Editorial Ausgabe 4/24

Zu neuen Ufern

«Wie kann ich meinem Team in dieser Phase Orientierung geben, wenn ich selbst nicht weiß, was mit mir passiert?» fragt mich im Coaching eine Kundin, deren Firma restrukturiert. Darauf gibt es keine einfache Antwort. Vielmehr half es, gemeinsam zu analysieren: Welche Einflussnahme ist in dieser Übergangssituation möglich? Wie kann den Bedürfnissen des Teams begegnet werden? Was steht zur Verfügung, um die Ungewissheit mental auszuhalten, zu überbrücken oder gar produktiv zu nutzen?

Jeder Mensch erlebt eine Vielzahl biografischer Übergänge wie das Erwachsenwerden, den Beginn oder das Ende der beruflichen Tätigkeit, Berufswechsel, Elternschaft oder weitere gravierende Lebenseinschnitte. Ähnlich durchlaufen auch Organisationen Entwicklungen, die einen neuen Abschnitt in ihrer Biografie einläuten.

Übergänge sind mit einem Abschied von Vertrautem verbunden und erfordern Offenheit für Neues. Häufig entsteht in diesen Phasen organisationaler Stillstand. Es lohnt sich nicht mehr, in Bisheriges zu investieren, doch das Neue ist in seiner Konturierung noch nicht erkennbar. Je länger das dauert und je diffuser das Veränderungsziel scheint, desto ausgeprägter die Unsicherheit und Unzufriedenheit bei denen, die in diesem Zwischenzustand gefangen sind. In dieser Ausgabe der ZOE erkunden wir, auf welche Erkenntnisse und Vorgehensweisen wir zurückgreifen können, um organisationale Übergangssituationen wirksam zu gestalten.

Beispielsweise erläutert gleich der erste Beitrag, wie Führungskräfte das «Vorausfürchten» und den Belastungsgrad bei Restrukturierungen reduzieren können. Damit Übergangsperioden kognitiv bewältigbar werden, benötigen wir eine konzeptionelle Vorstellung des Weges von A nach B, wofür verschiedene orientierungsstiftende Visualisierungsmöglichkeiten hilfreich sind. Weitere Artikel illustrieren wirksame Interventionen wie Rituale, transformative Workshopformate oder das theoretische Framework der Engpasstheorie, um Übergangsperioden gut zu navigieren. Auch neurobiologische Effekte lohnt es sich bei der Gestaltung derartiger Veränderungen zu berücksichtigen. Bei der Nutzung von Theorien zur Inspiration und Unterstützung empfiehlt sich jedoch eine genaue Prüfung, da auch populäre Ansätze wie die Theorie der Entwicklungsstufen nach Graves möglicherweise aus wissenschaftlicher Sicht keine legitime Grundlage für das Handeln in der Praxis geben, wie ein Beitrag eindrucksvoll vermittelt.

Übergangssituationen gehören zum Leben. Mit geeigneten Strategien finden wir die transformative Kraft, um neue Wege zu beschreiten.

Einen schwungvollen Übergang in den Herbst und eine interessante Lektüre wünscht Ihnen

Brigitte Winkler


Aus Ausgabe Nr. 4/24: Im Dazwischen – Übergänge wirksam gestalten

Restrukturierungen, Kulturwandel oder neue Arbeitsformen erzeugen in Organisationen Unsicherheit und Phasen des Stillstands. Übergangsphasen wie diese erfordern gezielte Interventionen, um Orientierung zu geben und die transformative Kraft des Wandels zu nutzen. Die aktuelle Ausgabe der ZOE beleuchtet unter anderem, wie das «Vorausfürchten» reduziert, Unsicherheit kognitiv bewältigt und Übergänge durch Rituale oder visuelle Konzepte unterstützt werden. Die Artikel stellen vielfältige Ansätze in den Mittelpunkt: Von der neurobiologischen Betrachtung des Umgangs mit Stress in Veränderungsphasen bis hin zu verhaltensökonomischen Einsichten in Übergangszeiten. Methoden wie die Engpasstheorie bieten praxisnahe Ansätze, um komplexe Veränderungsprozesse erfolgreich zu navigieren.

Diese Ausgabe der ZOE liefert wertvolle Anregungen, die Veränderungsprozesse in Organisationen zu begleiten und aktiv gestalten zu können.