt, wir müssen uns rauskatapultieren aus unserer alten Gedankenwelt, aus unserem alten Business und Themen völlig neu denken. Ich erlebe das im Bildungsbereich besonders intensiv. Wir können uns aus unserem Hier und Jetzt auch als Gemeinschaft in einer Organisation nur ganz schwer rausbeamen und uns dann ein gemeinsames Szenario vorstellen und hierfür ein gemeinsames Zielbild entwickeln, wie wir uns unter diesen stark veränderten Rahmenbedingungen für die Zukunft neu aufstellen müssten und könnten. Es ist aufwändig, weil nicht nur die Rahmenbedingungen volatil sind, sondern auch der Erfolg der Vergangenheit einem Denken in alternativen Zukünften im Weg steht.

ZOE: Die Aufgabe von Führungssystemen ist ja mitunter gerade, dieses Dilemma aktiv zu bespielen, also der Organisation nicht nur das zu geben, was sie täglich verlangt, sondern auch das, was sie zukunftsfähig macht. Wie soll das aber bezogen auf KI gehen, wenn das Wissen über diese Technologien bei Führungskräften vergleichsweise gering ist?

Weßels: Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie das ansprechen. Führungskräfte sind bei KI überfordert. Aber sie schämen sich, nach außen zu gehen, vor die Belegschaft zu treten und zu sagen: «Tut mir leid, aber ich verstehe es auch nicht, ich habe das nie gelernt, und ich traue mich da auch nicht ran.» Viele können das mit ihrer Rolle der (übergreifend) fachlich kompetenten Führungskraft nicht vereinbaren. Das heißt, das Thema der betrieblichen Weiterbildung müssen wir zukünftig ganz, ganz anders leben. Es muss absolut normal sein, dass man kontinuierlich dazu lernt. Und zwar in einem Tempo, was wir zuvor noch nie erlebt haben. Ich muss jetzt meines Jobs wegen selbst notgedrungen sehr viel schneller ständig Neues lernen als früher. Auch ich erlebe immer wieder Momente der Überforderung und habe das Gefühl, ich komme gar nicht mehr hinterher, obwohl ich das eigentlich jeden Tag praktiziere. Von daher habe ich vollstes Verständnis dafür, dass so viele Menschen diese rasante technologische Entwicklungsgeschwindigkeit als bedrohlich empfinden. Aber es hilft nun mal nichts, wir müssen versuchen, mit diesem Tempo Schritt zu halten – so gut es geht. Das heißt, wir müssen Weiterbildung in den Organisationen auf allen Ebenen als etwas sehr Selbstverständliches und ganz Natürliches darbieten. Im Schulbereich ist die Integration dieser kontinuierlichen Weiterbildungen sehr schwierig. Lehrer und Lehrerinnen müssen in technologischen Entwicklungen in immer kürzeren Zyklen kontinuierlich weitergebildet werden. Argumentiert wird hingegen oft, dass man schon jetzt total überfordert sei und man keine Zeit für Seminare oder Trainings habe. Bei uns im  Hochschulbereich ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Weiterbildungsangeboten für Lehrende noch weniger entwickelt. Hochschullehrenden wird vielfach unterstellt, dass sie sich autodidaktisch weiterbilden. Das kann man in bestimmten Bereichen sicherlich, aber nicht in der Breite der ganzen Themen, die uns hier beschert werden.

ZOE: Was bedeutet das also ganz konkret für Weiterbildung und Personalentwicklung?

Weßels: Weiterbildungen und Personalentwicklungsmaßnahmen, die wir bisher freiwillig und vielleicht einmal im Jahr gemacht haben, sind nicht mehr ausreichend, um mit der Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen mitzuhalten. Das kontinuierliche und lebenslange Lernen muss in allen Organisationen zu einem Top-Thema werden und höchste Priorität genießen. Eigentlich geht diese Priorisierung sogar über die Organisationsgrenzen hinaus: Es muss uns gelingen, uns wirklich zu einer lernenden Gesellschaft zu entwickeln, die Lernen als etwas ganz Selbstverständliches ansieht und nicht als Belastung. Das umfasst die Einstellung zum Lernen, dass dies etwas Bereicherndes ist, was uns persönlich, beruflich und als Gesellschaft voranbringt. Wenn uns das gelingen würde, diesen Funken zu zünden, dann hätten wir aus meiner Sicht den gordischen Knoten an einer ganz entscheidenden Stelle durchschlagen.

ZOE: Hätten Sie auch konkrete Ideen oder Lösungsansätze, wie es gelingen könnte, organisationales Lernen zu KI stärker als notwendige Daueraufgabe zu positionieren?

Weßels: Ein wichtiger Lösungsbaustein besteht darin, den persönlichen Nutzen des Lernens aufzuzeigen. Wenn man Menschen vermitteln kann, dass sie durch KI vielleicht 20 Prozent ihrer ungeliebten Routinetätigkeiten einsparen können, sie damit entlastet werden und sich endlich anderen Aufgaben zuwenden können, die viel mehr Spaß machen und wo sie sich als Mensch mit all ihren Fähigkeiten einbringen können, wirkt das sehr motivierend. Dann steigen Menschen in das Thema ein und spüren den Nutzen. Und das kann bei dieser Technologie an vielen Stellen gelingen, weil sie ja in der Lage ist, uns an so vielen Punkten von Routinetätigkeiten zu entlasten. Aber das muss verständlich kommuniziert werden, so dass die Menschen das akzeptieren. Dann ist die Bereitschaft zum Mitmachen auch da. Wenn man aber einfach zu einer Weiterbildung geschickt wird, die als Zwang und Belastung empfunden wird, ist diese Motivation einfach nicht in dem Maße gegeben, wie es wünschenswert wäre. Das spiegelt sich dann in der Regel im Ergebnis wider.

«Wir müssen uns rauskatapultieren aus unserer alten Gedankenwelt und Themen völlig neu denken.»

ZOE: Wir schauen ein Stück in die Zukunft und befinden uns im Jahr 2025: Wo stehen wir in Sachen KI und was sollten Organisationen mit Blick auf die nächsten Monate jetzt angehen?

Weßels: Was in technologischer Hinsicht klar ist: Es kommen neue Endgeräte. Alleine der Blick auf diese Geräte wirft schon so viele Fragen auf, da damit ganz neue Anwendungsszenarien entstehen, sehr gut sichtbar am Beispiel Humane AI.

ZOE: Was ist das?

Weßels: Das ist eine Alternative zum Smartphone in Form einer Brosche, die man sich anheften kann. Mit diesem Sticker kann man telefonieren, reden und er antwortet auch, weil er einen Lautsprecher hat. Ich kann mir das, was dann dort produziert wird, zusätzlich über einen integrierten Projektor in die Handflächen projizieren lassen. Endgeräte wie diese werden viele Veränderungen und ganz sicher auch Fragen aufwerfen: Wie werden wir das benutzen? Wo darf man das benutzen? Ein solches Endgerät kann ein Game Changer sein.

ZOE: Was wird noch auf uns zukommen?

Weßels: Augmented Reality und Mixed Reality werden sich ebenfalls weiterentwickeln. Apple hat mit seiner Datenbrille Apple Vision Pro ein solches Mixed-Reality-Headset schon im Februar auf den Markt gebracht, was ebenfalls völlig neue Szenarien für die Nutzung virtueller Welten bietet. Dann wird die Multimodalität weiter voranschreiten. Das heißt, wir werden mit einem Klick zwischen Text, Bildern, Audiodateien, Videos und 3D-Welten hin- und herwechseln können. Heute dominieren die Transfers Text-to-Speech, Text-to-Image, Text-to-Audio und zurück. Zukünftig werden wir mit Leichtigkeit komplette Videos generieren können, vielleicht sogar ganze Spielfilme.

«Entwicklungen dieser Art werden gesellschaftliche Auswirkungen haben.»

ZOE: Jetzt haben Sie mich verloren. Wir werden unsere eigenen Spielfilme generieren können?

Weßels: Ich setze mich vor irgendein Gerät und möchte mir einen Film anschauen mit dem Superhelden, den ich so gerne sehe, aber mit einer ganz besonderen Stimme. Außerdem sollen noch diese und jene Schauspielerinnen und Schauspieler in dem Film erscheinen und am liebsten mit folgender Story. Kurzum: Wir werden uns Spielfilme individualisiert und «on demand» generieren lassen können, so meine Prognose.

ZOE: Das stelle ich mir zugegeben gruselig vor. Werden wir durch solche individualisierten Applikationen nicht zunehmend einsamer?

Weßels: Ganz sicher werden Entwicklungen dieser Art gesellschaftliche Auswirkungen haben. Vereinsamung und Vereinzelung, aber auch zunehmende gesellschaftliche Zersplitterung halte ich für eine sehr große Gefahr. Früher hat die Familie gemeinsam vor dem Fernseher gesessen und eine Abendsendung oder eine Abendshow geschaut. Dieses familiäre Miteinander wird leiden. Das ist eine große Sorge, die ich habe. Übrigens zu Beginn des letzten Jahres gab es bereits Entwicklungen, die schon in diese Richtung gingen. So wurde behauptet, dass durch ChatGPT das gemeinsame Lernen von Eltern mit Kindern am Nachmittag
oder vor dem Abendessen entfallen würde, weil die Kinder ja sehr erfolgreich alle Hausarbeiten vermeintlich eigenständig gelöst haben. Und dadurch würde die Kommunikation in der Familie leiden. Da ist sicherlich was dran.

ZOE: Das setzt natürlich voraus, dass Menschen überhaupt Zugang zu Technologien haben, die sie dann einsetzen können. Es ist kein Geheimnis, dass nicht alle gleichermaßen von den Potenzialen technologischer Entwicklungen profitieren, Stichwort digital divide.

Weßels: Ja, technologische Entwicklungen trennen uns in der Tat in gesellschaftliche Gruppen. Wir haben immer mehr digital Abgehängte. Das erleben wir in allen gesellschaftlichen Gruppen. Es zerreißt uns quasi immer mehr und polarisiert auch. Daher werden diese Diskussionen um die gesellschaftlichen Auswirkungen von Technologie auch sehr emotional geführt. Es fehlt uns ein gemeinsames gesellschaftliches Verständnis hierzu, ein Collective Mind. In Organisationen ist es Führungsaufgabe, die Belegschaft zusammenzuhalten und zielorientiert zu führen, diese Diskussionsprozesse zu leiten und ein wechselseitiges Verständnis und ein gemeinsames Vorgehen in der Organisation abzustimmen. Eines steht aber außer Frage: Die Kommerzialisierung technologischer Entwicklungen wie beispielsweise KI wird weitergehen. Die Unternehmen, die ihre Experimentierphase durchlaufen haben, kommen nun in die Anwendungs- und Umsetzungsphase. Und genauso wie wir es gesellschaftlich erleben, wird es auch Organisationen geben, die KI erfolgreich für sich zu
verstehen nutzen und andere, die komplett abgehängt sind.

ZOE: Wir haben zu Beginn über Ängste und Sorgen gesprochen. Eine ist, dass KI den Menschen überflüssig macht. Können Sie uns zum Abschluss des Gesprächs von dieser Angst befreien?

Weßels: Die Diskussion über die Grenze zwischen Mensch und Maschine ist in der Tat ein großes Thema. Wir merken, die Maschine, die KI, kann immer mehr, und sie dringt nun in Bereiche vor, die wir eigentlich als unsere menschliche Stärke und als unser Wesensmerkmal bewertet haben. Über viele Jahre haben wir es uns nicht vorstellen können, dass Technologien in diese Bereiche vordringen können. Nehmen wir das Beispiel Kreativität: Da habe ich auch vor zwei Jahren noch die Meinung vertreten, dass der Mensch in Sachen Kreativität gegenüber der Maschine überlegen ist und dass KI uns hier nicht «gefährlich» werden kann. Heute wissen wir, dass das eben nicht der Fall ist. Da mussten wir unseren Jägerzaun als Schutzzone für unsere Domäne schon ein wenig öffnen. Was zeichnet uns denn als Mensch aus? Ich denke, dass wir uns unsere menschlichen Stärken viel stärker bewusst machen müssen, um sie dann auch viel stärker zu nutzen. Wir Menschen verfügen zum Beispiel über die Fähigkeit der Intuition. Dieses Bauchgefühl ist das Ergebnis unseres Menschwerdungsprozesses, unserer Sozialisation. Wir tragen sehr viel stilles Wissen in uns, ohne dass wir sagen können, wie und warum wir etwas können. Das sind alles unsere menschlichen Stärken, die wir in
deutlich größerem Umfang einsetzen müssen. Ich zumindest habe mir vorgenommen, meiner Intuition viel mehr Raum zu geben als ich das zuvor gemacht habe.

Das Gespräch basiert auf dem Stand der Entwicklungen zu KI am 25.4.2024.

 

Prof. Dr. Doris Weßels
Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Kiel, Mitgründerin und Mitglied im Leitungsteam des Virtuellen Kompetenzzentrums «Künstliche Intelligenz und wissenschaftliches Arbeiten – Tools und Techniken für Bildung und Wissenschaft»

Oliver Haas
ZOE-Redakteur, Seniorberater der osb international

 

Glossar

Foundation Model: Foundation Models sind KI-Computermodelle, die durch Methoden des maschinellen Lernens auf einer großen Datenmenge trainiert wurden und als Basismodelle für unterschiedlichste Anwendungen angepasst werden können.

Prompting: Ein Prompt ist eine Anweisung oder eine Eingabe, die an ein KI-System gerichtet wird, um eine bestimmte Antwort oder Aktion zu initiieren. Prompts können Texte, visuelle Signale oder Audio-Anweisungen sein und sind ein integraler Bestandteil der KI-Interaktion.

Augmented Reality und Mixed Reality: Augmented Reality ist eine Technologie, die digitale Informationen in die reale Welt integriert. AR-Erlebnisse können durch Geräte wie Smartphones oder AR-Brillen ermöglicht werden, wobei die natürliche Umgebung um digitale Elemente erweitert werden kann. Es wird also keine komplett künstliche Welt erzeugt, sondern es geht um die Verschmelzung von realer und digitaler Welt. Mixed Reality lässt sich am ehesten als eine Technologie beschreiben, die Virtual- und Augmented-Reality-Elemente kombiniert, um eine nahtlose Interaktion zwischen realer und virtueller Welt zu ermöglichen.


Herausforderung Business Ecosystems

Eckpunkte erfolgreicher Netzwerkaktivität

Immer mehr Unternehmen haben verstanden: Die Ära des Einzelkämpfertums ist vorüber. Neue Herausforderungen und wachsende Ansprüche von Kunden und Kundinnen erfordern innovative Vorgehensweisen. Durch die Zusammenarbeit unterschiedlichster Partner erschließen Business Ecosystems neue Potenziale für Innovationen und bieten echten Kundenmehrwert. Wer auf die Etablierung eines Wertschöpfungsnetzwerks verzichtet, riskiert seine Zukunftsfähigkeit.

Viele Unternehmen haben ihre Möglichkeiten, Wachstum zu erzielen, in den vergangenen Jahren ausgereizt. Seien es effizientere Vertriebsstrukturen, neue Märkte oder der Kauf von Marktanteilen durch Fusionen und Übernahmen: Die Zahl der Optionen wird kleiner; Optimierungspotenziale sind immer häufiger abseits bewährter Strategien und Vorgehensweisen zu finden. Dazu kommt: Viele Megatrends und Herausforderungen unserer
Zeit – etwa bei den Themen Nachhaltigkeit, Künstliche Intelligenz oder Fachkräftemangel – profitieren über das eigene Engagement hinaus von der Zusammenarbeit über Firmengrenzen hinweg.
Vor diesem Hintergrund hat sich das Mindset vieler Verantwortlicher in den vergangenen Jahren verändert. Zielte ihr Handeln bislang in erster Linie auf das Erreichen individueller Vorteile ab, um so die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, ändern nun immer mehr Akteure ihre Strategie, weil sie wissen, dass sie diese isolierte Vorgehensweise bei der Lösung der anstehenden Probleme nicht weiterbringen wird. Sie setzen nun verstärkt auf Kooperation, da neue Ideen und Lösungsansätze am besten in der Zusammenarbeit entstehen. Und zwar vor allem dann, wenn komplementäre Inhalte und Kompetenzen von unterschiedlichen Partnern zusammenkommen. Neben sehr heterogenen Konstellationen sehen wir neuerdings zusätzlich verstärkt das Zusammenwirken von Wettbewerbern.
Diese Partnerschaften haben wenig mit denen gemeinsam, die wir aus der Vergangenheit kennen: Kooperationsmodelle, bei denen jede Partei ihr Wertschöpfungsmodell weitgehend unverändert beibehält, mit einer Zusammenarbeit, die im Grunde eine Lieferantenbeziehung darstellt und bei der die Teilnehmer nicht auf Augenhöhe agieren. Und sie haben auch nichts mit Formen der Zusammenarbeit zu tun, die vor allem dazu dienen, dem Geschäftsmodell des großen Partners mithilfe der Ideen und zu Lasten des Kleineren neues Leben einzuhauchen.

Neue Wertschöpfungsnetzwerke

Stattdessen entsteht, inspiriert durch neues, auf Kooperation setzendes Denken, etwas ganz Eigenes. In einer Welt, in der unter anderem infolge der Digitalisierung und praktisch eliminierter Transaktionskosten die Grenzen zwischen Unternehmen und Branchen immer stärker verschwinden, erschließen Wertschöpfungsnetzwerke eine grundlegend neue Form und Dimension der geschäftlichen Zusammenarbeit. Anstelle von Innovationen, die aus der bestehenden Lieferkette heraus initiiert und realisiert werden, generieren Business Ecosystems einen Mehrwert, der auf der Grundlage nur der eigenen Kompetenzen und Ressourcen eines Unternehmens wohl niemals zu erreichen ist. Unternehmen, die sich weigern, sich in solchen Netzwerken zu engagieren, etwa weil sie fürchten, die Kontrolle über ihr Geschäft zu verlieren, riskieren also, enorme Wachstumschancen zu verschenken.
Zahlreiche Gespräche und Diskussionen mit unseren Kunden-Organisationen bestätigen diese Einschätzung. So haben wir im vergangenen Jahr einen globalen Roundtable zu diesem Thema veranstaltet. Der Tenor war eindeutig: Die Fähigkeit, in Ökosystemen zusammenzuarbeiten, wird für den künftigen Erfolg von Unternehmen entscheidend sein. In Zukunftsfeldern wie der Wasserstoffwirtschaft ist beispielsweise schon absehbar, dass der Umsatz einzelner Player langfristig praktisch vollständig davon abhängen wird, ob das Unternehmen in ein funktionierendes globales Business Ecosystem eingebunden ist. Auch der technologische Wandel – Stichwort Künstliche Intelligenz – und der Fachkräftemangel werden dazu führen, dass Unternehmen wohl immer mehr zur Zusammenarbeit «gezwungen» sind. Diese Notwendigkeit zu erkennen ist das eine. Die erforderlichen Strukturen zu schaffen, um vom technologischen Wandel profitieren und Zukunftsmärkte erschließen und gewinnbringend mitgestalten zu können, ist das andere.

Was ist ein Business Ecosystem?

Ein Business Ecosystem beschreibt die Zusammenarbeit von mehr als zwei Akteuren in einem besonderen Netzwerkmodus. Das können Unternehmen, Start-ups, Forschungseinrichtungen oder auch andere Organisationen sein. Ihr gemeinsames Ziel ist es, in absehbarer Zeit ein für alle Beteiligten positives (meist monetäres) Nutzen-Kosten-Verhältnis herzustellen. Wenn es sich bei dem erklärten Ziel um eine aktuell durch die einzelnen Akteure (noch) nicht erreichbare neue Lösung handelt, wird von einem Innovation Ecosystem gesprochen.
Von Business Ecosystems klar abzugrenzen sind verschiedene andere Kooperationsmodelle wie:
• Plattform Ökosysteme, bei denen ein Unternehmen möglichst viele andere Unternehmen zur Nutzung der eigenen Lösung einlädt,
• 1:1-Kunden-Lieferantenbeziehungen,
• Industrieübergreifende Initiativen wie Catena-X und Manufacturing-X sowie
• Forschungskooperationen im vorwettbewerblichen Umfeld.

Vor allem drei Merkmale sind es, die Business Ecosystems kennzeichnen und von anderen Formen der Kooperationen differenzieren:
1. Das Ziel der Zusammenarbeit besteht in der Entwicklung eines neuen, besseren Kundenangebots. Das gemeinsame Nutzenversprechen bildet also den Nukleus.
2. Es existiert ein akzeptierter Orchestrator, der den Prozess koordiert, die verschiedenen Interessen zusammenführt und dafür sorgt, dass das geplante Wertversprechen erreicht wird.
3. Die Teilnehmer begegnen sich auf Basis des eigenen Wertbeitrags auf Augenhöhe und ohne Unterscheidung nach Umsatz oder Marktmacht.

 

Neben dem monetären Nutzen gibt es zahlreiche weitere Gründe für den Aufbau oder die Teilnahme an einem Business Ecosystem. Dazu zählen beispielsweise der mögliche Einstieg in bisher nicht erreichbare Themenfelder. Auch der mit der Teilnahme verbundene Motivationsschub und die Weiterbildung der Beschäftigten können wichtige Triebfedern sein. Weitere Anreize sind der potenzielle Reputationsgewinn durch Auszeichnungen und Innovationserfolge sowie die Tatsache, dass Unternehmen durch die Mitwirkung an einem Ökosystem «automatisch» an aktuellen Entwicklungen partizipieren und somit die «Fear of missing out» verhindern können. Diese Zusammenarbeit führt zu einem Angebot, das keine der Parteien allein entwickeln oder anbieten könnte. Damit setzt das Konzept des Business Ecosystems wesentlich grundlegender an als traditionelle Formen der Kooperation. Es eröffnet Evolutionspfade über Branchen- und Unternehmensgrenzen hinaus und erschließt bislang ungehobene Wachstums- und Differenzierungspotenziale, weil Unternehmen gleichberechtigt zusammenarbeiten können, ohne dass die Transaktionskosten die dabei erzielten Margen sofort wieder aufzehren.
Zwar bildet die Kundschaft und deren Bedürfnisse nach wie vor den Ausgangspunkt. Im Gegensatz zu früher stellt sich aber nicht die Frage, ob die internen Fähigkeiten und Ressourcen eines Unternehmens ausreichen, um die Kundenbedürfnisse zu erfüllen. Die Frage ist vielmehr, welche Aspekte ein Unternehmen eigenständig angehen kann und bei welchen es mit anderen zusammenarbeiten muss, um die Wünsche seiner Kunden und Kundinnen in vollem Umfang zu erfüllen.

Warum frühere Ansätze gescheitert sind

Das Thema an sich ist nicht neu. In den vergangenen 20 Jahren haben viele Unternehmen Partnerschaftsmodelle aufgebaut. Das entsprechende Schlagwort damals lautete «Open Innovation», und die Zahl der mit Partnern abgeschlossenen MOUs («Memorandum of Understanding») galt als wichtige Erfolgsgröße. Im Zuge des wachsenden Kostendrucks wurden viele dieser Modelle allerdings wieder eingestellt. Nicht zuletzt, weil kein erkennbarer Nutzen erzielt wurde.
Eine maßgebliche Ursache dafür, dass frühere Anläufe häufig gescheitert sind, ist die fehlende strategische Bedeutung der Zusammenarbeit. Die aber muss gegeben sein, wenn am Ende ein gewinnbringendes Geschäftsmodell entstehen soll. Das eine oder andere Unternehmen hat sich bei seinen partnerschaftlichen Aktivitäten allerdings «verzettelt» und schlicht nicht darauf geachtet, dass jedem Investment ein klar definiertes Ergebnis gegenüberstehen muss. Einfach nur «dabeisein wollen» ist keine tragfähige Strategie.
In vielen Fällen fehlten also eine klare Zielsetzung, Strategie und ein «Fahrplan» für die Zusammenarbeit im Ökosystem. Fragen wie: «Warum engagiere ich mich als Unternehmen, was verspreche ich mir davon?», «Auf welche meiner strategischen Ziele, Initiativen, Handlungsfelder zahlt die Zusammenarbeit ein?», «Welche strategischen Ziele kann ich überhaupt nur durch Zusammenarbeit erreichen?» wurden und werden auch heute oft nicht umfassend und plausibel genug beantwortet. Die Verankerung der Ökosystem-Aktivitäten in der Strategie und Planung bildet aber die Quintessenz erfolgreicher Netzwerkaktivität und damit letztendlich künftigen Unternehmenserfolgs.
Ein weiterer Grund für das Scheitern von Business Ecosystems sind mangelnde Expertise und fehlende Ressourcen (vgl. Abbildung 2). Viele Beschäftigte in traditionellen Industrieunternehmen haben schlicht nicht die Kompetenz und Erfahrung, die es braucht, um ein Ökosystem professionell zu managen. Stattdessen werden die Ökosysteme «nebenbei» orchestriert. Der hohe Koordinationsbedarf, der Kapital und Kapazitäten bindet, wird chronisch unterschätzt. Auch eine Verlagerung von Tätigkeiten auf die Seite des Partners reduziert nicht automatisch den Aufwand im eigenen Haus, sondern steigert den Koordinationsbedarf eher noch. Doch statt in professioneller Hand landet diese Aufgabe häufig als «Zusatzarbeit» bei nicht ausreichend qualifizieren Stellen, die sich plötzlich in der Rolle des Moderators
zwischen den Partnern wiederfinden.
Häufig fehlen den Akteuren die erforderlichen Kompetenzen (etwa in den Bereichen Recht oder Geistiges Eigentum), wenn es darum geht, sich auf rechtliche Rahmenbedingungen, Geschäftsmodelle, Zuständigkeiten, Kundenschnittstellen oder Architekturen zu verständigen. Dies gilt auch für die dafür erforderlichen Prozesse und Verantwortlichkeiten, Verhandlungskompetenz und Expertise im Ökosystem-Management.


Eine weitere Herausforderung: Viele bekannte Methoden von Führung und Zusammenarbeit funktionieren im Ökosystem nicht wie gewohnt, denn die Kulturen der verschiedenen Teilnehmer unterscheiden sich häufig fundamental. Partner engagieren sich, wenn ein spürbarer Nutzen entsteht, weil gemeinsam ein neues, besseres Wertangebot für die Kundschaft entsteht. Verschiedene Denk- und Herangehensweisen sind dabei nicht störend, sondern bilden den notwendigen Nährboden. Steuerung durch klassische Ansagen ist in diesem Kontext wenig zielführend. Gefragt ist vielmehr eine kooperative und offene Herangehensweise
der beteiligten Akteure – und zwar so, dass die unterschiedlichen Interessen gut ausbalanciert sind und alle Seiten kontinuierlich im Austausch bleiben.

Lebenszyklus von Business Ecosystems

Erfolgreiche Business Ecosystems durchlaufen in der Regel einen Lebenszyklus in vier Phasen: Planung, Aufbau, Zusammenarbeit und Abwicklung. Bei der Planung steht das gemeinsame Ziel im Mittelpunkt. Außerdem werden die zur Erreichung dieses Ziels erforderlichen Partner festgelegt. Nur, wenn alle Mitwirkenden vom positiven Nutzen-Kosten-Verhältnis überzeugt sind, besteht eine realistische Chance auf Erfolg. Im Zentrum der Aufbau-Phase steht die Festlegung von Spielregeln der Kooperation sowie das Einholen eines klaren Commitments der Beteiligten.
Die Dauer der Zusammenarbeit kann sehr unterschiedlich ausfallen. Sie ist abhängig von der Komplexität und dem Aufwand, der für das Erreichen des gemeinsam festgelegten Ziels erbracht werden muss. Der wirtschaftliche Erfolg entsteht durch das gemeinsame Ausschöpfen der Ergebnisse. Nur in den wenigsten Fällen lässt sich dieses Ausschöpfen verstetigen. Häufiger kommt es dagegen zu einer Abwicklung des Ökosystems in Form einer der folgenden Varianten:
• Übergang in ein Plattform-Ökosystem, in das weitere Unternehmen zur Skalierung eingeladen werden,
• Entwicklung einer Kunden-Lieferanten-Beziehung zwischen den beteiligten Partnern oder
• Auflösung des Ökosystems, unter Umständen verbunden mit einer Veräußerung der Ergebnisse.
Um dem hohen Bedarf an Koordination und Orchestrierung gerecht zu werden, haben erfolgreiche Unternehmen ihr Ökosystem-Management inzwischen professionalisiert. Dies kann entweder durch die Einführung neuer oder durch die Erweiterung bestehender Rollen erfolgen. Ziel muss es sein, klare Rahmenbedingungen für die Arbeit in Business Ecosystems zu schaffen.

Fazit

Die Beschäftigung mit Business Ecosystems hat das Stadium der Forschung und Kultivierung in Stabsstellen großer Konzerne verlassen. Kaum ein Unternehmen, das langfristig erfolgreich wirtschaften
will, kann es sich erlauben, auf eine Ecosystem-Strategie mit entsprechenden Strukturen, Prozessen und Ressourcen zu verzichten. Kleineren Unternehmen, Start-ups und Forschungseinrichtungen
erschließen Ökosysteme neue Möglichkeiten, in Kooperation mit Großunternehmen Wachstumsfelder zu gestalten, wenn diese einen entsprechenden Mehrwert bieten. Die folgenden sechs Punkte gilt es zu berücksichtigen:
1. das Wertangebot,
2. die «Architektur» des Ökosystems, also die Auswahl der Partner,
3. das Geschäftsmodell (so stellt sich bei datenbasierten Business Modellen etwa die Frage, wem was gehört),
4. Prozesse, Zusammenarbeit und die Art der Integration der verschiedenen Unternehmenskulturen,
5. die Erfolgsmessung/KPI-Systeme,
6. die Einbindung aller notwendigen Disziplinen wie Vertrieb, Einkauf, Controlling/Finanzen, Recht, Verträge, Geistiges Eigentum, Forschung und Entwicklung, Technologie, etc.

 

Dr. Steffen Gackstatter
Partner Operations/Innovation, Roland Berger

Dr. Julia Duwe
Partnerin Operations, Roland Berger

 

 


Mitarbeitergespräche reloaded

Formate für den Dialog von Mitarbeitenden und Führungskräften

Die Gestaltung von verlässlichen Arbeitsbeziehungen ist für den Führungserfolg sehr bedeutsam. Eine gekonnte Gesprächsführung und die adäquate Nutzung verschiedener Gesprächsformate sind ein wichtiges Führungsinstrumentarium, um Einfluss auszuüben und Dinge zu bewegen. Welche Bedeutung Mitarbeitergespräche in der von New Work geprägten Arbeitswelt nach wie vor haben, erläutert dieser Beitrag.

Laut McKinsey ist ein gutes Verhältnis zu den Führungskräften der wichtigste Faktor für die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeitenden, die wiederum der zweitwichtigste Faktor für ihr allgemeines Wohlbefinden ist. Die Regelmäßigkeit von Kommunikation zeigt ebenfalls Wirkung. So bewerten Mitarbeiter*innen ihre Führungskraft entsprechend häufiger als respektvoll, je mehr Kommunikation stattfindet (Decker & Van Quaquebeke, 2016, S. 31).
Laut einer von Gherson & Gratton (2022) zitierten Studie des Beratungsunternehmens O. C. Tanner erhöhen wöchentliche Einzelgespräche mit Führungskräften in unsicheren Zeiten das Engagement der Mitarbeitenden um 54 Prozent sowie die Produktivität um 31 Prozent und verringern Burnout um 15 Prozent sowie Depressionen um 16 Prozent.
Im digitalen Zeitalter nimmt zudem die Bedeutung von Beziehungen und personenorientiertem Führungsverhalten zu (Welpe et al., 2018). Dies umfasst, Mitarbeitenden Interesse, Verständnis und Respekt zu zeigen, um ihr Wohlergehen besorgt zu sein sowie Wertschätzung und Unterstützung auszudrücken. Damit werden deren Selbstbewusstsein und Resilienz gestärkt, schwierige Situationen und Veränderungen meistern zu können. Seit Henry Mintzbergs Studien ist hinlänglich bekannt, dass ein Großteil der Führung im Kontext von vorbereiteter und auch spontaner Kommunikation stattfindet. Gesprächsführungs- und Kommunikationsfähigkeiten gelten daher als eine der wichtigsten Führungskompetenzen (z. B. Nerdinger, 2019).

Gerade weil Kommunikation ständig stattfindet, sehen wir unsere Fähigkeit zu kommunizieren oft als etwas Selbstverständliches an. Unsere Gesprächsgestaltung wird von Gewohnheiten, die unseren Kommunikationsstil ausmachen, oder von unterbewussten Prozessen, die unsere Haltung prägen, dominiert. Mit der Art, wie wir kommunizieren (z. B. von oben herab, mit Unterton, dominant oder oberflächlich) produzieren wir unabsichtlich negative Effekte für die Beziehungsgestaltung. Für tragfähige Beziehungen sind jedoch die Gesprächsqualität und der empfundene Rapport von entscheidender Bedeutung. Das Gefühl einer guten Beziehung entsteht aus der Summe der Erfahrungen in Interaktionssituationen. Aktuelle Interaktionen mit einer Person werden vor dem Hintergrund dieses Erfahrungswissens interpretiert (vgl. Watzlawick et al., 2017).
Weil Führung primär im Dialog zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden stattfindet (Hossiep et al., 2020), sind Gespräche ein wesentliches Instrumentarium, um gemäß der Leader-Member-Exchange Theorie eine positive Beziehung zu etablieren und auf zentrale Faktoren Einfluss zu nehmen, wie z. B. die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit, das Commitment zur Aufgabe und zur Organisation sowie die Förderung und Bindung von Talenten, um den eigenen Erfolg als Führungskraft zu erhöhen (z. B. Regnet, 2020;). Jede*r Change Manager*in weiß um die Bedeutung von Mitarbeitergesprächen während Veränderungsvorhaben, um psychologische Sicherheit zu vermitteln.
In Mitarbeitergesprächen erhält eine Vielzahl von Meta-Themen Raum, für die im Alltag zu wenig Gesprächszeit bleibt. Vor dem Hintergrund dieser in Wissenschaft und Praxis etablierten Erkenntnis wundert es, warum das Instrument «Mitarbeitergespräch» als nicht mehr zeitgemäß in Verruf geraten ist. Zumal jede Führungskraft die Gesprächsqualität direkt beeinflussen und Gesprächsinhalte sowie Gesprächsführung auf die jeweilige Situation und Person adaptieren kann. Genau genommen richtet sich die Kritik gegen institutionalisierte Mitarbeitergesprächssysteme, häufig Performance Appraisals oder Jahresgespräche genannt, die formalisiert anhand von Gesprächsleitfäden und Kriterienlisten geführt werden müssen (Trost, 2015). Adhoc-Gespräche und anlassbezogene Gespräche (Winkler & Hofbauer, 2010) sowie regelmäßige Check-ins oder One-on-Ones werden hingegen nach wie vor als wichtiges Abstimmungs- und Strukturierungstool erachtet. Im Instrumentenkasten agiler Methoden finden sich ebenfalls zahlreiche Kommunikationsformate, die auf Dialog und gegenseitiges Feedback setzen. Wo ist dann eigentlich das Problem? Um Mitarbeitergesprächssysteme und die Kritik daran besser zu verstehen, sollten wir einen Blick auf deren Historie werfen.

Entstehungsgeschichte eines strukturierten Gesprächsinstrumentariums

Um Führungskräften ihre Aufgaben und die damit verbundenen Gesprächssituationen zu erleichtern, wurden vielerorts Mitarbeitergesprächssysteme eingeführt, die strukturiert, nach einheitlichen Standards und vorgegebenem Themenfokus durchgeführte Gespräche sicherstellen sollten. Zudem ordnete das 1972 in Kraft getretene Betriebsverfassungsgesetz die Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer maßgeblich neu. Es sieht vor, dass Mitarbeitende Anrecht auf eine Rückmeldung über Leistungen und Verhalten haben. Auch international avancierte das jährliche Mitarbeitergespräch zu den meist verbreiteten Führungsinstrumenten (Trost, 2022). In Ermangelung anderer Instrumentarien, um wesentliche Führungsprozesse abzubilden, wurden institutionalisierte Mitarbeitergespräche vielerorts als Allzweckwaffe konzipiert. Durch Dokumentation der Gesprächsinhalte in einem Formular und Ablage in der Personalakte dienen sie oft als Grundlage zur Zeugniserstellung oder Nachweis der Leistungsbeurteilung, und werden u.U. in arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen herangezogen. Mit verursacht durch die Forderung von Führungskräften und Arbeitnehmervertretung, auch für Ausnahmefälle einen klaren Prozess vorzugeben, entstanden komplexe Systeme mit formalistischem Dokumentationsaufwand.
Da Führung im Gegensatz zu vielen besser definierten Prozessen in Organisationen nach persönlichem Ermessen und abhängig von den Kompetenzen der Führungskraft stattfindet, erhoffte man sich durch einen strukturierten Gesprächsprozess eine gewisse Routinisierung und Qualitätssicherung der Führungsarbeit. Um möglichst viele führungsrelevante Aspekte abzudecken – schließlich kann man damit Führungskräfte dazu verpflichten, zumindest einmal im Jahr über diese Themen mit ihren Mitarbeitenden zu sprechen – sollte das institutionalisierte Mitarbeitergespräch alle möglichen Themen umfassen: Aufgabenprofile, Zielvereinbarungen, Entwicklungsplanung, Job-Zufriedenheit, Leistungsfeedback, Zusammenarbeit, Beurteilungen, Gehalts- und Bonusfestlegungen sowie die Nominierung für Beförderungen oder Förderprogramme. Dass ein Gespräch mit so vielen unterschiedlichen Komponenten und Anforderungen die Teilnehmenden überfordern kann, liegt auf der Hand. Durch den formalen Charakter gehen der im Alltag etablierte Beziehungsrapport und die Natürlichkeit des Gesprächs zwischen Mitarbeitenden und Vorgesetzten häufig verloren. Des Weiteren ist es für Mitarbeitende und Führungskräfte nicht leicht, in einem Gespräch je nach Thema zwischen verschiedenen Rollen hin- und herzuwechseln: Bei feedback- und entwicklungsorientierten Gesprächsaspekten ist für Führungskräfte eine coachende und beratende Grundhaltung die zielführendste, weil so eine möglichst große Akzeptanz und Offenheit des Gegenübers erwartet werden kann. Durch Leistungsbeurteilungen oder Entscheidungen über Gehalt und Bonusfestlegungen, die Aufnahme in Förderprogramme oder Beförderungen erhalten sie eine beurteilende Rolle. Auch Mitarbeitende müssen zwischen Gesprächsstrategien wechseln, z. B. vom selbstreflexiven Modus bei Feedback hin zu Selbstmarketing und Verhandlungstechniken, wenn es um monetäre oder aufstiegsorientierte Entscheidungen geht.
Mit der zunehmenden Enthierarchisierung von Organisationen ist in vielen Führungsleitbildern inzwischen eine Präferenz für einen teamorientiertern kollegialen und coachenden Führungsstil zu finden. Damit kollidiert die Rolle des Beurteilers und Vorgesetzten oft mit dem propagierten und von vielen Mitarbeitenden bevorzugten kollegialen Führungsstil. Daraus resultiert eine kognitive Dissonanz, die sich bei Führungskräften häufig in einem mehr oder weniger bewussten emotionalen Widerstand gegenüber Mitarbeitergesprächen mit Beurteilungscharakter äußert. Die Gespräche werden als lästige Pflicht durchgeführt und die Gesprächsqualität sinkt. Oft wäre es beziehungsschonender, kein Gespräch zu führen, als genervt in ein Gespräch zu gehen, das man nicht führen möchte.
Trost (2015, 2022) kritisiert richtigerweise, dass das jährliche Mitarbeitergespräch zu vielen Nutzenerwartungen zu entsprechen versucht und durch sein Format die Vielfalt von Führungssituationen ignoriert. Die zu besprechenden Themen decken zwar den Kern wesentlicher Führungsaufgaben ab, nach Trost ist es jedoch kontraproduktiv, diese alle in einem One-Size-fits-all-Gespräch abdecken zu wollen. Bei stabilen Umfeldern mit vorwiegend hierarchischem Führungsmodell ist es leichter, standardisierte Vorgehensweisen aufrechtzuerhalten. In veränderungsintensiven Kontexten, in denen agil, vorwiegend vernetzt und horizontal «auf Augenhöhe» zusammengearbeitet wird, sind flexibel einsetzbare «on demand-Lösungen» zu präferieren.

Alternative Ansätze

Wie könnte jedoch eine Lösung aussehen? Selbst wenn Mitarbeitende zunehmend gefordert sind, sich selbst und ihre Aufgaben zu strukturieren, auftretende Probleme selbständig zu lösen und Ziele selbstmotiviert zu verfolgen, ist es auch in diesem Kontext notwendig, sich in der Organisation mit Entscheidungsträgern und im Team abzustimmen. Wir benötigen regelmäßige Rückmeldungen im Zusammenarbeits- und Führungsalltag, um koordiniertes, abgestimmtes und eigenständiges Handeln zu ermöglichen. Es bedarf also Gesprächsformate, in denen Rahmenbedingungen und Verantwortlichkeiten geklärt werden, um Rückendeckung und psychologische Sicherheit zu bieten, die eigenständiges Arbeiten benötigt (Edmondson, 2020).
Jüngere Generationen treten zudem mit dem Anspruch ins Berufsleben ein, non-hierarchisch, «auf Augenhöhe» zu interagieren, häufige (vor allem bestärkende) Rückmeldung zu erhalten und gefördert zu werden (vgl. Hurrelmann & Winkler, 2021). Mitarbeitergespräche erleben damit in gewisser Weise eine Renaissance und werden derzeit vielerorts neu erfunden – häufig mit attraktiveren Namen und in modern anmutender digitaler Verpackung. Nüchtern betrachtet, hält sich der Innovationsgrad der Neuentwicklungen alternativer Gesprächsformate in Grenzen. Die adressierten Themen sind den bisherigen sehr ähnlich, da nach wie vor relevant.

Flexible Dialogformate in der New Work-Arbeitswelt

Ein alternativer Ansatz zur Praxis jährlicher Mitarbeitergespräche ist das Baukastenprinzip (Trost, 2022). Dabei wird Führungskräften je nach Nutzenerwartung und Kontext ein flexibles Set an Instrumenten angeboten. Der flexible Einsatz von Instrumentarien erfordert jedoch von Führungskräften, dass sie a) unterschiedliche Gesprächsthemen und -formate kennen und anwenden können und b) sie sich im Jahresverlauf feste Zeiten für diese Gespräche einplanen. Die pure Aufforderung, kontinuierlich im Gespräch mit Mitarbeitenden zu bleiben, verpufft im Tagesgeschäft erfahrungsgemäß. Geführt werden vorwiegend unvorbereitete Adhoc-Gespräche, die prioritär Alltagsthemen umfassen und oft nicht die nötige Gesprächsqualität aufweisen.
Es lohnt sich daher für Führungskräfte, bei Fehlen eines organisational definierten Gesprächsrhythmus eine Gesprächsroutine zu etablieren und bestimmte Metagespräche einzuplanen, wie zu Kompetenz- und Perspektivenentwicklung oder Zielerreichung und längerfristig ausgerichteter Maßnahmenplanung. Eine geeignete Einleitung und damit Kontextuierung durch die Führungskraft («Heute ist es mir ein Anliegen, über… xy mit dir zu sprechen, mit dem Ziel unsere gegenseitigen Vorstellungen abzugleichen und Ideen zu Aktivitäten zu entwickeln, wie wir …») gibt Gesprächen eine Zielrichtung und Bedeutung. Damit ein beidseitiger Dialog entstehen kann, muss echtes Interesse am Gegenüber gezeigt werden, durch Nachfragen, Spiegeln und gemeinsamem Co-Kreieren von Lösungen. Damit werden sie von Mitarbeitenden als nutzbringend erkannt und können die intendierte Wirkung entfalten.

Förderung von Leistung und Zusammenarbeit

Für das von Trost (2022) vorgeschlagene flexible Baukastenset für Mitarbeitergespräche sollten Führungskräfte für folgende Gesprächsinhalte auf vorbereitete Dialog-Formate samt Qualifizierungsmöglichkeiten zugreifen können:
Standards vereinbaren: Um einen Zusammenarbeits-, Service-, Qualitäts-, oder Leistungsstandard im Team zu installieren, sind explizit ausgesprochene Erwartungen zentral. Führungskräfte erarbeiten mit ihren Teams, was die Erwartungen an einen «guten Job» sind, damit diese als mentales Modell verinnerlicht und umgesetzt werden können. Abweichungen können dann kollektiv oder bilateral besprochen werden.
Meta-Gespräch zur Gestaltung der Zusammenarbeit – «Gebrauchsanweisung»: Missverständnisse in der Zusammenarbeit entstehen, weil Präferenzen, Wünsche und Sensibilitäten der Gesprächspartner*innen unklar sind. Ein Gespräch zu diesen Themen mit pragmatischen Vorschlägen wie Unklarheiten Ärgernisse vermieden werden, hilft, Beziehungen auf gute Beine zu stellen.
Ziele und Ergebniserwartungen verabreden: Mit Zielen bündeln wir unsere Kräfte und richten unser Handeln auf bestimmte zu erreichende Ergebnisse aus. Die Zielsetzungstheorie gehört zu den bestbeforschtesten Motivationstheorien. Eine darauf basierende Weiterentwicklung von «smarten» Zielen ist der OKR-Ansatz. Mit im Team verabredeten OKRs erreichen Führungskräfte, dass alle hinsichtlich des Oberziels an einem Strang ziehen, auch wenn die Maßnahmen zur Erreichung der Key Results auf einzelne Personen im Team verteilt werden. Die Meilensteine für die Erreichung und das Monitoring der Key Results können im Laufe des Jahres fest terminiert werden. Das regelmäßige Gespräch, je nach Bedarf im One-on-One oder mit dem Team, über Zwischenergebnisse stellt sicher, dass genügend Fortschritte gemacht werden, um gesteckte Ziele rechtzeitig zu erreichen. Im Gegensatz zu rein individuellen Zielen fördern Teamziele stärker den Austausch und die Zusammenarbeit untereinander.
Leistungsfeedback geben: Der High Performance Cycle der Zielsetzungstheorie von Locke & Latham (2002) unterstreicht die Wichtigkeit von Leistungsfeedback und dessen motivierenden Effekt auf die Übernahme herausfordernder Aufgaben. Bleiben Leistungen unbemerkt, sprich: unerwähnt, so stellt sich das Gefühl ein «… interessiert eh keinen…». Das hat unweigerlich zur Folge, dass Mitarbeitende ihren Einsatz zukünftig stärker dosieren werden. Die einfachste Form der Anerkennung von Leistung ist eine Danksagung. Ebenfalls wirksam ist die Anerkennung von Geleistetem in regelmäßigen One-on-Ones oder in Gruppenbesprechungen (z. B. Stand-up Meetings, Jour-fixes, Projektmeetings oder Retrospektiven), wenn die erzielten Resultate auch für andere Teammitglieder bedeutsam sind.
Feedforward als Alternative zu Feedback: Nach Kluger und DeNisi und ihrer Metaanalyse zu Feedbackprozessen (1996) erhöht Feedback mit klarem Bezug zur Aufgabe und mit konkreten Tipps zur Verbesserung die Motivation, Verhalten zu verändern. Mit der Feedforward-Methode entwickeln Mitarbeitende und Führungskraft Ideen, wie Aufgaben und Situationen effektiver oder müheloser gelöst werden können, der Gesprächsverlauf wechselt von einer bewertenden in eine coachende Richtung. Das Gespräch wird auf Entwicklung und Wachstum gerichtet, die Wahrscheinlichkeit, als Kränkung interpretiert zu werden, sinkt, die Veränderungsmotivation wird stimuliert.
Schwache Leistungen sofort besprechen: Wenn Führungskräfte eine geringe Arbeitsmoral und schlechte Leistung Einzelner laufen lassen, frustriert das alle im Team. Daher sollten Leistungsabfälle oder Kompetenzdefizite in einem anlassbezogenen Mitarbeitergespräch sofort besprochen werden.
Bedarfe der Mitarbeitenden erfragen und Unterstützungsmöglichkeiten eruieren: Ob regelmäßiger Check-In, viertel- oder halbjähriger Spaziergang oder Mittagessen: Ein Austausch hierzu kann auf vielerlei Arten erfolgen. Entweder geht der Gesprächsimpuls von Mitarbeitenden aus, die hinsichtlich Arbeitszeit, -ort, Aufgabenspektrum, Entwicklungsmöglichkeiten oder anderen Rahmenbedingungen für effektives Arbeiten Veränderungsbedarf sehen. Oder die Führungskraft entwickelt einen Gesprächsrhythmus, um bei jedem Teammitglied immer wieder «das Ohr an die Schiene zu legen».
Retrospektiven der Zusammenarbeit: Feedbackprozesse sind nur sinnvoll, wenn zahlreiche Erfahrungen in der Zusammenarbeit vorliegen. Ansonsten entstehen Schnappschüsse, die sich in der Regel auf Positives beschränken. Verbesserungstipps oder Empfehlungen bedürfen konkreter Beispiele und einer belastbaren Einschätzungsgrundlage. 360 Grad-Feedback produziert durch die rein zahlenbasierten Erhebungen oft nicht den gleichen Mehrwert wie ein feedbackorientiertes Gespräch zwischen Partnern (Winkler, 2019). Trost (2022) schlägt sogenannte Feedbackpartnerschaften vor. In diesen unterhalten sich Personen, die eng zusammenarbeiten, in regelmäßigen Abständen zu folgenden Fragen: Was läuft gut und sollten wir beibehalten? Was sollten wir in Zukunft besser machen? Die Führungskraft muss hier nicht involviert sein. Sie wird dann wichtig, wenn die Retrospektiven Störungen aufdecken, die die Gesprächspartner*innen nicht alleine lösen können. Natürlich kann auch die Führungskraft regelmäßige bilaterale Retrospektiven der Zusammenarbeit mit ihren Mitarbeitenden einplanen.
Kompetenzentwicklung und berufliche Perspektive: In regelmäßigen Abständen sollte ein Abgleich der Anforderungen und der Kompetenzen sowohl für den derzeitigen als auch einen möglichen künftigen Aufgabenbereich erfolgen. Daraus können Entwicklungsmaßnahmen und Lernbedarfe abgeleitet werden. Die Selbsteinschätzung der Mitarbeitenden und die Einschätzung der Führungskraft sind dabei gleichermaßen relevant.
Zusammenarbeitsscreening: Die Qualität der Zusammenarbeit hat einen hohen Einfluss auf die allgemeine Job-Zufriedenheit. Neben einem Austausch als One-on-One oder im Teamkontext kann ein Soziogramm der Zusammenarbeit aller wichtigen Interaktionspartner*innen die Zusammenarbeitsqualität beleuchten und Verbesserungsmaßnahmen herausarbeiten.

Entlastung von Manager*innen

Führungsaufgaben, die von Führungskräften verlangen, als Beurteilende zu fungieren und bei der Verteilung von Mitteln und Möglichkeiten zwischen Teammitgliedern unterscheiden zu müssen, bergen die Gefahr, dass sie einen negativen Effekt auf die Teamdynamik und auf die individuelle Beziehungsgestaltung haben können. Diese Entscheidungen sind auf organisationaler Ebene leichter zu treffen als durch die individuelle Führungskraft, auch wenn diese aufgrund der Kenntnis ihres Teams relevante Empfehlungen aussprechen kann. Zu diesen Entscheidungen gehören die Identifikation von herausragenden Leistungsträger*innen und deren Honorierung.
Selbst den motiviertesten Protagonisten geht früher oder später der einstige Elan verloren, wenn sie sehen, dass sie im Vergleich zu Kolleg*innen, die nur das Nötigste tun, nicht gewürdigt und honoriert werden. In vielen institutionalisierten Mitarbeitergesprächen haben Führungskräfte die Aufgabe, die Leistungen ihrer Mitarbeitenden möglichst fair zu beurteilen. Als Beurteilender scheuen sie jedoch häufig diese Differenzierung aus Sorge vor der Reaktion des Gegenübers. Beurteilungen bleiben so oft in einem eher engen Spektrum. Wenn ein übergeordnetes Gremium mit größerer Unabhängigkeit High Performer identifiziert und würdigt, kann die direkte Führungskraft zu allen im Team eine gute Beziehung halten. Zugleich bedeutet dies für die ausgezeichnete Person einen höheren Wert, da die Anerkennung in der Organisation über den eigenen Bereich hinaus erfolgt.

 

Sinnvolle Gestaltung von Meta-Gesprächen

Anhand der skizzierten Gesprächssituationen müsste deutlich geworden sein, dass eine Führungskraft nicht umhinkommt, bestimmte Meta-Gespräche zu führen, um ihrer Führungsaufgabe gerecht zu werden. Sollen flexibel gestaltete Kommunikationsformate die institutionellen Mitarbeitergespräche ersetzen, ist es ratsam, dass sich Führungskräfte mit dem Spektrum an Gesprächsformaten vertraut machen und festlegen, in welchem Rhythmus Gespräche geführt werden sollen. Wem das zu kompliziert wird, der kann einen Mittelweg gehen. Abbildung 1 skizziert die Struktur eines Mitarbeitergesprächs, das wesentliche Themengebiete abdeckt und durch wenig Vorgaben flexibel z. B. zusätzlich zu den im Alltag stattfindenden One-on-Ones, Gruppengesprächen und Adhoc-Gesprächen als Meta-Gespräch und Boxenstopp geführt werden kann. Natürlich macht – wie immer, wenn es um Kommunikation geht – auch hier der Ton die Musik. Aus einer wohlwollenden, klärenden, reflexiven und coachenden Haltung heraus tragen solche Gespräche zur Klärung wesentlicher Themen und zur Festigung von Arbeitsbeziehungen bei. Eine von oben kommende, beurteilende und bevormundende «top-down» Gesprächsführung provoziert hingegen genau das Gegenteil – und nimmt dem Instrumentarium sein Potenzial für Motivation, Entwicklung und Bindung von Mitarbeitenden. Insofern gilt es in Mitarbeitergesprächen wie generell in der Kommunikation, sich am Zitat der afroamerikanischen Bürgerrechtaktivistin Maya Angelou zu orientierten: «Die Menschen werden vergessen, was Du gesagt hast. Die Menschen werden vergessen, was Du getan hast. Aber die Menschen werden nie vergessen, was sie bei Dir gefühlt haben.»

Prof. Dr. Brigitte Winkler
ZOE-Redakteurin, Geschäftsführende Partnerin von A47 Consulting, Beratung für Unternehmensentwicklung und Managementdiagnostik in München

 

Literatur:

• Gherson, D. & Gratton, L. (2022). Managers can’t do it all. It’s time to reinvent their role for the new world of work. In Harvard Business Review, March-April, 96-105.
• Hossiep, R., Bittner, J. E. & Berndt, W. (2020). Mitarbeitergespräche. Motivierend, wirksam, nachhaltig. 2. Aufl., Hogrefe.
• Trost, A. (2022). Das richtige Führungsverständnis. Wie Sie Ihre Führungsrolle definieren, vermitteln und wirksam umsetzen. SpringerGabler.
• Trost, A. (2015). Unter den Erwartungen. Warum das jährliche Mitarbeitergespräch in modernen Arbeitswelten versagt. Wiley-VCH.
• Winkler, B. (2019). Wie Feedbackverfahren Führungskräfte in ihrem Rollenbewusstsein verunsichern. OrganisationsEntwicklung, 4, 41-47.
• Winkler, B. & Hofbauer, H. (2010). Das Mitarbeitergespräch als Führungsinstrument. Handbuch für Führungskräfte und Personalverantwortliche, 4. Aufl., Hanser.

Eine vollständige Literaturliste kann im Redaktionsbüro unter zoe.redaktion@handelsblattgroup.de angefordert werden.

 

 


Die Nuancen erkennen

Daniel L. Shapiro über die tieferen Schichten in Konflikten und Verhandlungen

Als Gründer und Leiter des Harvard International Negotiation Program ist Daniel L. Shapiro ein weltweit anerkannter Experte für die Psychologie der Konfliktlösung und Autor von «Verhandeln: Die neue Erfolgsmethode aus Harvard». Im Gespräch mit unserem Redakteur Thomas Schumacher reflektiert er über die emotionalen Dynamiken und Identitätsaspekte, die Konflikte sabotieren können, ohne dass es uns bewusst ist, und schildert, wie er uns dabei unterstützt, sie zu erkennen und zu überwinden.

ZOE: Wie beeinflusst all die Volatilität, Ungewissheit, Komplexität und Ambiguität der heutigen Zeit Ihre Verhandlungsarbeit?

Shapiro: Meine große Neugierde gilt dem menschlichen Geist und der menschlichen Natur. Ich denke, die Welt ist sicherlich kompliziert, und mit der Technologie und der Vernetzung, die wir erleben, ist das Leben in vielerlei Hinsicht noch komplizierter geworden. Dennoch bleibt die menschliche Natur aus meiner Sicht weitgehend gleich. Mein Interesse gilt der Frage, wie wir die menschliche Natur verstehen können, um mit dem umzugehen, was die Umwelt uns auferlegt.

ZOE: Gibt es Trends oder Veränderungen in der Art und Weise, wie Sie Dialoge und Verhandlungen beobachten?

Shapiro: Wir haben sicherlich globale Muster in der Struktur von Konflikten und in der Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird, festgestellt. Der Kalte Krieg ist ein Beispiel dafür, wie zwei Weltmächte in einen bipolaren Konfliktansatz verwickelt waren. Es überrascht nicht, dass sich die Verhandlungsforschung zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich auf die Spieltheorie und rationale, interessenbasierte Verhandlungsansätze konzentrierte.

Dann ging der Kalte Krieg zu Ende, und die Welt erlebte eine Zunahme von identitätsbasierten Konflikten, die oft innerstaatlicher und regionaler Natur waren. Dementsprechend veränderte sich auch das Feld der Verhandlungsführung, und das Interesse an der Rolle der sozialen Identität und des Konfliktmanagements nahm zu.

In den frühen 2000er Jahren bemerkte ich dann einen neuen Trend, den ich damals als politischen Tribalismus und politische Polarisierung bezeichnete. Mit dem Aufkommen des Internets und bald darauf der sozialen Medien sowie dem Fall der Trennlinie des Kalten Krieges wurde die Welt sozial, technologisch und wirtschaftlich so vernetzt wie nie zuvor, und dies schuf neue Trennlinien. Ich begann, diesen Trend in verschiedenen internationalen Foren zu diskutieren und darüber zu schreiben – aber so offensichtlich wie sich die politische Polarisierung heutzutage anfühlt, war sie in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts kein großes Thema. Ich erinnere mich sogar daran, dass ich versuchte, in einer großen Fachzeitschrift zu diesem Thema zu veröffentlichen und mein Artikel prompt abgelehnt wurde.
Heute, etwa 20 Jahre später, sehen wir die politische Polarisierung als einen wichtigen globalen Trend. Das politische Umfeld entwickelt sich mit der Zeit, und wir in der Wissenschaft scheinen sein Schatten zu sein, der ihm folgt, wohin auch immer er geht, und versuchen, die neuen Formen der Komplexität in der Welt zu verstehen.

ZOE: Sie reflektieren über Konflikte und Verhandlungen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Sehen Sie diese Trends auch in Ihrer Arbeit mit Organisationen?

Shapiro: Bis zu einem gewissen Grad denke ich, dass das Wort Polarisierung nur eine neue Art ist, das zu umschreiben, was wir im Bereich der Konfliktlösung schon immer getan haben: nämlich mit Menschen umzugehen, die sehr polarisierte Ansichten zu einem Thema haben. Die Streitparteien halten an ihren Positionen fest, und die Herausforderung besteht darin, ihnen zu helfen, die Nuancen, die Ungewissheit, die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede, die nicht konkurrierend sind, zu erkennen. In gewisser Weise denke ich, dass wir in diesem Bereich schon immer darüber nachgedacht haben. Wir verpacken es jetzt neu, indem wir es als moderne Formen von Konflikten – Polarisierung – bezeichnen, und es gibt sicherlich Nuancen im Umgang mit Polarisierung, die für dieses Phänomen einzigartig sind. Aber im Allgemeinen glaube ich, dass die Verhandlungstheorie, die über viele Jahre hinweg entwickelt wurde, auch in der heutigen Zeit sehr relevant ist.

ZOE: Sie unterscheiden drei Ebenen in Ihrem Ansatz, wenn Sie mit diesen polarisierten Situationen arbeiten. Können Sie diese kurz erläutern?

Shapiro: Ich unterscheide drei grundlegende Ebenen für Verhandlungen und Konfliktlösungen. Ebene eins ist die Rationalität. Hier geht es darum, dass wir den Konflikt als ein zu lösendes Problem betrachten. Israelis und Palästinenser haben zum Beispiel viele Probleme miteinander. Wie gehen sie mit diesen Problemen um? Der beste rationale Verhandlungsansatz, den ich kenne, ist die interessenbasierte Verhandlungsführung, die von meinen Kollegen des Harvard Negotiation Projects entwickelt wurde und in dem Buch «Getting to Yes» dargestellt ist. Dieser Ansatz rät den Parteien, über ihre Positionen hinauszugehen und die zugrunde liegenden Interessen zu erkunden. Sobald sie die Breite und Tiefe der zugrundeliegenden Interessen verstanden haben, können die Parteien Optionen für beiderseitige Vorteile entwickeln. Ich wende diese Methode regelmäßig in meiner Beratung mit streitenden Parteien auf hoher Ebene an und helfe ihnen dabei, Optionen zu entwickeln, die besser sind als ihre Ausweichmöglichkeiten.

ZOE: Die zweite Ebene betrifft die Emotionen?

Shapiro: Ja, wie geht man mit der komplexen emotionalen Landschaft in Verhandlungen um? Diplomaten aus zwei streitenden Ländern können ein potenzielles Abkommen ausarbeiten, das alle rationalen Fragen anspricht, aber wenn es einen anhaltenden Groll gibt, kommt das Abkommen möglicherweise nicht zustande. Dies ist ein einfacher, aber aussagekräftiger Punkt, der durch empirische Untersuchungen gestützt wird: Selbst eine objektiv großartige Vereinbarung kommt möglicherweise nicht zustande, wenn die Emotionen nicht wirksam angesprochen werden. Im Laufe der Jahre haben wir im Harvard Negotiation Project daran gearbeitet, einen praktischen Rahmen zu schaffen, um die emotionale Dimension von Verhandlungen zu berücksichtigen.

«Es geht um etwas Tieferes als nur um Gefühle, nämlich um Identität.»

ZOE: Es gibt aber noch eine weitere Ebene?

Shapiro: Es gibt eine tiefere Ebene – die Identität. In den frühen 1990er Jahren habe ich in Ost- und Mitteleuropa an der Lösung von Konflikten gearbeitet, unter anderem in Serbien, Kroatien und Mazedonien, als diese Region gerade implodierte. Und ich stellte fest: Es kommen Experten aus der internationalen Gemeinschaft hierher, um sich mit den wirtschaftlichen Problemen zu befassen, um bei den politischen Herausforderungen zu helfen, um bei den militärischen Übergängen zu helfen, die hier stattfinden. Aber wie geht man mit dem menschlichen Übergang um? Mir wurde klar, dass es hier um etwas Tieferes geht als nur um Gefühle, nämlich um Identität. Wie geht man mit Konflikten um, wenn die Identität eine große Rolle spielt?

ZOE: Hier kommt also die Theorie der relationalen Identität ins Spiel?

Shapiro: Die Theorie der relationalen Identität ist eine einfache Idee, die sich aus einem Rätsel ergab, das ich nicht lösen konnte: Wie können Parteien in identitätsbasierten Konflikten jemals zu einer Lösung kommen, ohne dass es zu einem regelrechten Völkermord, einer Auslöschung der einen Seite durch die andere kommt? Wenn man davon ausgeht, dass Identität eine feste Größe ist, gibt es im Extremfall keinen anderen Ausweg. Entweder man akzeptiert sie oder man löst sie auf. Durch meine internationale Arbeit und ein tiefes Eintauchen in die Forschungsliteratur über Identität wurde mir dann klar, dass es viele verschiedene Arten von Identität gibt. Eine Art von Identität bezeichne ich als Kernidentität. Sie bezieht sich auf die Merkmale, die Sie als Person oder Gruppe ausmachen. Das sind Ihre Überzeugungen, Rituale, Werte, emotional bedeutsame Erfahrungen und so weiter. Ihre Kernidentität ist ziemlich fest. Ich kann meine Werte oder Überzeugungen ändern, aber das ist nicht einfach, und es gibt viele Widerstände dagegen.
Mein intellektueller Durchbruch war, als mir klar wurde, dass wir noch eine andere Art von Identität haben, die fließender ist – die Beziehungsidentität. Diese bezieht sich auf die Merkmale, die definieren, wer ich im Verhältnis zu Ihnen bin. Während meine Kernidentität ziemlich fest ist, ist meine Beziehungsidentität viel fließender. Wenn Sie an eine Ehe denken, hat jeder Ehepartner seine eigenen Werte – das ist Teil seiner Kernidentität und lässt sich nur schwer ändern. Aber sie können viel tun, um ihre Beziehungsidentität so zu verändern, dass jeder sich emotional näher und freier fühlt, so zu sein, wie er es in seiner Ehe gerne wäre. Für mich wurde die Idee der Beziehungsidentität extrem spannend, weil ich erkannte: Wenn wir die grundlegenden Bestandteile einer Beziehung herausfinden können, können wir Methoden entwickeln, um die strukturelle Essenz belasteter Beziehungen zu verändern.

ZOE: Das ist auch der Punkt, an dem der Begriff des Raums zwischen den Konfliktparteien ins Spiel kommt? Das scheint für den Ansatz, den Sie bei der Konfliktlösung verfolgen, wesentlich zu sein.

Shapiro: Absolut, mein Interesse liegt darin, was den Raum zwischen den Parteien definiert. Es gibt mich, es gibt Sie, und dann gibt es unsere Beziehung. Wie definiert sich dieser Raum zwischen uns? Wir alle nehmen diese Phänomene wahr, aber wir geben ihnen selten einen Namen und verstehen sie nur selten. Wir alle haben schon einmal die Erfahrung gemacht, dass wir uns mit einem engen Kollegen  zusammensetzen und ein gutes Verhältnis zu ihm haben, und dann gehen wir in eine andere Sitzung mit einem Kollegen, den wir verachten, und spüren plötzlich dieses hässliche Gefühl in uns. Dieser Beziehungsraum ist getönt, gefärbt, auf unterschiedliche Weise gemalt, und das hat meine Neugierde geweckt. Was ist es, das diesen Raum psychologisch definiert? Einige der Theorien, die ich seither entwickelt habe, haben versucht, einige dieser Faktoren herauszufinden.

ZOE: Welches sind die Identitätsfaktoren, die wir bei der Konfliktlösung oder in einem guten Dialog beachten müssen?

Shapiro: Ein wichtiges Element ist die Zugehörigkeit – die emotionale Verbindung. Gute Mediatoren und Mediatorinnen arbeiten sehr effektiv daran, den Parteien zu helfen, die Verbindung wiederherzustellen, zumindest so weit, dass eine produktive Problemlösung möglich ist. Ein weiteres wichtiges Element ist die Autonomie – Menschen möchten sich in einer Beziehung frei fühlen, so zu sein, wie sie wollen. Sie mögen es nicht, wenn man ihnen etwas aufzwingt. Diese beiden Variablen – Zugehörigkeit und Autonomie – scheinen für das Konzept einer Beziehung von wesentlicher Bedeutung zu sein, ganz gleich, ob man die Dynamik einer Ehe oder sogar die Beziehungen zwischen identitätsbasierten Gruppen untersucht.

ZOE: Wie können Manager*innen oder Beratende bei organisatorischen Spannungen, Paradoxien und Konflikten die relationale Identität praktisch nutzen, um Unterstützung zu bieten und Organisationen zu helfen, voranzukommen?

Shapiro: Wenn ich in eine Organisation gerufen werde, neige ich dazu, meine Intervention anhand der drei Verhandlungsebenen zu strukturieren. Auf der ersten, der rationalen Ebene, helfe ich Führungskräften, die Grundlagen interessenbasierter Verhandlungen zu verstehen, indem ich sie dabei unterstütze, eine Sprache und Instrumente zu entwickeln, um optimale Ergebnisse zu verhandeln.

ZOE: Die zweite Verhandlungsebene adressiert dann wohl das Verstehen der emotionalen Dimension?

Shapiro: Der Schlüssel dazu liegt meiner Meinung nach darin, Organisationen zu helfen, Emotionen nicht mehr als Gefahr oder Hindernis, sondern als potenziellen Vorteil zu betrachten. Das Grundgerüst, das ich zum Thema Emotionen lehre, heißt Core Concerns Framework. Vor vielen Jahren haben Roger Fisher und ich ein Buch mit dem Titel «Beyond reason» veröffentlicht. Darin warfen wir die entscheidende Frage auf: «Wie sollte man mit Emotionen umgehen, wenn man verhandelt?» Wir stellten fest, dass die meisten Verhandlungsführer nicht weiterkommen: Einerseits kann niemand seine Emotionen loswerden. Sie sind Teil unserer menschlichen Natur. Aber gleichzeitig ist der Umgang mit Emotionen äußerst kompliziert! Die meisten von uns haben nicht den Luxus der Zeit, die Sigmund Freud hatte, als er jahrelang mit Patienten oder Patientinnen auf der Couch arbeitete und Träume, Wünsche und Ängste sezierte. Verhandlungsführer haben diese Zeit nicht – und sie müssen sich neben den Emotionen mit vielen anderen inhaltlichen Fragen befassen. Roger und ich haben das Core Concerns Framework als praktische Methode für Verhandlungsführer entwickelt, um die Macht der Gefühle zu nutzen. Das Modell zeigt, wie positive Emotionen in einer Verhandlung stimuliert werden können. Die Auswirkungen sind enorm: Die Parteien werden innovativer, geben mehr Informationen weiter, engagieren sich stärker für den Prozess und das Ergebnis und sind einander gegenüber loyaler. Die Beziehung verbessert sich – selbst in strittigen Situationen. Man erhält all diese erstaunlichen Vorteile, wenn man die positiven Emotionen einbringen kann.

ZOE: Sie konzentrieren sich also weniger auf Emotionen, sondern auf Grundbedürfnisse?

Shapiro: Ganz genau. Das ist die verborgene Kraft des Modells! Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf einige wenige Grundbedürfnisse, die in Verhandlungen viele Emotionen auslösen. Roger und ich haben fünf  Grundbedürfnisse formuliert, von denen wir festgestellt haben, dass sie am stärksten zur Verbesserung von Verhandlungen beitragen: Wertschätzung, Autonomie, Zugehörigkeit, Status und Rolle. Wenn man mit diesen fünf Kernanliegen effektiv umgehen kann, stimuliert man positive Emotionen und erzielt positive Auswirkungen auf die Beziehung und das inhaltliche Ergebnis. Dieses Modell hat sich als äußerst effektiv erwiesen, von den höchsten Ebenen der Regierung und der Wirtschaft bis hin zu den Erfahrungen des täglichen Lebens.

ZOE: Sie stellen den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. In Organisationen haben wir unter anderem Rollen, Hierarchien und formale Rahmenbedingungen. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?

Shapiro: Jedes Mal, wenn ich eine Organisation berate, erkenne ich, dass ich ihre Welt, ihre Kultur, ihre Art, Dinge zu tun, betrete – und das wird zu einer nützlichen Information für die Diagnose potenzieller Quellen von Konflikten und Dysfunktionen. Ich erinnere mich, dass ein Kollege und ich vor Jahren gebeten wurden, eine Bank zu beraten. In einer ihrer wichtigsten Abteilungen hatten die Mitarbeitenden Konflikte miteinander, es gab passiv-aggressives Verhalten, und all das stand der Effizienz der Organisation im Wege. Der Leiter der Abteilung lud uns zu einer Beratung ein und sagte zu uns: «Mein Team muss Verhandlungsgeschick lernen! Sie sind nicht geschickt genug!» Mir war sofort klar, worauf er die Schuld schob: auf die Fähigkeiten seiner Untergebenen. Während unseres Workshops beobachtete ich außerdem die Interaktionen dieser wohlmeinenden Führungskraft mit ihrem Team. Es wurde deutlich, dass alle ihn als autoritäre Führungskraft betrachteten und Angst hatten, etwas zu sagen, was seiner Meinung zuwiderlaufen könnte. Sie wollten ihren Job und ihr Ansehen in der Organisation nicht verlieren.
Was sollten wir als Berater nun tun? Wir wurden hinzugezogen, um ein Verhandlungstraining anzubieten, nicht um den Leiter der Einheit zu coachen. Ich fühlte mich aber ethisch verpflichtet, meine Beobachtungen mit ihm zu teilen. Als wir den Workshop nach dessen Ende mit ihm nachbesprachen, führten wir ein behutsames Gespräch unter vier Augen, um ihm die potenziellen Auswirkungen seines sehr  entschiedenen Führungsstils auf die Arbeitskultur und das Arbeitsumfeld der Abteilung zu verdeutlichen. Das Bewusstwerden dieses Zusammenhangs gab ihm nun die Möglichkeit, sich zu entscheiden, wie er in Zukunft führen wollte.

ZOE: Bei all Ihrer Erfahrung mit komplizierten Gesprächen – was ist das Wesentliche an einem guten Dialog?

Shapiro: Bei einem guten Dialog geht es darum, sich die Sichtweise des anderen anzuhören – wirklich zu versuchen, ihn auf einer tiefen Ebene zu verstehen – und seine eigene Sichtweise respektvoll zum Ausdruck zu bringen. Das hört sich so einfach an – aber in der Realität eines Konflikts ist das extrem schwierig zu bewerkstelligen. Ein Beispiel dafür ist eine Übung, die ich im Laufe der Zeit entwickelt habe, die so genannte Stämme-Übung. Das erste Mal haben wir sie Mitte der neunziger Jahre in der Praxis erprobt, als es so aussah, als würde sich Mazedonien möglicherweise auf eine innenpolitische Krise mit möglicher Gewalt zubewegen. Wir wurden eingeladen, mit einigen der lokalen politischen Führer, Lehrer und anderen zu arbeiten, um ihnen zu helfen, die gefährliche Dynamik zu erkennen, auf die sie sich zubewegten, und um sie zu unterstützen, einen besseren Weg zu finden. Wir teilten die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip in acht verschiedene Gruppen ein. Jede Gruppe hatte die Aufgabe, ihre eigene Stammesidentität zu schaffen. Wir gaben ihnen eine Reihe von Fragen, um ihre Kernidentität zu definieren. Eine Stunde später kamen sie zurück und wir ließen sie ihre Stammesidentität mit dem Rest der Gruppe teilen. Dann wurde das Licht im Raum komplett schwarz und ein intergalaktischer Außerirdischer – jemand, der wie ein Außerirdischer gekleidet war – platzte in den Raum und sagte:«Ich bin ein intergalaktischer Außerirdischer. Ich bin gekommen, um die Erde zu zerstören. Ich werde euch eine Gelegenheit geben, diese Welt vor der völligen Zerstörung zu retten. Ihr müsst euch alle für einen Stamm entscheiden, der für immer der Stamm von allen sein wird, sonst wird die Welt zerstört.» Drei Runden später war die Welt zerstört.
Obwohl alle die Welt retten wollten, obwohl alle Teilnehmenden den Wert des guten Zuhörens und der Problemlösung kannten, entstand in diesem Raum die Dynamik des Konflikts – und die Welt explodierte. Sie waren schockiert. Als sie ihre Erfahrungen Revue passieren ließen, erkannten sie, dass diese Übung in vielerlei Hinsicht einen Mikrokosmos der Welt darstellte, auf die sie sich im wirklichen Leben zubewegten. Es war ein Weckruf, der diese lokalen Führungskräfte dazu motivierte, sich mehr für die Friedenskonsolidierung in ihrem Land einzusetzen.
Ich habe diese Übung seither Dutzende Male mit Gruppen unterschiedlichster Art auf der ganzen Welt durchgeführt, und fast immer wurde die Welt zerstört. Das hat mich tief getroffen. Denken Sie darüber nach: Im Laufe von buchstäblich 60 Minuten bilden Menschen eine fiktive Identität, mit der sie sich so sehr identifizieren, dass sie sich lieber an diese Identität klammern, als die Welt zu retten.

ZOE: Eine ziemlich entmutigende Erfahrung?

Shapiro: Die Übung hilft den Menschen, all die psychologischen Fallen zu erkennen, die Konflikte mit sich bringen können. Wir müssen nicht in diese Fallen tappen. Wir müssen uns ihrer bewusst sein und ihnen bewusst entgegenwirken. Die Übung mag im Moment entmutigend sein, aber die Lektionen sind eine Quelle der Hoffnung für einen besseren Umgang mit Konflikten im wirklichen Leben. Die wichtigste Lektion ist meines Erachtens, dass, wenn wir uns in unserer Identität bedroht fühlen, eine Reihe von emotionalen Dynamiken entstehen, um unsere Identität zu schützen. Aber dieselbe Dynamik kann die Beziehung zu unserem Gegenüber oft zutiefst schädigen und eine potenzielle Partnerschaft in eine feindselige Situation verwandeln. In dem Buch «Verhandeln» habe ich fünf dieser emotionalen Dynamiken identifiziert, die uns zu einer spalterischen Haltung verleiten. Ich nenne sie die «Fünf Verlockungen der trennenden Denkweise». Wenn Sie sich dieser Dynamiken bewusst sind, können Sie ihnen entgegenwirken.

ZOE: Was sind diese fünf Verlockungen?

Shapiro: Die erste ist das, was ich «Schwindel» nenne. Damit meine ich eine Bewusstseinsverschiebung, bei der wir emotional völlig in einen Konflikt hineingezogen werden. Wenn ich etwas sage, das Sie wirklich beleidigt, können Sie sehr schnell in ein Schwindelgefühl geraten. Es ist, als ob Sie in der Mitte eines Tornados festsitzen. Sie können nicht über die Grenzen des Tornados hinaussehen. Jetzt gibt es kein rationales Denken mehr – man steckt im Schwindel fest.

ZOE: Was wäre ein Beispiel?

Shapiro: Die Polarisierung in den Vereinigten Staaten. Versuchen Sie einmal, einen Demokraten und einen Republikaner, die unterschiedlich gewählt haben, zusammen an den Tisch zu bringen, um über Politik zu sprechen. Innerhalb von Sekunden schlägt der Blitz ein, und ihnen wird schwindlig. Sie hören nicht mehr zu. Selbst wenn sie rational zuhören wollen, sind sie im Schwindelgefühl gefangen.

ZOE: Was ist die zweite Verlockung?

Shapiro: Der Zwang zur Wiederholung. Einfach ausgedrückt: Wenn wir uns in unserer Identität bedroht fühlen, neigen wir dazu, dieselben dysfunktionalen Verhaltensmuster, die wir schon unzählige Male zuvor gezeigt haben, zu wiederholen. Wir streiten, kämpfen, brüllen, schreien oder behandeln den anderen mit Schweigen. Je mehr wir uns unserer dysfunktionalen Muster bewusst sind, desto bewusster können wir entscheiden, ob wir sie wiederholen oder ob wir neue Verhaltensweisen ausprobieren, die konstruktiver sind.

ZOE: Was ist die dritte Verlockung, und können Sie ein organisationales Beispiel nennen?

Shapiro: Tabus sind soziale Verbote. Was darf ich nicht sagen oder tun? Wenn man ein Tabu bricht, wird man oft von der Gesellschaft oder einer institutionellen Macht bestraft. Zurück zu meinem Beispiel vorhin in der Bank bei der Zusammenarbeit mit dem Bankdirektor: Ich habe ein Tabu gebrochen, indem ich dem Direktor der Abteilung meinen Rat angeboten habe. Er hatte mich nicht um diesen Rat gebeten. Damit riskierte ich, dass er mich nicht mögen und mich dafür beschimpfen könnte, dass ich den Rahmen meiner Rolle sprengte. Aber ich fühlte mich ethisch verpflichtet, ihm meine Beobachtungen mitzuteilen. Ich bin ein Risiko eingegangen und habe ein Tabu gebrochen, zu einem Zweck, den ich für sinnvoll hielt.

ZOE: Und die vierte Verlockung?

Shapiro: Das ist ein Angriff auf das Heilige. Das ist ein Angriff auf das, was Ihnen zutiefst wichtig ist, seien es religiöse, spirituelle oder säkulare Überzeugungen oder Werte. Wenn Sie das Gefühl haben, dass ich das angegriffen habe, was Ihnen heilig ist – dann wird unsere Beziehung plötzlich feindselig. Wir bewegen uns auf diese trennende Denkweise zu.

ZOE: Welche ist die fünfte Verlockung?

Shapiro: Ich nenne sie Identitätspolitik. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird unter dem Begriff Identitätspolitik verstanden, dass es sich um eine Minderheitengruppe handelt, die sich um eine bestimmte Identität versammelt und mit Hilfe der Politik versucht, für ihre Rechte und Gleichstellung einzutreten. Das ist nicht ganz das, was ich meine. Meine Version von Identitätspolitik ist viel allgemeiner und pragmatischer. Für mich entsteht Identitätspolitik immer dann, wenn man versucht, mit Hilfe der Identität politische Entscheidungen zu beeinflussen. Politische Führer bedienen sich oft der Identitätspolitik, wenn sie sagen: «Wir müssen uns alle vereinigen!» Normalerweise ist dieses «Wir» eine Auswahl von Gesellschaftsmitgliedern, die sie unter einer politischen Identität vereinen wollen, um einen politischen Zweck zu erreichen. Das «Wir» ist exklusiv. Man kann Identitätspolitik zum Guten oder zum Schlechten nutzen. Mandela nutzte sie zum Guten, und zwar auf eine sehr integrative Weise. Er wies darauf hin, dass «wir» – jeder in der Gesellschaft – uns zusammenschließen müssen, um die Gesellschaft zu verändern. Er und Erzbischof Tutu stützten sich auf die Philosophie des Ubuntu, dieses wunderbare traditionelle afrikanische Konzept, das besagt, dass die Menschheit miteinander verbunden ist, um die Gesellschaft in der Zeit nach der Apartheid zu vereinen.

ZOE: Wie werden die Menschen auf diese Verlockungen aufmerksam?

Shapiro: Indem man den Rahmen lehrt. In meinem Buch «Verhandeln» beschreibe ich jede einzelne Verlockung ausführlich und mein Ziel ist es, dass das Modell so weit wie möglich verbreitet wird. Je mehr Menschen diese Konzepte verstehen, desto mehr Macht haben sie, ein bisschen mehr Frieden in unsere Welt zu bringen. Ich habe das Modell bei vielen scheinbar unlösbaren Konflikten mit Erfolg eingesetzt. Ich erinnere mich an einen Workshop, den ich vor nicht allzu langer Zeit mit einer Gruppe von israelischen und palästinensischen Diplomaten leitete und in dem wir über diese Verlockungen sprachen. Eine Woche nach dem Workshop erhielt ich eine E-Mail von einer der Diplomatinnen. Sie schrieb mir, dass sie an einem offiziellen diplomatischen Tisch mit der anderen Seite saß und die meiste Zeit ein freundschaftliches und produktives Gespräch führte. Doch plötzlich seien sie bei einem der heikleren Themen angelangt. Sie sagte, dass sie plötzlich merkte, dass sie in einen Schwindel gezogen wurde. Doch anstatt einfach nur zu reagieren und sich zu wehren, wurde sie sich ihrer eigenen emotionalen Dynamik bewusster. Sie berichtete dann, dass sie sich selbst eine wichtige Frage stellte: «Will ich mich wirklich dem Schwindel hingeben?» Sie beschloss, dies nicht zu tun. Sie schrieb mir, dass es ihr Ziel sei, sich auf einige politische Ziele zu einigen, und dass eine zu starke Emotionalisierung am Verhandlungstisch sie daran hindern würde, dieses Ziel zu erreichen. Kurz gesagt, das Bewusstsein für den Schwindel half ihr, ihre Ziele zu erreichen. Ich war beeindruckt von ihrem Verhandlungsansatz. Sie war in der Lage, am Verhandlungstisch effektiver zu sein, weil sie nun über eine Sprache verfügte – ein Wort namens Schwindel –, um ihre emotionale Erfahrung zu benennen, was ihr wiederum die bewusste Kontrolle darüber gab, ob sie sich deren Auswirkungen beugen wollte. Sie entschied sich dagegen, was sich letztendlich positiv auf den Verhandlungsprozess auswirkte.

ZOE: Vielen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.

Daniel L. Shapiro
Founder and Director, Harvard International Negotiation Program; Associate Professor of Psychology, Harvard Medical School/McLean Hospital; Deputy Director, Harvard Negotiation Project, Harvard Law
School

Prof. Dr. Thomas Schumacher
ZOE-Redakteur, Professor für Organisation und Führung an der KH Freiburg, Programmleiter und Co-Leiter Management Lab an der HBM Unternehmerschule der Universität St. Gallen, Partner osb international, Verwaltungsrat Max Zeller Söhne AG

 

Literatur:

• Fischer, R. & Shapiro, D. (2005). Beyond Reason. Using Emotions as You Negotiate, Penguin Books.
• Fischer, R. & Shapiro, D. (2019). Erfolgreicher verhandeln mit Gefühl und Verstand, 2. Aufl., Campus.
• Shapiro, D. (2018). Verhandeln. Die neue Erfolgsmethode aus Harvard, Campus.


Viel hilft meist nicht viel

Fokussierter Change statt Überforderung

Die Frage ist nicht neu und dennoch wiederholt sie sich seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit, befeuert von Statistiken zum Erfolg von Change-Programmen in der Wirtschaft: Woran liegt es, dass nur etwa ein Viertel der Vorhaben so gelingt, wie beabsichtigt, hingegen drei Viertel entweder nicht oder nur teilweise liefern, und das oft mit großer Verzögerung und explodierenden Kosten? Dieser Artikel macht zwei Hauptursachen dafür aus und elaboriert sie.

Die Welt steht Kopf und diejenigen, die Orientierung geben sollen, verzetteln sich. So könnte man die Situation in vielen Unternehmen beschreiben, die angesichts der gegenwärtigen Multi-Krisen-Situation herrscht: Ein Change-Programm jagt das nächste – in der Hoffnung auf den Befreiungsschlag, der doch endlich kommen und vom Übel der Überforderung, des andauernden Umsteuerns und unzufriedenstellender unternehmerischer Performance erlösen möge. Doch er kommt nicht. Das Hin- und Her-Wechseln zwischen Organisationsformen in kurzen Zyklen, die x-te Verfeinerung von Unternehmensprozessen, das Implementieren von Hype-Themen wie Agilität, New Work und Diversity scheint jedes Mal wieder die Chance auf Lösung mit sich zu bringen. Meist jedoch steht am Ende nur eine weitere Enttäuschung, wenn groß angekündigte und werbewirksam inszenierte Ziele nicht erreicht und behindernde Kernursachen nicht beseitigt werden.

Die Statistik dazu ist eindeutig: Nur etwa ein Viertel der Change-Vorhaben in der Wirtschaft gelingt (Sackmann & Schmidt, 2018). Diese Quote ist seit Jahren unverändert und sie sollte alarmieren, denn dahinter stehen handfeste wirtschaftliche Nachteile. Schließlich werden Veränderungen in Unternehmen nicht aus Jux und Tollerei angegangen, sondern aus genau einem Grund: um einen unternehmerischen Nutzen und damit einen Vorteil am Markt zu schaffen. Kommt dieser später als geplant oder schlimmstenfalls gar nicht, öffnet das Tür und Tor für Erfolge der Wettbewerber. Der Blick auf prominente Unternehmen wie Quelle, Neckermann, Mediamarkt-Saturn und andere zeigt das drastisch. Die Insolvenzen von Görtz, Hakle und Leoni sind neuere Beispiele.

Doch das Alarmieren scheint auszubleiben. Stattdessen herrscht offenbar die Vorstellung, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu können. Hat das eine Transformationsprojekt nicht funktioniert, wird ein neues ausgerufen, das die Nachteile des vorherigen beseitigen soll. Darauf das dritte, vierte usw. Geschichten wie die eines Automobilzulieferers, der zunächst Hand an seine Prozesse gelegt, dann Lean-Management eingeführt, eine Qualitätsoffensive durchgezogen, fundamental umorganisiert, agile Methoden ausgerufen hat und jetzt auf Führung und Team-Diversity schaut, sind eher die Regel als die Ausnahme. Darüber vergehen zehn oder mehr Jahre, während das Personal immer noch über ähnliche fundamentale Schwächen klagt wie vor dieser Flut an Veränderungsmaßnahmen.

Vielfalt und Komplexität
Dazu passt das Phänomen, dass ob des rapiden technologischen und gesellschaftlichen Wandels, dem Unternehmen ausgesetzt sind, die Anzahl an Transformationsprogrammen geradezu explodiert ist, während gleichzeitig deren Laufzeiten kürzer und kürzer werden sollen. Der Bereichsleiter eines Energie-Unternehmens beklagte jüngst, dass er angesichts der schieren Menge der laufenden Change-Initiativen keinen Durchblick mehr hätte und nicht mehr in der Lage sei, für seine Teams vernünftig zu priorisieren. Neben drei konzern- und zwei bereichsweiten großen Programmen liefen noch mindestens zehn kleinere Vorgänge.
Was dann passiert, liegt auf der Hand: Die Programme kannibalisieren sich gegenseitig, buhlen konkurrierend um Aufmerksamkeit und Ressourcen. Wer am lautesten schreit und den größten Druck übers Management aufbaut, findet temporär Gehör. Kann das funktionieren? Natürlich nicht. Der Effekt ist Beliebigkeit: Es spielt keine Rolle, welches Vorhaben gelingt, und das oft über Jahre hinweg. Dieser Zustand kommt einem «Change-Overkill» gleich und ist unternehmerisch hoch kontraproduktiv. Ihn herbeizuführen ist leicht, das Rezept steht oben. Aus ihm herauszukommen, ist hingegen anstrengend und mühsam. Hauptursache Nummer eins für die geringe Erfolgsquote von Veränderungen ist also eine unüberschaubare Vielfalt und Komplexität der Change-Programme, die nicht mehr verstanden wird – weder von der Unternehmensleitung noch von den Führungskräften noch von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern –, und die dazu führt, dass der unternehmerische Nutzen aus dem Blick gerät.

Fehlendes Verständnis
Sind Menschen dieser Situation über lange Zeit hinweg ausgesetzt, reagieren viele von ihnen mit Change-Müdigkeit. Sie geben es auf, die Zusammenhänge verstehen zu wollen, warten an der Seitenlinie ab und sehen zu oder machen gar Dienst nach Vorschrift. Dass sich darin ein Vertrauensverlust in diejenigen ausdrückt, die mit einer derart untauglichen Change-Architektur hantieren, wird meist nicht bemerkt. Dem Gelingen scheinen ja sachliche Gründe entgegenzustehen. Dann muss man sich eben gemeinsam mehr anstrengen und alles öfter erklären. Doch dieses Sich-Anstrengen kann nicht zum Erfolg führen, denn es ist wie der Versuch des Fahrens mit Vollgas bei gleichzeitig angezogener Bremse. Das führt zur Hauptursache Nummer zwei: Es fehlen sowohl das Verständnis dafür als auch der Fokus darauf, was Menschen brauchen, um sich auf Veränderungen einzulassen – oder anders gesagt: was sie treibt und dazu veranlasst, sich zu bewegen und gewohnte Pfade zu verlassen.

«Hat das eine Transformationsprojekt nicht funktioniert, wird ein neues ausgerufen.»

Dabei geht es am Ende durchwegs um Verhaltensänderungen, also um ein «heute so» und «morgen anders», ohne die es keinen wirksamen Change geben kann. Wer schon einmal versucht hat, mehr Sport zu machen, abzunehmen oder mit dem Rauchen aufzuhören und es dann doch nicht getan oder nicht durchgehalten hat, weiß, wie hoch die Hürde für eine konsequente Verhaltensänderung ist. Überforderung und Vertrauensverlust sind definitiv keine geeignete Basis dafür.

Lösung I: Fokus auf unternehmerischen Nutzen

Im Grunde ist die Logik einfach: Der Dreh- und Angelpunkt jedes Change-Programms ist der angestrebte unternehmerische Nutzen. Woher auch sonst sollte die Motivation dafür kommen? Dieser Nutzen kann sehr vielfältig sein: Eine effizientere Projektbearbeitung, die die Gewinnmarge erhöht, fällt genauso darunter wie die Vereinfachung der Produktarchitektur, die Ausfallraten und damit Gewährleistungskosten senkt, oder die Hinzunahme neuer Marketingkanäle, die zu mehr Anfragen und Verkäufen führt. Nicht darunter fallen hingegen die Einführung eines neuen Werkzeugs oder einer neuen Methode um ihrer selbst willen oder das blinde Nachahmen dessen, was Wettbewerber tun, im Sinne von «me too». Auch eine persönliche Vorliebe oder Meinung, und sei sie noch so stark, ist kein Hinweis auf den unternehmerischen Nutzen. Beispiele für fehlenden Nutzen könnten unzählige aufgeführt werden. Ganz prominent sind «Agilität einführen» oder «New Work einführen» mit einer diffusen Vorstellung davon, was nach der Einführung anders ist als vorher. Kurze Iterationszyklen, mehr Kundenorientierung und Team-Empowerment sollen daraus resultieren, eine höhere Motivation und Wertschätzung werden auch gerne genannt. Das hört sich zwar gut und erstrebenswert an, doch es ist durch die Bank kein unternehmerischer Nutzen und taugt folglich nicht zur Motivation von Veränderungsaktivitäten.
Es muss also entweder weiter gedacht werden, etwa mit der Frage, welcher Mehrwert aus kurzen Iterationszyklen folgt und woran er festgemacht werden kann, oder der Rotstift angesetzt werden. Es könnte sein, dass der Hype «Agilität» nicht zum aktuellen Entwicklungsstand des eigenen Unternehmens passt oder nicht den Nutzen verspricht, den die Literatur anpreist. Dann heißt es, die Finger davon zu lassen, und wenn die Wettbewerber noch so stark darauf setzen.

 

Kein Change ohne Nutzen
Der Mehrwert von Change- und Transformations-Prozessen muss also unmissverständlich klar sein, um darin zu investieren. So bestechend einfach und nachvollziehbar diese Logik ist, so sehr wird sie in der Praxis verwässert. Erfahrungsgemäß ist bei der Vielfalt der Veränderungsaktivitäten in Unternehmen nur für weniger als die Hälfte der Vorgänge klar, was sie bringen sollen. Ein einfaches Gedankenspiel kann erste Hinweise auf die Situation in der eigenen Organisation geben: Man stelle sich nacheinander die gerade laufenden Change-Initiativen vor. Welche davon soll welchen Nutzen liefern? Die Antworten müssen wie aus der Pistole geschossen kommen. Tun sie es nicht, besteht zumindest Klärungs-, oft auch Handlungsbedarf. Für jede Veränderungsaktivität muss zweifelsfrei klar sein, welcher Vorteil daraus folgt. Diesbezüglich dürfen keine Unklarheiten bestehen bleiben, denn auf dem Fundament des Nutzens baut alles Weitere auf: Die Ziele und die Strategie des Change-Programms, das Einschätzen des Fortschritts und der Zielerreichung wie auch die Führung und die Kommunikation. Der zu erreichende unternehmerische Nutzen ist die einzige Legitimation für  Veränderungen. Es sei angemerkt, dass der Nutzen nicht unmittelbar ein monetärer sein muss, auch wenn ein grobes Überschlagen hilft. Geht es beispielsweise um ein Programm zur Förderung der Bindung ans Unternehmen, ist es angeraten, sich die unterschiedlichen Effekte klarzumachen, die davon zu erwarten sind – neben der offensichtlichen Einsparung beim Recruiting.
Was also ist zu tun? Erstens, das konsequente Filtern der Change-Vorgänge mit Blick auf ihren unternehmerischen Mehrwert (siehe Kasten). Zweitens, das ersatzlose Streichen derjenigen Vorgänge, deren Mehrwert in Zweifel steht. Drittens, das Konzentrieren mit aller Kraft auf diejenigen Vorgänge, die die eigene Organisation wirklich voranbringen. Das klingt eingängig und nachvollziehbar? Das ist es auch. Das ist leicht umzusetzen? Oft nicht so einfach, wie es klingt. Unterschiedliche Interessenslagen im Management-Team, Ängste und andere Befindlichkeiten spielen dagegen, bisweilen sogar recht massiv. Mittels solcher Entscheidungen werden Machtkämpfe in Unternehmen ausgetragen und Politik gemacht. Das Verfolgen der Devise «ohne klaren Nutzen kein Change-Programm» braucht ggf. härtere Bandagen und Durchhaltevermögen.

Überlastung vermeiden
Die weiteren Vorteile dieser konsequenten Haltung sind das Freiwerden von Ressourcen und das Entkommen aus dem sich immer schneller drehenden Hamsterrad des Change-Overkills. Wenn eine Auswirkung der Krisen der letzten Jahre prominent im Vordergrund steht, dann ist es die Überlastung von Organisationen und der Menschen darin. Dieser könnte mit bewusster Fokussierung und Entlastung entgegengetreten werden, stattdessen ist ein erratisches Anstoßen von Change-Programmen nach dem Motto «viel hilft viel» verbreitet. Das ist vor dem Hintergrund der Ungewissheit in Krisen und damit einhergehender Ängste zwar erklärbar, verstärkt jedoch die Überforderung. Abhilfe schafft das Fokussieren auf den unternehmerischen Nutzen. Wird die Landschaft der Veränderungsvorhaben im eigenen Unternehmen um die Hälfte ausgedünnt und auf das Wesentliche konzentriert, das tatsächlich entscheidend weiterhilft, folgt eine deutliche Entlastung für Führungskräfte wie auch für ihre Teams. Zudem entsteht dadurch ein Gewinn an Klarheit für den unternehmerischen Kurs. Genau dort geht es lang.

Lösung II: Fokus auf Menschen

Kaum wird ein Change-Programm angekündigt, schon reagieren Führungskräfte wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ganz unterschiedlich darauf. Die einen freuen sich über die schon lange überfällige Veränderung und gehen begeistert mit, die anderen wollen nichts davon wissen und lassen keine Gelegenheit aus, ihre Missbilligung kundzutun sowie dagegen zu arbeiten. Dazwischen gibt es jede Menge weiterer Positionen. Dabei ist klar: Solange der einzelne Mensch in seinem Denken und Verhalten nichts verändert, sondern morgen genauso denkt und handelt wie heute, bleibt alles beim Alten. Dazu kommt, dass die einzelnen Menschen nicht unabhängig voneinander agieren, sondern Teil des durchaus komplexen sozialen Systems «Unternehmen» sind, in dem es Beziehungen und Abhängigkeiten gibt, eine Historie und gespeicherte Erfahrungen sowie die Fähigkeit der Selbststabilisierung. Letztere ist etwa bei einem Führungswechsel beobachtbar: Die davon Betroffenen richten ihr Verhalten zügig an den neuen Macht- und Einflussstrukturen aus, unabhängig davon, ob das unternehmerisch günstig und so gewünscht ist. Zudem sind Menschen aus konstruktivistischer Sicht als autopoietisch zu verstehen (Stangl, 1989). Das bedeutet, dass der Einzelne seine Existenz und sein Verhalten aus sich heraus erzeugt, seine Zustände und Zustandsänderungen selbst steuert, seine Beziehung zu seiner Umgebung selbst wählt und gegenüber dieser autonom ist. Oder anders gesagt: Jeder Mensch entscheidet basierend auf seiner eigenen Wahrnehmung über den Sinn und die Machbarkeit einer anstehenden Transformation. Jeglicher Versuch des Verordnens oder Überstülpens von Veränderungen muss also fehlschlagen. Vielmehr kommt es darauf an, das Angebot «Change» so zu gestalten, dass es eher anzieht als abstößt.

Emotionen sind der Schlüssel
Wie geht das? Die Grundhaltung dazu ist, Change-Programme so anzugehen, dass Menschen bereit sind, Selbstveränderungen zu initiieren, die günstig sind für die gewünschte unternehmerische Richtung – also den Fokus auf das zu legen, was Menschen brauchen, um sich auf Veränderungen einzulassen. Entscheidend dafür ist das Verständnis, dass Menschen sich dann bewegen, wenn sie emotional dabei sind (Lederer, 2022). Sind sie nur rational dabei, bewegen sie sich nur mit Mühe (siehe Kasten S. 57). Zwar ist diese Erkenntnis nicht neu, gleichwohl fehlt in der Regel das Verständnis dafür und folglich auch die Umsetzung. «Bei uns wird rational und sachorientiert entschieden, Gefühle haben dabei nichts verloren», ist die überwiegend anzutreffende Einstellung; also Sachorientierung statt Menschenorientierung. Damit ist in puncto Change kein Staat zu machen. Die Notwendigkeit der emotionalen Zustimmung zu ignorieren, ist die prominenteste Ursache für die geringe Erfolgsquote von Veränderungsvorhaben. Menschen sind keine hochgradig rationalen Wesen, denen man nur erklären müsste, was warum nötig ist, damit sie gewohnte Verhaltensmuster ändern. Unzählige Veränderungsprogramme, in denen es nicht oder nur sehr zäh vorangeht, sprechen eine deutliche Sprache. Sowohl Sachorientierung als auch Menschenorientierung ist die Lösung.

 

Die Salutogenese hilft
Damit stellt sich die nächste Frage: Wie kann emotionale Zustimmung erreicht werden? Eine überaus nützliche Handreichung dafür sind die Prinzipien der Salutogenese, die auf Forschungen des amerikanisch-israelischen Medizin-Soziologen und Stressforschers Aaron Antonovsky zurückgehen (Antonovsky, 1997). Deren essenzieller Kern ist, dass es Menschen gut geht und sie ein Grundvertrauen darin empfinden, an sie gestellte Anforderungen bewältigen zu können, wie etwa diejenigen, die aus Change-Programmen kommen, wenn Sinnhaftigkeit, Verstehbarkeit und Handhabbarkeit gegeben sind – und zwar aus der individuellen Perspektive des und der Einzelnen. Die Summe dieser drei Aspekte nennt Antonovsky Kohärenzgefühl. Das Spannende daran ist die Einfachheit bei gleichzeitiger Wirksamkeit, mit der diese Prinzipien in der Praxis anwendbar sind. Im Grunde wird daraus ein Filter, mit dem sämtliche Aspekte und Aktivitäten einer Change-Initiative bewertet werden können (siehe Kasten). Sowohl mit Blick auf die Veränderungsstrategie als auch auf Führung, Kommunikation, Umsetzung etc. fragt man sich, ob aus Sicht der Betroffenen Kohärenz gegeben sein kann, und steuert nach, falls nicht. Die gute Nachricht: Die konsequente Anwendung bringt unmittelbar voran. Die schlechte: Man wird auf Widerstände treffen, denn es fehlt oft an Sensibilität und Einsicht dafür, dass derartiger «Psychokram» helfen kann. Eine von oben verkündete Veränderungsstrategie sowie eine Reihe Change-Manager und -Workshops werden es schon richten, oder? Nein, das werden sie nicht. Kohärenz entsteht u. a. dann, wenn Führungskräfte ihren Teams vermitteln können, was sich an ihren täglichen Abläufen  verändert, mit welchen Mitteln diese Veränderungen umgesetzt werden und wie das zum gewünschten unternehmerischen Nutzen beiträgt. Die Erfolgsaussichten derart getrimmter Transformationsprozesse steigen signifikant, da via des Abklopfens auf Kohärenz bereits im Vorfeld die Weichen Richtung hoher Akzeptanz gestellt werden. Umgekehrt ist bei schiefgehenden Veränderungen zu beobachten, dass mindestens eines, häufig
sogar zwei oder alle drei Kohärenzprinzipien nicht erfüllt sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

Cut-off-Punkt
Ein weiterer Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit: Das Vermeiden von Überforderung beim Change, und zwar sowohl des Unternehmens als Ganzes wie auch des Managements und der Belegschaft. Überforderungsvermeidung ist sowohl im Kontext des Fokussierens auf den unternehmerischen Nutzen relevant, siehe oben, als auch mit Blick auf das menschenorientierte Gestalten von Change. Dabei spielen einerseits Kontextwechsel aufgrund von Unterbrechungen der «regulären Arbeit» durch vielfältige Change-Aktivitäten eine Rolle. Diese führen nicht nur zu einem Mehrbedarf an Zeit und Ressourcen aufgrund der erforderlichen Re-Fokussierung, sondern auch zu einem gesteigerten Stressempfinden (Starker et al., 2022). Zwar sind die Effekte solcher Kontextwechsel bekannt, doch wird in Transformationsprozessen kaum Rücksicht darauf genommen. Gang und gäbe ist die Metapher vom «Umbau des Vehikels bei voller Fahrt», die die sofortige produktive Anwendung des Neuen erwartet, ohne Spielraum dafür einzuräumen – offensichtlich eine Illusion.
Andererseits bedeutet das Sich-Einlassen auf Veränderungen, unbekanntes Terrain zu beschreiten und damit per se Unsicherheit und Belastung. Die Neurobiologie verweist darauf, dass unser Gehirn viel leichter und mit deutlich geringerem Energieaufwand gewohnte Pfade beschreitet als neue (Roth, 2007). Das Bilden neuer Verknüpfungen im Gehirn braucht Aufmerksamkeit und Wiederholungen. Kein Wunder also, dass Überforderung ein schlechter Ratgeber für Change-Prozesse ist und dem Beibehalten eingeübter Arbeitsweisen bzw. dem Rückfall dazu Tür und Tor öffnet. Daraus folgt: Wenn Veränderungen gelingen und zum «neuen Normal» werden sollen, braucht es Spielraum. Weder mit Blick auf Kontextwechsel noch auf den Lernvorgang im Gehirn, funktioniert «viel hilft viel», ganz im Gegenteil. Der einzelne Mensch wie das ganze Unternehmen vertragen nur eine sehr begrenzte Anzahl an Change-Vorgängen, wenn der Fokus nicht verloren gehen und die Erfolgswahrscheinlichkeit hoch sein soll. Als Faustregel kann gelten: Zwei größere und zwei kleinere Change-Vorgänge sind der Cut-off-Punkt für den einzelnen Menschen, etwa zehn Prozent der Personalkapazität derjenige fürs ganze Unternehmen – siehe den Aspekt der Handhabbarkeit Handhabbarkeit aus der Salutogenese. Das überrascht viele Führungskräfte, wenn sie an ihre unüberschaubare «Change-Tapete» denken. Zudem kommt häufig das Argument, dass eine derartige Begrenzung zu langsam mache gegenüber dem Wettbewerb. Doch das zieht nicht, denn nichts macht langsamer als misslingende Change-Programme, von denen es gemäß Statistik nach wie vor viel zu viele gibt.

«Der einzelne Mensch wie das ganze Unternehmen vertragen nur eine sehr begrenzte Anzahl an Change-Vorgängen.»

Fazit

Es ist an der Zeit, den unternehmensschädlichen Trend mehrheitlich fehlschlagender Veränderungsprozesse umzukehren. Die konsequente Fokussierung auf deren unternehmerischen Nutzen sowie die  Berücksichtigung dessen, was Menschen brauchen, um neue Wege einzuschlagen, sind zwei wirksame Mittel der Wahl. Beide erlauben die einfache Bewertung von Change-Programmen hinsichtlich ihrer unternehmerischen Tauglichkeit. Diese Bewertung führt einerseits zur Reduktion der Change-Last in Unternehmen und andererseits zu einer deutlich höheren Erfolgsrate. Das ist nicht nur in Zeiten knapper Ressourcen eine Win-win-Strategie.

 

Dr. Dieter Lederer
Unternehmensberater, Executive-Coach, Autor und Investor Dr. Lederer Consulting GmbH

 

Literatur:

• Antonovsky, A. (1997). Salutogenese. dgvt.
• Lederer, D. (2022). Der Change-Code. Wiley.
• Roth, G. (2007). Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Klett-Cotta.
• Sackmann, S. & Schmidt, C. (2018). Change-Fitness-Studie 2018. Mutaree GmbH & Universität der Bundeswehr München.
• Schiffer, E. (2013). Wie Gesundheit entsteht. Beltz.
• Stangl, W. (1989). Das neue Paradigma der Psychologie. Vieweg.
• Starker, V., Bracht, E., Roos, K. & van Dick, R. (2022). Gehirngerechtes Arbeiten. OrganisationsEntwicklung, 4, 76-78.


Augenrollen inklusive

Veränderung und Widerstand in der öffentlichen Verwaltung

Dem öffentlichen Sektor wird in Bezug auf den Umgang mit Wandel eine große Abwehr und Beharrlichkeit nachgesagt. Sind die Unterschiede zwischen Unternehmen und Verwaltungsorganisationen tatsächlich so groß? Für die ZOE hat Marcus Quinlivan mit seinem Kollegen Torsten Dubbermann gesprochen, der beide Seiten gut kennt. Er war mehr als 20 Jahre Führungskraft im öffentlichen Sektor, zuletzt als stellvertretender Leiter einer Landesverwaltung mit 1.600 Mitarbeiter*innen und begleitet nun als Coach, Mediator und Organisationsberater sowohl privatwirtschaftliche Unternehmen als auch Verwaltungen in Change-Prozessen.

ZOE: Torsten, hier in Berlin schütteln viele Leute verständnislos mit dem Kopf, wenn es um die öffentliche Verwaltung in der Stadt geht – sie hat keinen guten Ruf. Du begleitest als Coach Veränderungsprozesse sowohl in Unternehmen als auch in der öffentlichen Verwaltung. Inwiefern unterscheidet sich denn der Umgang mit Veränderung in Unternehmen und der öffentlichen Verwaltung?

Dubbermann: Die Herausforderungen und Dynamiken rund um Veränderung sind in Unternehmen und der öffentlichen Verwaltung letztlich die gleichen. Der eigentliche Unterschied liegt im wirtschaftlichen Ziel der Organisation und damit meist auch der Veränderungen: Privatwirtschaftliche Unternehmen sind gewinnorientiert. Die öffentliche Verwaltung ist hingegen vor allem der Qualität und Rechtssicherheit ihrer Produkte verpflichtet.

ZOE: Wie kommt es denn, dass die öffentliche Verwaltung dabei als veränderungsträge wahrgenommen wird?

Dubbermann: Es stimmt ja, Veränderungen in der Verwaltung stoßen oftmals auf Widerstände. Das hat allerdings in aller Regel nichts mit persönlicher Verweigerungshaltung, mangelnder Motivation oder Unlust zu tun. Quelle von Widerstand ist oftmals die – berechtigte – Sorge um die Güte und Rechtssicherheit von Verwaltungsprodukten, also Bescheiden, Verfahren etc. Verwaltung ist dem Recht und Gesetz verpflichtet, insofern ist die Rechtssicherheit hier ein hohes Gut. Meiner Erfahrung nach sind die besagten Vorbehalte gegen Veränderung daher oft angebracht.

ZOE: Aber woher kommt denn üblicherweise der Anstoß für Veränderung?

Dubbermann: Antreiber für große Veränderungen in der öffentlichen Verwaltung kommen oft aus dem politischen Raum und ergeben sich aus der jeweiligen politischen Agenda. Das sind schon zwei recht unterschiedliche Perspektiven. Beide haben aber ihre Berechtigung und Wichtigkeit: Die Politik als Antreiber, um auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren, und die Verwaltung als Hüterin der rechtssicheren Umsetzbarkeit.

ZOE: Aber die Politik ist doch sicher nicht der einzige Treiber von Veränderungen in der öffentlichen Verwaltung. Welche Rolle spielen einzelne, engagierte Führungskräfte?

Dubbermann: Im Einzelfall spielen sie eine große Rolle, zumal wenn sie noch eher neu an der jeweiligen Stelle sind, dann gibt es immer wieder Führungskräfte, die sich energisch für bestimmte Veränderungen einsetzen. Klar, dass sie sich dabei an den Rahmen ihrer rechtlichen Aufgabenstellung halten müssen, aber mit so einer Rahmensetzung haben es Führungskräfte ja in jeder anderen Organisation ebenso zu tun. Und dann gibt es natürlich noch eine dritte Gruppe, die Veränderungen anstößt. Man darf nicht vergessen, welchen Stellenwert Mitglieder für eine selbstverwaltete Verwaltung haben.

ZOE: An welche Art von Selbstverwaltung denkst Du dabei?

Dubbermann: Nehmen wir zum Beispiel die gesetzliche Sozialversicherung, in der ich lange tätig war. Dort spielen die Arbeitgeber und die Versichertengemeinschaft eine enorme Rolle, sie haben sehr wohl eigene Interessen. Die wollen z. B., dass ihre Beiträge nicht allzu sehr steigen bei trotzdem guten Leistungen.

ZOE: Anlässe für Veränderung in der öffentlichen Verwaltung gibt es also verschiedene. Welche Reaktionen erlebst Du denn bei den Menschen, die in der öffentlichen Verwaltung arbeiten, wenn es um umfassende Change-Prozesse geht?

Dubbermann: Grundsätzlich ist allen Beteiligten klar, dass die politischen Machtverhältnisse sich alle vier, fünf oder sechs Jahre ändern können und dass damit Prioritätenwechsel einhergehen – das bedeutet dann eben auch Veränderungen für die öffentliche Verwaltung. Das gibt schon mal ein Augenrollen, ist aber grundsätzlich akzeptiert. Das ist ja Normalität, wird aber schon mal als aufgepfropft und praxisfern erlebt.

ZOE: Und, stimmt das? Wie gut informiert sind denn politische Entscheidungsträger*innen über die Funktionsweise und Spannungsfelder in der öffentlichen Verwaltung?

Dubbermann: Die Verwaltung wird oft als bloß ausführende Hand der Politik verstanden, aber das greift zu kurz. Die Anliegen, die ich von den Menschen dort immer wieder höre, sind elementarer Bestanteil gelebter Rechtsstaatlichkeit.

ZOE: Welche Aspekte genau sind denn das, die seitens der politischen Veränderungstreiber mehr Berücksichtigung finden sollten?

Dubbermann: Von außen werden leicht die zahlreichen Zielkonflikte übersehen, mit denen es die Verwaltung zu tun hat. Diese Zielkonflikte sind kein Unfall, sondern normal und notwendig. Nehmen wir zum Beispiel ein Digitalisierungsprojekt, wie es gerade viel vorkommt. Eines der wichtigsten Ziele ist dabei zunächst die Steigerung von Effektivität oder Effizienz. Dem gegenüber steht dann aber ein Ziel wie Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit.

ZOE: Das klingt vielleicht paradox – gehen Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit nicht in die gleiche Richtung?

Dubbermann: Nicht unbedingt. Neue IT-Lösungen versprechen mittel- und langfristig eine höhere Effizienz, also kostengünstigere Leistungen. Das Problem: Kurzfristig führen sie zu erheblichen Mehrkosten und einem Rückgang der Leistungen. Das steht im Widerspruch zur Sparsamkeit, die eher kurzfristig betrachtet wird. Man denkt in öffentlichen Verwaltungen weniger in Kategorien von «Return on Investment nach X Jahren», sondern achtet auf Haushaltsdisziplin, darauf, dass jährliche Budgets nicht überschritten werden. Das sind die Maßstäbe, und die werden im Grunde genommen durch einen gewissen Rechtsrahmen vorgegeben, je nachdem welches Finanzierungssystem vorliegt.

ZOE: Welche Finanzierungssysteme hast Du da im Sinn?

Dubbermann: Was einem als erstes in den Sinn kommt, sind natürlich Steuergelder. Die öffentliche Verwaltung hat es aber auch mit Beitragsgeldern von Mitgliedern zu tun, zum Beispiel in der Sozialversicherung. Und über diese Mittel dürfen Verwaltungen eben nur nach klaren rechtlichen Vorgaben verfügen. Hier wie da gilt: Die Betrachtungsweise ist häufig sehr periodenbezogen. Und aus dieser Perspektive sind Maßnahmen zur langfristigen Effizienzsteigerung für die aktuelle Finanzierungsperiode erst mal ein Rückschritt. Insofern stellen Effizienzsteigerungen und Sparsamkeit durchaus einen Zielkonflikt dar.

ZOE: Welche anderen typischen Zielkonflikte begegnen Dir in Veränderungsvorhaben in der öffentlichen Verwaltung?

Dubbermann: Nehmen wir als Beispiel das Spannungsverhältnis von Mitsprache und Effizienz. Einerseits haben wir zunehmend verbriefte Verpflichtungen zur Bürgerbeteiligung, man denke zum Beispiel an größere Baumaßnahmen im öffentlichen Raum. Das Thema Mitsprache betrifft aber genauso die Beteiligung des eigenen Personals aus personalvertretungsrechtlichen Gründen. Diese Formen der Beteiligung sind heute immer wichtiger – und sie werden aufwändiger. Dann wird schnell klar, dass Beteiligung Zeit und Geld kostet. Insofern hat die öffentliche Verwaltung mit einem Zielkonflikt zwischen Mitsprache und Effizienz zu tun, dem sie nicht entrinnen kann.

ZOE: Wenn ich es richtig verstehe, gab es diese Zielkonflikte schon immer. Es klingt so, als hätten sie aber in den letzten Jahren an Schärfe zugenommen.

Dubbermann: Das stimmt. Zielkonflikte gab es schon immer, aber die Schere geht weiter auf. Die Anforderungen an Verwaltung nehmen zu, der Wirtschaftlichkeitsdruck nimmt zu. Wir haben es heute mit mehr Regeln, einer höheren Komplexität und größerem Zeitdruck für Verwaltungsprozesse zu tun.

ZOE: Ich würde gerne auf die Digitalisierung zurückkommen, das dürfte ja eine der größten Umwälzungen in der öffentlichen Verwaltung nach sich ziehen. Wie steht es mit der Veränderungsbereitschaft in der öffentlichen Verwaltung in Digitalisierungsprojekten?

Dubbermann: Ein zentraler Zielkonflikt bei der Digitalisierung betrifft das Verhältnis von Komplexität und Standardisierung: Verwaltungen sind ja wie gesagt der Umsetzung von Recht und Gesetz verpflichtet. Das zugehörige Rechtssystem für öffentliche Verwaltung ist im Laufe der Zeit viel umfassender, viel komplexer geworden. Das macht es zunehmend schwieriger, ein rechtssicheres Produkt herzustellen. Gleichzeitig versucht man mit der Einführung von Software solche Produkte und die dahinterliegenden Prozesse zu standardisieren und zu vereinfachen. Im Idealfall sollten dafür natürlich bestehende Software-Lösungen zum Einsatz kommen. Solange es um klassische Querschnittsprozesse wie Human Resources oder Finance, Controlling geht, funktioniert das auch noch einigermaßen. Hier sind die Ähnlichkeiten zwischen der  Unternehmenswelt und der öffentlichen Verwaltung groß genug, dass die ursprünglich für den Konzern-Kontext angebotenen Software-Pakete dann auch für den öffentlichen Verwaltungsapparat funktionieren. Ganz anders sieht es allerdings aus, wenn es um einen Leistungsbescheid in einer Krankenkasse geht oder eine Baugenehmigung zu modellieren ist. Das ist mit Standard-Software praktisch nicht mehr möglich, und dann gibt es im Grunde genommen keine Muster mehr. Kann gut sein, dass sich da künftig mehr Standard-Software-Pakete herausbilden, aber bislang ist der Anspruch an Standardisierung angesichts der  Komplexität der Anforderungen kaum umsetzbar.

ZOE: Als jemand, der anspruchsvolle Veränderungen in der öffentlichen Verwaltung kennt: Welchen Ratschlag hättest Du an die dortigen Führungskräfte?

Dubbermann: Das Zielsystem der öffentlichen Verwaltung insgesamt im Blick zu haben, sich über die immanenten Zielkonflikte im Klaren zu sein. Und das möglichst schon bevor der eigentliche Change-Prozesse beginnt. Erfahrungsgemäß gelingt das am besten, wenn Führungskräfte bereits früh im Prozess dafür sorgen, dass die verschiedenen Beteiligten an einen Tisch kommen und mögliche Zielkonflikte ausloten – gemeinsam mit Mitarbeitenden und mit Hilfe externer Beraterinnen und Berater.

ZOE: Und wenn Du den Mitarbeitenden, die von größeren Veränderungsprozessen in der öffentlichen Verwaltung betroffen sind, einen Wunsch mit auf den Weg geben könntest?

Dubbermann: Mitarbeitende möchte ich gerne ermutigen, ihre Wünsche, ihre Bedürfnisse, ihre Interessen, ihre Ziele in solche Prozesse einzubringen. Auf eine möglichst produktive Art und das heißt oftmals rechtzeitig. Ziel sollte sein, gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen, sich auf eine Verweigerungshaltung, Abwehrhaltung oder Augenrollen zu beschränken, sondern alle Gelegenheiten zur konstruktiven Mitgestaltung zu nutzen. Denn diese Möglichkeiten sind ja in aller Regel gegeben, zum Glück. Es gibt da ein starkes Personalvertretungsrecht und klare Tarifverträge, die schaffen die sichere Basis für Mitspracherechte, und die sollten Mitarbeitende aktiv nutzen. Das beinhaltet auch, das Gespräch mit Führungskräften zu suchen.

ZOE: Und schließlich die Beratenden – was sollten die bei Change-Prozessen in der öffentlichen Verwaltung besonders beherzigen?

Dubbermann: Externe Beratung spielt bei manchen Projekten eine immer größere Rolle, Stichwort Digitalisierung. Gerade Beraterinnen und Beratern in der Fachberatung, also z. B. bei externer IT-Expertise, würde ich immer mitgeben: Macht Euch ein differenziertes Bild der Situation und schaut Euch die Zielsysteme in ihrer Komplexität an. Geht dabei nicht davon aus, dass Eure in der Unternehmenswelt geprägten Annahmen einfach eins-zu-eins auf die öffentliche Verwaltung übertragbar sind.

ZOE: Wo muss ich als Berater*in denn hinschauen, um etwas über die relevanten Zielsysteme zu erfahren?

Dubbermann: Zunächst stelle ich als Berater*in sicher, dass alle betroffenen Mitarbeitenden im Projekt einbezogen werden. Dass all das relevante Praxiswissen an Bord ist und in der Projektgruppe abgebildet werden kann. Dazu genügt es nicht, sich auf die formellen und technischen Vorgaben zu beschränken. Notwendig sind immer separate Befragungen der Anwender*innen, aber auch systematische Alltagsbeobachtungen: Wie laufen die Arbeitsschritte im Alltag tatsächlich ab? Hieraus lässt sich dann ableiten, welche Kalküle und Ziele die Beteiligten tatsächlich heranziehen. Das kann auch mal heißen, widerstreitende Ziele zu erkennen und diesen in der Projektgruppe eine Stimme zu geben.

ZOE: Zu guter Letzt: Du warst jahrelang Führungskraft in der öffentlichen Verwaltung, warst stellvertretender Behördenleiter und Dezernatsleiter und hattest mit zahlreichen größeren Veränderungsprojekten zu tun. Gibt es etwas, was Du an Deiner Zeit in der Verwaltung vermisst? Oder eine Botschaft, die Du damals gerne gekannt hättest?

Dubbermann: Was mir immer viel Freude an der Arbeit in der öffentlichen Verwaltung gemacht hat, ist Verantwortung zu haben und einen besonderen Beitrag zu leisten für das Gelingen von gesellschaftlichem Zusammenleben. Noch nicht so klar wie heute war mir, wie wichtig ein positives Menschenbild und wertschätzender Umgang in der Arbeitswelt und speziell für meine eigene Zufriedenheit sind.

 

Torsten Dubbermann
Dubbermann | Coaching & Mediation

Marcus Quinlivan
Partner und CEO denkmodell GmbH


Wie die Eintracht Geschichte(n) macht

In kaum einem Bereich lässt sich Storytelling so gut nutzen wie im Sport, wo es oft hoch emotional hergeht und sowohl Triumphe als auch Niederlagen zahlreichen Stoff für Geschichten oder Inszenierungen bieten. Für die ZOE hat Anne Meyer-Minnemann mit Jan Martin Strasheim, Bereichsleiter Kommunikation und Medien beim Fußballklub Eintracht Frankfurt, über die Besonderheiten seines traditionsreichen Vereins, die Macht und Entstehung von Geschichten und die Herausforderungen durch die Corona-Pandemie für den Profisport gesprochen.

ZOE: Herr Strasheim, Eintracht Frankfurt blickt seit der Gründung 1899 auf eine Vereinsgeschichte voller legendärer Geschichten zurück. Was ist so besonders an diesem Fußballverein?

Strasheim: Es sind die Menschen, die ihn tragen. Eintracht Frankfurt bezeichnet sich selbst als basisorientiert, versucht die Anliegen im Umfeld ernst zu nehmen und nach außen zu transportieren. Ein Bekenntnis zur Tradition, zur Region heißt hier nicht, dass man kleinbürgerlich und verbohrt ist. Frankfurt als historische Handelsstadt ist seit jeher weltoffen, war immer Verkehrsknotenpunkt in Europa und hat schon immer Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammengebracht. Eintracht Frankfurt ist auch international ausgerichtet und trotz des sehr traditionell geprägten Leitbildes immer wieder im Modernisierungsprozess. Und dies in aller Offenheit mit dem Anspruch sich weiterzuentwickeln mit dem Wissen nicht fehlerfrei zu sein. Aufgrund vieler Tiefpunkte in der Vergangenheit – wie es viele Traditionsklubs erleben mussten und müssen – ist ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl über die Jahre entstanden. Das war aus meiner Sicht mit ausschlaggebend für zuletzt zwei Titelgewinne in vier Jahren. Für einen Klub wie Eintracht Frankfurt eine außergewöhnliche Bilanz.

ZOE: Ein Klassiker des Storytellings ist das Personifizieren von Marken oder Organisationen. Die Eintracht hat eine für einen Fußballklub ungewöhnliche Persona. Sie wird auch die «launische Diva» genannt. Sogar in der Vereins-Hymne wird sie so besungen: «Mit dem Adler im Herzen, sind wir geboren. Die launische Diva, hat uns auserkoren.» Können Sie uns das erklären?

Strasheim: Es ist eine Frage der Herkunft und der Geschichte. Als junger Fan habe ich es oft gespürt. Hohe Ambitionen, große Ideen, viele Hoffnungen – Eintracht Frankfurt war auch aufgrund des medialen Umfeldes gut darin, Hoffnungen zu wecken, Luftschlösser zu bauen. Teilweise wurde spektakulärer Fußball gespielt, auf der Zielgeraden der entsprechenden Wettbewerbe sorgten oftmals Unstimmigkeiten im Klub für ein Scheitern. Man hatte oft das Gefühl, dass in diesem Klub mehr möglich gewesen wäre, durch divenhaftes Verhalten aber letztlich verhindert wurde. Es hatte immer ein bisschen was von Selbstzerstörung. Aber: Auch das hat eine Faszination ausgemacht. Eintracht Frankfurt war dennoch irgendwie immer liebenswert und hat spannende Geschichten produziert. Das ist bis heute so. Und gehört auch im Narrativ zum Klub.

«Die Auf jetzt!-Kampagne war nur erfolgreich, weil sie aus der Fan-Szene kam.»

ZOE: Im Profisport sind Gewinnen und Verlieren, Jubel und Enttäuschung ständige Begleiter. Hilft dieses gelernte Auf und Ab auch mit nichtsportlichen Krisensituationen umzugehen, wie zum Beispiel der Corona-Pandemie?

Strasheim: Davon bin ich überzeugt. Fußballvereine insgesamt haben in den letzten Jahren eine enorme Resilienz aufgebaut. In der Pandemie hat man gespürt, dass wir Organisationen sind, die nicht nur Sportler weiterentwickeln, sondern auch sportliches Denken in uns tragen. Wir haben die Situation als Herausforderung angenommen und sind meiner Meinung nach deshalb stark aus der Pandemie zurückgekommen. Ich erinnere mich gut an all die Termine und Telefonate, die wir in der Anfangszeit hatten – wie viele andere Organisationen hatten wir regelrechte Existenzängste. Wenn ich Revue passieren lasse, wie wir aus dieser schwierigen Zeit rausgekommen sind – vor allem auch aus der medialen Perspektive – war es erfolgreich.

ZOE: In der Pandemie mussten sportliche Erfolge und Niederlagen ganz anders erzählt werden als in Zeiten, in denen Fans im Stadion hautnah mitfiebern. Was haben Sie in dieser Zeit kommunikativ anders gemacht, um die Fans der Sportgemeinde Eintracht (SGE) bei der Stange zu halten?

Strasheim: In Deutschland entstanden zu Beginn der Pandemie enorme Ressentiments gegen den Profifußball, weil versucht wurde, trotz allem den Spielbetrieb aufrecht zu halten. Der Fußball lebt ja in allererster Linie von TV-Geldern als eine der wichtigsten Einnahmequellen. Es wäre ein wirtschaftliches Fiasko gewesen, die Saison nicht mehr zu Ende spielen zu können. Wir hatten also die große Aufgabe, den Menschen zu erklären,warum es trotz der Pandemie diese speziellen Rechte für den Fußball gibt. Dass Vereine mittelständische Unternehmen sind, dass weitaus mehr daran hängt als «nur» Profifußballer. Aber natürlich gab es das Bild: der Profifußball hier, Schulen und Krankenhäuser dort. Auf der anderen Seite war es für uns enorm wichtig, während der Pandemie-Jahre zu versuchen, die emotionale Bindung zu dem Verein nicht verloren gehen zu lassen.

ZOE: Damals haben Sie ein bereits bewährtes Krisennarrativ zu neuem Leben erweckt. Ich spiele auf die Kampagne «Auf jetzt!» an. Was hat es damit auf sich?

Strasheim: Die Kampagne hatten wir 2016 ins Leben gerufen, als Eintracht Frankfurt mit dem Rücken zur Wand stand. Damals ist die Mannschaft dem Abstieg knapp entronnen. Es wirkte alles zersplittet: enttäuschte Fans, verunsicherte Spieler und Tristesse im Gesamtumfeld. Wir brauchten etwas, was diesen Zeitraum begleitet, vereint und uns mit den Fans gemeinsam die Möglichkeit gab, nach vorne zu schauen. Das war die Kampagne «Auf jetzt». Der damalige Trainer Niko Kovac unterstützte uns redlich und hatte den verbindenden Charakter verstanden. Die Idee des Claims und weitreichende Formen der Umsetzung kam direkt aus der Fanszene. Es war also keine klassische PR sondern ein Gemeinschaftsprojekt. Ich glaube, das hat dem Klub sehr geholfen zusammenzufinden.

ZOE: Was macht so eine Geschichte glaubhaft für Fans?

Strasheim: «Auf Jetzt!» ruft man als Fan, wenn man einen Impuls erhofft, einen Schub geben will. Es kommt von den Menschen und übersetzt man es, passt es wieder zur «Diva»: «Kommt schon, ihr könnt es doch.» Das Sentiment hinter dem Ausdruck kommt ursprünglich aus der Fanszene und musste nicht erst glaubhaft gemacht werden. Das Team hat damals den Klassenerhalt geschafft und das «Auf jetzt!» ist als Erfolgskampagne im Gedächtnis geblieben. Es war der Auftakt einer erfolgreichen Gesamtkommunikation bei Eintracht Frankfurt und hat natürlich, ob bewusst oder nicht, zur Schärfung des Markenbildes beigetragen. Auch zu Beginn der Pandemie hatte «Auf Jetzt!» sehr gut gepasst zur Stärkung des sozialen Miteinanders und wichtiger sozialer Institutionen. Wir haben damit die Tafeln, die Arche, das Uniklinikum Frankfurt, die Diakonie oder das Rote Kreuz gemeinsam mit Fans unterstützt und sind dem gesamtgesellschaftlichen Auftrag des Vereins nachgekommen.

ZOE: Wie wichtig ist der partizipative Austausch mit den Fans, um Geschichten Leben einzuhauchen?

Strasheim: Enorm wichtig. Die Auf jetzt!-Kampagne war nur erfolgreich, weil sie aus der Fan-Szene kam. Wir hatten zuerst die Idee, eine Agentur mit einer Kampagne zu beauftragen, haben dann aber schnell gemerkt, dass das nichts wäre, was die Leute fesselt oder bindet, weil es nicht authentisch ist. Es war wichtig, dass der Haupt-Input aus der Fan-Szene kommt. Das zeigt auch der Gegenwind, den wir bekommen haben, als wir nach der Pandemie kurzzeitig mit Influencern zusammengearbeitet haben. Wir wussten damals nicht, ob die Stadien jemals wieder ausverkauft werden würden und haben dementsprechend im Rahmen eines Europa-League-Spiels, das noch unter Teilausschluss stattgefunden hat, einen kommunikativen Zugang zu jüngeren Zielgruppen versucht über diese Influencer zu erschließen. Dafür haben wir von den Fans ganz schön auf die Mütze bekommen. Das meiste, was in den vergangenen Jahren bei Eintracht Frankfurt in Sachen Medienarbeit erfolgreich geschehen ist, ist Hand in Hand mit der Fan-Szene – ja sogar größtenteils aus der Fan-Szene heraus – geboren und entwickelt worden.

ZOE: Was können andere Organisationen vom Profisport in Sachen Krisenkommunikation lernen?

Strasheim: Wenn man so will, findet im Profifußball jeden Tag Krisenkommunikation statt. Es gibt wahrscheinlich keine Organisation in Deutschland, die so stark im Rampenlicht steht und aus der – egal was passiert – alles sofort an die Öffentlichkeit dringt. Wichtig ist, Krisensituationen zu antizipieren, indem man sie mit Erfahrungswerten abgleicht und verschiedene Szenarien und deren kommunikativen Umgang in der Tasche hat, bevor sie überhaupt stattfinden. Und es braucht gutes Teamwork und klare Kommunikationswege innerhalb der Organisation. Ohne eine reibungslose interne Kommunikation gelingt auch eine gute Kommunikation in der Öffentlichkeit nicht. Das ist unter Druck nicht immer leicht und erfordert viel Verständnis von allen Beteiligten.

ZOE: Im Bereich des Profifußballs ist Ihre Organisation Vorreiter in Sachen Owned Platform Kommunikation. Sie nutzen zur Gestaltung Ihrer Narrative hauptsächlich Ihre eigene Website und Ihren eigenen Web-TV-Sender, für den Sie Reportagen, Interviews und Hintergrundberichte produzieren. Wie gelang es Ihnen, aus einer Sportorganisation heraus ein Medienunternehmen zu schaffen?

Strasheim: Startschuss war die besagte Kampagne 2016. Es gab daraufhin den Auftrag, die Medienarbeit des Vereins vollständig zu verändern. Wir waren damals eine Presseabteilung von fünf Personen und waren nicht dafür aufgestellt, Profifußball auf höchstem Niveau medial zu gestalten. Zunächst haben wir uns als Ziel gesetzt, den Verein sauber darzustellen. Wir haben neue Formate und Kanäle entwickelt und unglaublich viel ausprobieren dürfen in dieser ersten Phase. Wir kamen so ein bisschen als Underdog und konnten deshalb Dinge in einer Weise tun, wie sie sich gestandene Klubs sicher nie hätten erlauben können, weil sie immer kritischer beäugt worden wären. Mit dem DFB-Pokalsieg 2018 haben wir dann den Flow in das Wachstum der Organisation mitgenommen.

ZOE: Ein Plädoyer dafür, Kommunikation auch immer Hand in Hand mit dem Wachstum der Organisation zu entwickeln?

Strasheim: Die Kommunikation ist bei Sportclubs neben dem eigentlichen Sport mit das Wichtigste, weil man so viele Themen steuern kann und auch muss. Sie ist markenprägend und markenbildend. Aus meiner Sicht geht dies nicht anders.

«Ohne eine reibungslose interne Kommunikation gelingt auch eine gute Kommunikation in der Öffentlichkeit nicht.»

ZOE: Neben den Fans sorgen im Profifußball auch immer wieder Spieler für Negativschlagzeilen. Bei der Eintracht war bis zu seinem Karriereende im vergangenen Jahr «Hinti», also Martin Hinteregger, eine solch schillernde Figur. Ein erstklassiger Abwehrchef, der aber mit Party-Exzessen, Spielsucht und Kontakten zu einem rechtspopulistischen FPÖ-Mann für Aufsehen sorgte. Wie fängt man eine solche kommunikative «loose cannon» in den eigenen Reihen ein?

Strasheim: Ganz und gar auffangen kann man so etwas nie. Und vielleicht muss man das auch gar nicht. Auf der einen Seite wird zwar erwartet, dass Fußballprofis top-professionell auftreten, sich dem Sport unterordnen und funktionieren, auf der anderen Seite aber wünscht sich die Öffentlichkeit den kernigen Kumpel von nebenan auf dem Platz. Martin Hinteregger ist es einige Jahre sehr gut gelungen, beides zu vereinen und damit zu einer echten Identifikationsfigur zu werden. Solange es eine Mannschaft mitträgt, dass einer aus der Reihe tanzt, ist das okay und er war mit seinen Ecken und Kanten auch jemand, der gut zu dem «unperfekten» Image von Eintracht Frankfurt gepasst hat. In einem gewissen Rahmen gibt so etwas dem Klub Profil. Aber es gab einen Punkt, an dem es schwierig wurde, die öffentliche Meinung und auch der Rückhalt der Medien gekippt ist, und ich schätze es persönlich sehr, dass Martin für sich die richtigen Schlüsse daraus gezogen hat.

ZOE: Ihre Organisation hat klare Werte, die immer wieder in Narrativen verankert werden. Bis hin dazu, dass in Paragraf 2 der Satzung des Vereins festgehalten ist, dass die Vereinsfarben nicht etwa Schwarz-Weiß-Rot sind, sondern Rot-Schwarz-Weiß – um sich von der Reichsfahne zu distanzieren. Wie wichtig ist es, unternehmenseigene Werte immer wieder aktiv in Geschichten umzusetzen?

Strasheim: Natürlich geht es darum, immer wieder auf die eigene Historie aufmerksam zu machen. Das Hervorheben der Tradition – aber auch die Schicksale in der Nazi-Zeit und die daraus entstandene Haltung des Klubs muss belegbar und erlebbar gemacht werden. Das Narrativ wird von vielen Menschen im Klub – aber vor allem von den Fans – entwickelt und gelebt. Mit dem Eintracht Museum haben wir zudem eine Institution, die Fahrten nach Dachau anbietet oder den KZ-Überlebenden Helmut «Sonny» Sonneberg begleitet und seine Geschichte erzählt. Das ist ungemein wichtig, weil man nicht nur darüber spricht sondern auch handelt.

ZOE: Lassen Sie uns ein wenig über Transformationsgeschichten sprechen. Vergangenes Jahr hat in Frankfurt der Umbau Ihres Stadions begonnen, das um 10.000 Stehplätze erweitert werden soll – bei laufendem Betrieb. Dafür müssen erst einmal Sitzreihen abgebaut werden, Dauerkartenbesitzer verlieren ihre angestammten Plätze: Wie haben Sie die Kommunikation zu dieser spürbaren Veränderung gestaltet?

Strasheim: Das Projekt wurde bereits vor vier Jahren öffentlich aufgegriffen und erklärt warum dieser Umbau notwendig ist. Unser Ansatz war ein inklusiver: Junge Menschen, die als Kind mit dem Vater ins Stadion gegangen sind, sollten die Möglichkeit haben, sich auch als Studierende oder Auszubildende einen Stadionbesuch leisten zu können. Dafür ist es nötig, neben den Logen und Business-Seats auch genügend Stehplätze anzubieten. Die persönliche Fan-Biografie kann vom Kind, über den jungen Menschen mit schmalem Budget bis hin zum Dauerkartenbesitzer mit Sitzplatz oder sogar zum Logen-Mieter gehen.Wenn man sagt, dass Fußball für alle da ist, dann ist es wichtig, dies auch zu leben.

ZOE: Das Stadion als Abbild des persönlichen Lebenswegs…

Strasheim: Das ist genau der Punkt. Einer unserer wesentlichen Erfolge ist, dass sich der Verein in den letzten Jahren für viele zu einem Lebensmittelpunkt entwickelt hat. Es gibt in der Gesellschaft nicht mehr viele solcher Orte, an denen Austausch zwischen Menschen unterschiedlichster Prägung stattfindet. Dieses Vereinende ist eine große Kraft des Sports im Allgemeinen und des Fußballs im Besonderen.

ZOE: Was macht für Sie eine gute Veränderungsgeschichte aus?

Strasheim: Das Wichtigste ist, dass die Veränderung authentisch und glaubhaft ist. Die Organisation muss, egal wohin sie sich entwickelt, im Kern bei sich bleiben. Und wenn man von etwas überzeugt ist, muss man es auch durchziehen – bis zur letzten Konsequenz. Wir müssen stetig, durch die Transferfenster im Halbjahresrhythmus, Veränderung kommunizieren und gleichzeitig vermitteln, dass wir bei all dieser Veränderung immer Eintracht Frankfurt bleiben. Das ist immer wieder spannend.

 

Jan Martin Strasheim
Bereichsleiter Medien und Kommunikation, Eintracht Frankfurt Fußball AG

Anne Meyer-Minnemann
Geschäftsführende Gesellschafterin, Kessel & Kessel GmbH